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Viermaliger Paralympics-Sieger Czyz beendet seine Karriere

Künftig will er mit „Sailing4Handicaps“ Behinderten in weniger wohlhabenden Ländern helfen, an Prothesen zu kommen.

Er sagt Tschüs: Wojtek Czyz, hier bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Er sagt Tschüs: Wojtek Czyz, hier bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Czyz nach dem 100-m-Finale im Olympiastadion in London 2012 (Foto: dpa)

Czyz nach dem 100-m-Finale im Olympiastadion in London 2012 (Foto: dpa)

Silber im Weitsprung bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Silber im Weitsprung bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Zuletzt machte er weniger mit seinen Erfolgen, sondern als Motzki Schlagzeilen. Vor den Paralympics 2012 in London meckerte Wojtek Czyz, als die Siegprämien von 4.500 auf 7.500 Euro erhöht wurden (was aber immer noch die Hälfte der Beträge für nichtbehinderte Olympiasieger ist), in Richtung der Funktionäre: „Das können sie sich sparen, so lange es nicht 15.000 Euro sind. Eine Erhöhung ist keine Anerkennung für unsere Leistungen. Da hätten sie das Geld besser gespart und woanders eingesetzt.“

„Dann gute Nacht“

Während den Paralympics sorgte Czyz für einen Eklat, als er seinen Konkurrenten Heinrich Popow und dessen Ausrüster Otto Bock Technik-Doping vorwarf: „Wenn man sich so einen Vorteil verschafft, dann ist das für mich kein paralympischer Sport, sondern einfach eine Materialschlacht. Dann gewinnt nicht mehr der beste Athlet, sondern der mit dem besten Material. Wenn das der Fall ist, dann gute Nacht“, beklagte sich Czyz, dass Ottobock ihm nicht das gleiche Rennwerkzeug (künstliches Kniegelenk) zur Verfügung gestellt hatte wie Popw.

Nachdem dieser tatsächlich die 100 Meter gewonnen hatte, musste sich Czyz einen Rüffel vom Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Friedhelm Julius Beucher, anhören: „Heinrich hat die richtige Antwort gegeben. Diese Debatte hatte nichts mit Fairness zu tun, völlig unnötig.“

Ende einer ganz großen Sportkarriere

Alles Schnee von gestern. Wojtek Czyz, der in Polen geboren wurde, beendet als einer der erfolgreichsten deutschen Paralympics-Starter seine Karriere. Nachdem der 32-Jährige die derzeitigen Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten in Lyon wegen einer Verletzung verpasst hatte, will er am 30. August in Eisenberg/Pfalz seinen letzten Wettkampf bestreiten.

Größte Erfolge von Wojtek Czyz


Mit der Goldmedaille bei den Paralympics 2014 in Athen (Foto: Louisa Gouliamaki/dpa)

Mit der Goldmedaille bei den Paralympics 2014 in Athen (Foto: Louisa Gouliamaki/dpa)

4 x Paralympics-Gold: 100 m (2004), 200 m (2004), Weitsprung (2004 und 2008 )
1 x Paralympics-Silber: 100 m (2012)
3 x Weltmeister: 100 m (2006), 200 m (2006), Weitsprung (2006)
3 x Vizeweltmeister: Weitsprung (2011)
7 x Gold IWAS World Games: Weitsprung (2007, 2009, 2011), 100 m (2009, 2011), 200 m (2011), 4 x 100 m (2009)
3 x Europameister: 100 m (2005), 200 m (2005), Weitsprung (2005)

Abschied mit Björn Otto und Heike Drechsler

„Natürlich war es eine große Enttäuschung, dass ich in Lyon nicht dabei sein konnte. Man will eigentlich nicht so aufhören“, sagte der Oberschenkelamputierte in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das morgen erscheint.

Zum Abschied erwartet der viermalige Paralympics-Sieger viele Freunde, darunter Stabhochspringer Björn Otto und die frühere Weitspringerin Heike Drechsler. „Ich denke, so kann man dann auch abtreten“, betonte Czyz, der vor einer Karriere als Fußballer stand. Mit Miroslav Klose ist er befreundet – doch eine mögliche Profi-Laufbahn als Kicker wurde am 15. September 2011 zerstört („Mein Schicksal“).

Czyz posiert für seine Sponsoren (Foto: privat)

Vor einigen Tagen: Czyz posiert für seine Sponsoren (Foto: privat)

Er will Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen

An diesem Tag erlitt er bei einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart schwere Verletzungen am linken Knie und erlitt ein Kompartmentsyndrom. Nach einer Kette von Behandlungsfehlern und Fehleinschätzungen wurde am 23. September im Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert.

Zukünftig will der Sprinter mit seinem Projekt „Sailing4Handicaps“ Behinderten in weniger wohlhabenden Ländern helfen, an Prothesen zu kommen. „Mit dieser Erfahrung reifte der Entschluss in mir, als erster mehrfacher paralympischer Champion um die Welt zu segeln. Mein Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe“, schrieb er auf seiner Internetseite (ausführlicher ROLLINGPLANET-Bericht: Paralympics-Star Czyz und Freundin wollen mindestens vier Jahre lang um die Welt segeln).

Wojtek Czyz trinkt  2008 auf einer Pressekonferenz  nach eigener Aussage sein "erstes Bier im Leben". (Foto: Kai-Uwe Wärner/dpa)

Wojtek Czyz trinkt 2008 auf einer Pressekonferenz nach eigener Aussage sein „erstes Bier im Leben“. (Foto: Kai-Uwe Wärner/dpa)

(RP/dpa)

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