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Vom 11. bis 25. August 2014 in São Paulo: Die Fußball-WM, über die kaum einer spricht

Interview mit Jörg Dittwar, Nationaltrainer der deutschen Nationalmannschaft für Fußballer mit intellektueller Behinderung.

Bereit: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw. ROLLINGPLANET will nicht garantieren, dass alle seine Spieler frei von intellektuellen Beeinträchtigungen sind (Foto: dpa)

Bereit: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw. ROLLINGPLANET will nicht garantieren, dass alle seine Spieler frei von intellektuellen Beeinträchtigungen sind (Foto: dpa)

Ganz Fußball-Deutschland drückt heute Jogi Löws Männern die Daumen: Gegen Klinsmann und die USA geht es um den Gruppensieg. Unterdessen bereitet Nationaltrainer Jörg Dittwar sein Team weitgehend ohne öffentliche Beachtung auf eine zweite Fußball-WM in Brasilien vor. Die Weltmeisterschaft ID für Fußballer mit „Intellectual Disability“ (mit intellektueller Behinderung) findet einen Monat nach der großen FIFA-WM statt: vom 11. bis 25. August in São Paulo.

2006 in Deutschland gelang den behinderten Fußballern noch ein ausgezeichneter dritter Platz, später wurde das Team allerdings am grünen Tisch disqualifiziert. Damals gehörte die Lebenshilfe neben dem Deutschen Behindertensportverband zu den Veranstaltern der Heim-WM. An die 300.000 Zuschauer insgesamt sahen die Spiele, allein zum Eröffnungspiel Deutschland gegen Japan kamen mehr als 20.000 Zuschauer in die Duisburger MSV-Arena. Millionen verfolgten zudem die WM der Fußballer mit intellektueller Behinderung bei Live-Übertragungen im Fernsehen oder online.

Jörg Dittwar aus Seßlach bei Coburg spielte sieben Jahre mit Europameister Andi Köpke beim 1. FC Nürnberg in der Bundesliga. Seit 2009 trainiert der 50-Jährige die deutsche Nationalmannschaft ID. Auf Honorarbasis und ehrenamtlich. Im Interview verrät der Coach, dass er sich keine Chancen auf den Titel ausrechnet. Länder wie England, Polen, die Niederlande oder Saudi Arabien seien einfach zu stark: „Unser Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen.“ Löws Elf traut er aber auf alle Fälle den Einzug ins Halbfinale zu. Die Fragen stellte Peer Brocke.

Interview mit Nationaltrainer Jörg Dittwar

Auch bereit: Jörg Dittwar, Nationaltrainer der deutschen Fußballer mit intellektueller Behinderung beim Deutschen Behindertensportverband (Foto: Privat/Lebenshilfe)

Auch bereit: Jörg Dittwar, Nationaltrainer der deutschen Fußballer mit intellektueller Behinderung beim Deutschen Behindertensportverband (Foto: Privat/Lebenshilfe)

Herr Dittwar, Jogi Löw und seine Mannschaft kennt jeder in Deutschland. Sie und ihr Team dagegen werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Ärgert Sie das?

Ja, das ärgert mich schon. Bei der WM 2006 im eigenen Land – damals war ich noch nicht Nationaltrainer – da wurde über meine Mannschaft sogar im ZDF im Aktuellen Sportstudio berichtet. Und es gab Live-Übertragungen der deutschen Spiele und des Finals im WDR. Danach wurde es wieder still um uns. Mein Traum wäre es, wenn wir gleichzeitig mit der FIFA-WM und nicht ein paar Wochen danach spielten. Dann hätten wir mehr mediale Aufmerksamkeit. Wären wir bekannter, wäre es für mich auch viel leichter, gute behinderte Fußballer zu finden. Es gibt bestimmt viel mehr Talente, nur weiß keiner, wo sie sind.

Welcher Ihrer Spieler könnte zu einem Thomas Müller werden und bei der Weltmeisterschaft im August eine herausragende Rolle spielen?

Da kann ich leider keinen Namen nennen. Die Sichtung bis zur WM ist noch nicht abgeschlossen. Meine Jungs spielen höchstens Kreisliga, die meisten sind zuhause in der Kreisklasse oder in der A-Klasse aktiv.

