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Viertes Gold: Anna Schaffelhuber macht es wie Muhammad Ali

Das Covergirl des deutschen Teams fuhr in einer skurrilen Super-Kombination mit nur zwei gewerteten Fahrerinnen zum Sieg. Daneben holte das deutsche Team dreimal Silber.

Nur zwei Teilnehmerinnen: Silber für Anna-Lena Forster und Gold für Anna Schaffelhuber (r.) (Foto:  Jan Woitas/dpa)

Nur zwei Teilnehmerinnen: Silber für Anna-Lena Forster (l.) und Gold für Anna Schaffelhuber (r.) (Foto: Jan Woitas/dpa)

Anna Schaffelhuber steht vor der Krönung zur Alpin-Königin der Sotschi-Paralympics – nur ein Triumph fehlt dem deutschen Covergirl noch zur Maximalausbeute von fünf Goldmedaillen. Bei ihrem vierten Auftritt feierte die querschnittsgelähmte 21-Jährige am Freitag souverän ihren vierten Sieg (ROLLINGPLANET berichtete).

Allerdings verkam die Super-Kombination in der sitzenden Klasse zu einer skurrilen Angelegenheit: Neben Schaffelhuber wurde einzig ihre Teamkollegin Anna-Lena Forster überhaupt gewertet. Alle anderen Starterinnen hatten aufgegeben, waren bereits zuvor ausgeschieden oder beim abschließenden Super-G-Lauf nicht ins Ziel gekommen.

Jetzt muss der alte Ali zum Vergleich ran

„Muhammad Ali hat sich auch nicht beschwert, wenn außer ihm kaum andere da waren“, kommentierte der deutsche Verbandschef Friedhelm Julius Beucher trocken und sprach von einer „wunderbaren Ausnahmesituation“, in die Schaffelhuber das deutsche Team geführt habe. „Wunderbar“ ist eines der Lieblingsworte von Beucher (zum Beispiel hier, hier oder hier.)

Der wunderbare Präsident des Deutschen Behindersportverbands (DBS), Friedhelm Julius Beucher (Foto: dpa)

Der wunderbare Präsident des Deutschen Behindersportverbands (DBS), Friedhelm Julius Beucher (Foto: dpa)

Neben der Vierfach-Siegerin sowie Silbermedaillengewinnerin Forster fuhr auch Andrea Rothfuss (stehend) im Alpinzentrum von „Rosa Chutor“ auf den zweiten Kombinations-Rang. Biathletin Anja Wicker heimste ebenfalls ihre zweite Medaille bei den Weltspielen der Behinderten ein: Nach Gold über 10 Kilometer holte sie mit dem Ski-Schlitten über 12,5 Kilometer Silber. „Das Märchen geht weiter. Für mich war auch das jetzt eine Sensationsmedaille“, sagte Wicker.

Auf den Spuren von Verena Bentele

Zwei Tage vor dem Paralympics-Ende hat das deutsche Team inzwischen siebenmal Gold und viermal Silber eingesackt. Im Mittelpunkt stand wie an all den Vortagen aber allein Anna Schaffelhuber: Nach souveränen Erfolgen in Abfahrt, Super-G, Slalom und Super-Kombination kann die Monoskifahrerin am Sonntag im Riesenslalom ihre herausragende Bilanz gar auf fünf Goldmedaillen ausbauen.

So viele Edelplaketten hatte bei den Vancouver-Spielen vor vier Jahren schon Verena Benetele auf der Biathlon- und Langlaufstrecke eingeheimst. Kurz danach schaffte die blinde Ausnahmesportlerin auch in politischer Hinsicht einen steilen Aufstieg: Sie arbeitet inzwischen als Behindertenbeauftragte im Auftrag der Bundesregierung.

„Ich freue mich jetzt erstmal nur für heute. Ich habe nie gesagt, dass ich fünf Goldmedaillen hole“, meinte Schaffelhuber betont zurückhaltend. Dabei ist auch Verbandspräsident Beucher klar, dass seine Topathletin sich jetzt kaum mit vier Goldplaketten zufriedengeben wird. „Sie ist total diszipliniert und erfolgsfokussiert“, lobte er. Das 24-Stunden-Wirrwarr um die fragwürdige Disqualifikation im Slalom hat die Bayerin psychisch gut überstanden. „Es hat mich sehr erleichtert, doch Gold bekommen zu haben. Das war eine der schwierigsten Zeiten, die ich gehabt habe“, gestand sie ein.

Der skurrile Zweierwettbewerb

Trotz der sonderbaren Umstände mit lediglich zwei gewerteten Athletinnen wollte sich Schaffelhuber ihren Sieg nicht madig reden lassen. „Gemütlich kann man hier nicht runterfahren, das wäre den Spielen nicht würdig gewesen“, urteilte sie. Als sie sich nach den zwei Slalomläufen vom Dienstag zum Auftakt des geteilten Kombinationswettbewerbes als Führende und Letzte auf die Super-G-Piste stürzte, hatte es bis dato einzig Forster ins Ziel geschafft. Schaffelhuber wusste: Eine Medaille ist ihr sicher, wenn sie denn heil unten ankommt. „Ich habe aber schon Gas gegeben. Ansonsten hätte es nicht zur Goldmedaille gereicht“, behauptete sie.

Dabei hatte Forster, bereits nach dem ersten Kombinationsteil Zweitplatzierte, durchaus mächtig Tempo eingespart. „Ich bin schon locker gefahren, habe auch ein bisschen mehr gebremst“, sagte die 18-Jährige. „Ich hätte mir in den Arsch gebissen, wenn es mich unten noch rausgehauen hätte“, kommentierte sie ihre eher bedächtige Fahrt.

Mehr Starterinnen gesucht

Selbst Karl Quade, seit 1996 bei Großereignissen Chef de Mission des deutschen Teams, schaute verdutzt drein. „So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Das ist für den Spitzensport nicht gut“, gestand er und forderte, „diese Wettbewerbe bei den Sitzenden besser zu promoten, damit wir dort auch mehr Starterinnen haben.“

Beucher sah es ähnlich. „Man muss sehen, dass man die Qualifikationskriterien so auslegt, dass man ein breiteres Feld bekommt“, forderte er. Das ist doch ein wunderbares Schlusswort.

(RP/dpa)

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