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Vollnarkose für Behinderte, die wegen Zahnweh um sich schlagen

Berlin setzt auf stationäre Behandlung – doch das Angebot ist umstritten.

er Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (re.) und Matthias Viehoff, Chef der neuen Einrichtung, eröffneten das Zentrum für die zahnärztliche Versorgung schwer mehrfachbehinderter Menschen am Vivantes Klinikum Neukölln

Der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (re.) und Matthias Viehoff, Chef der neuen Einrichtung, eröffneten das Zentrum für die zahnärztliche Versorgung schwer mehrfachbehinderter Menschen am Vivantes Klinikum Neukölln (Foto: .Vivantes)

Hugh Ross aus Berlin ist 37 Jahre alt, Autist, hat epileptische Anfälle und war seit acht Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. „Er lässt sich in den Mund gucken, aber mehr ist nicht möglich“, sagt sein Vater.

Sein Sohn könne die Zunge nicht beiseite nehmen, auch mache er nicht mehr mit, wenn der Zahnarzt sich etwa mit einem Bohrer nähere. Hugh Ross braucht eine Vollnarkose, wenn er zahnärztlich behandelt wird. Doch Zahnarztpraxen lehnen es wegen des hohen Risikos in diesem Fall ab, ihn zu betäuben.

Neues Behandlungszentrum

Inzwischen geht Ross wieder zum Zahnarzt – im Vivantes Klinikum Neukölln. Das Land Berlin unterstützte den Aufbau des dortigen Behandlungszentrums für schwerbehinderte Menschen mit 30.000 Euro. Es ist nach eigenen Angaben das einzige Bundesland, das diesen Weg geht.

In der Klinik werden Patienten stationär aufgenommen und unter Vollnarkose behandelt. Die im Juli neu eröffnete Einrichtung für die zahnärztliche Behandlung von schwerbehinderten Menschen sorgt inzwischen jedoch für Diskussionen.

Was die Befürworter sagen

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte zur Eröffnung: „Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, die bisher bestehende Versorgungslücke zu schließen.“ Ambulante Narkoseärzte, wie sie in den Zahnarztpraxen arbeiten, lehnten es wegen des hohen Risikos – oft liegen zum Beispiel Herzfehler oder Nierenerkrankungen vor – oft ab, mehrfach Behinderte zu betäuben.

Im Vivantes Klinikum Neukölln ist nun eine stationäre Aufnahme für ein bis zwei Tage möglich, die ein Zahnarzt von sich aus nicht einleiten darf. Pro Jahr können 400 Patienten stationär aufgenommen werden. Die Begleitung durch Pfleger oder Angehörige sei „unbedingt gewollt“, sagte Klinikchef und Chirurg Matthias Viehoff.

Renate Hoffmann, Mutter eines mehrfach behinderten Sohnes und Vertreterin der Spastikerhilfe e.V. sagte: „Ich freue mich außerordentlich.“ Bei ihrem 35 Jahre alten Sohn könne nicht einmal eine Prophylaxebehandlung ohne Vollnarkose durchgeführt werden.

PKG will lieber ambulante Zahnbehandlung gefördert haben

Die Präsidentin der Deutschen Praxisklinikgesellschaft (PKG) Christel Stoeckel-Heilenz hat nun ihre bereits mehrfach geäußerte Kritik an dem Behandlungszentrum erneuert – sie
hält den Berliner Weg für die völlig falsche Lösung: „Es ist kontraproduktiv, Behinderte zur Zahnbehandlung stationär aufzunehmen“, sagte sie der „Ärzte Zeitung“. Sie würden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und Krankenhauskeimen ausgesetzt.

Zudem sei es gesundheitsökonomisch unsinnig. „Während dieses Vorgehen Kosten ohne Ende produziert, wird die ambulante Behandlung immer noch nicht ausreichend vergütet“, so Stoeckel-Heilenz.

(RP)

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