Was unterscheidet einen Nationalspieler Ihrer Elf von einem aus Löws Truppe?

Meine Spieler müssen einen IQ von unter 75 haben. Sie besuchen Förderschulen oder arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen. Nur wenige von ihnen können ein Spiel ansatzweise „lesen“. Sie vergessen schnell wieder, was wir Trainer mit ihnen einstudiert haben. Deshalb müssen wir bei unseren Lehrgängen viele Dinge ständig wiederholen.

Wo spüren Sie Ihre Spieler fürs Nationalteam auf?

Das ist ein großes Problem. Wir haben eigentlich nur die Deutsche Meisterschaft der Bundesländer und die Deutsche Meisterschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung, wo wir sichten können. Uns wäre sehr geholfen, wenn uns Leute vor Ort, zum Beispiel von der Lebenshilfe, auf talentierte Spieler aufmerksam machen könnten. Meine herzliche Bitte: Wenden Sie sich an den Deutschen Behindertensportverband, falls Sie einen guten Spieler kennen.

Bei der WM 2010 in Südafrika wurde Ihre Mannschaft Sechster. Wie stehen die Chancen in Brasilien?

Unser Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen. Aber wir wissen heute noch nicht, gegen wen wir in der Gruppenphase antreten müssen. Gegen die Teams aus England, Polen, Holland oder Saudi Arabien hätten wir allerdings keine Chance. Die Besten dieser Nationen spielen bisweilen sogar mit ihren Heimatklubs in der Zweiten Liga.

Können Sie Ihr Team optimal vorbereiten, zum Beispiel auf das Klima in São Paulo?

Nein. Wir fliegen dahin, kommen am Montag an, und am Dienstag oder Mittwoch geht’s schon los. Innerhalb von sechs Tagen haben wir drei Spiele! Vor dem Abflug am 10. August machen wir noch ein einwöchiges Trainingslager in Ingolstadt. Bei den Lehrgängen haben wir aber keine Zeit, um Kondition zu bolzen. Das müssen die Jungs zuhause selbst hinkriegen. Aber nicht mal jeder meiner Spieler ist daheim in einem Verein. Zweimal Training und ein Punktspiel pro Woche – das wäre schön.

Was müsste besser werden?

Mit Andi Köpke, dem Torwarttrainer der DFB-Nationalelf, habe ich von 1987 bis 1994 beim 1. FC Nürnberg gespielt. Und Jogi Löws Assistenten Hansi Flick kenne ich auch. Nach den beiden Weltmeisterschaften in Brasilien will ich versuchen, die zwei zu treffen. Vielleicht können sie helfen, Leistungsstützpunkte aufzubauen. Hansi Flick soll dann ja auch Sportdirektor des DFB werden.

Was kaum einer weiß: Wir müssen nach den Regeln der Profis spielen. Das heißt zum Beispiel mögliche Doping-Kontrollen bei Lehrgängen und Sperren nach zwei gelben Karten. Versuchen Sie mal einem behinderten Fußballer klarzumachen, dass er im nächsten WM-Spiel nicht mitmachen darf. Oder was er zuhause auf gar keinen Fall zu sich nehmen soll.

Bei der Heim-WM 2006 war Willi Breuer Nationaltrainer. Er leitet heute das erste Fußball-Leistungszentrum für Sportler mit intellektueller Beeinträchtigung in Frechen bei Köln. Seit 2013 machen die jungen Männer dort quasi eine Berufsausbildung zum Fußballer. Profitiert die Nationalmannschaft von diesem einzigartigen Projekt?

Momentan noch nicht. In der Zukunft soll aber der eine oder andere aus Frechen zur Nationalelf kommen. Willi Breuer und seine gute Arbeit kenne ich. In den Heimatvereinen kümmert sich aber niemand besonders um die Fußballer mit Behinderung. Wenn ich hauptamtlich als Nationalcoach arbeiten könnte, hätte ich Zeit, bessere Kontakte zu den Heimtrainern aufzubauen.

Ihr Tipp: Wie weit kommt Deutschland bei der FIFA-WM?

Die deutsche Mannschaft macht einen guten Eindruck, das Halbfinale wird sie auf jeden Fall erreichen.

(RP/Lebenshilfe)


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