Vom Hunger gezeichnet: „Sie griffen sogar in ihren eigenen Kot, um ihn zu essen“

Am 27. Januar ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: 300.000 behinderte und kranke Menschen in Europa wurden während der NS-Zeit systematisch ermordet.

Lina Marie Schöbel (1900–1942)

Lina Marie Schöbel (1900–1942)

Sie war die Schwester meines Großvaters, berichtet Kerstin Schneider, die in ihrem Buch „Maries Akte – das Geheimnis einer Familie“ (erschienen bei weissbooks im September 2008) das Leben und den Tod von Lina Marie Schöbel rekonstruiert, die von den Nazis in Großschweidnitz mit Luminal vergiftet wurde.

„Sie wurde am 28. März 1900 in Neugersdorf bei Zittau geboren. Marie war ein ,Frühchen‘. Nur wenige Tage vorher war der Gasthof ihrer Eltern abgebrannt. Weil sie so klein und zierlich war, als hätte sie die fehlenden Wochen im Mutterleib nie aufgeholt, wurde Lina Marie ihr Leben lang nur ,Mariechen‘ gerufen. Sie wuchs zu einem stillen, in sich gekehrten Mädchen heran und fühlte sich unter ihren neun Geschwistern oft zurückgesetzt. (…)

Am 7. Januar 1942 wurde sie als eine von 200 Patientinnen nach Großschweidnitz gebracht. Es war ein gespenstischer Treck, der da am Bahnhof in Großschweidnitz ankam. Einige Patienten hatten den Sammeltransport nicht überlebt, fielen tot aus den Waggons. Die übrigen waren in einem ,erbarmungswürdigen Zustande‘, wie Zeugen später zu Protokoll gaben: ,Mit auffallend aufgedunsenen Köpfen und stieren Augen hockten sie meist auf allen Vieren, vor Schwäche nicht mehr fähig, sich aufzurichten und zu gehen. In den Weichteilen waren sie derart ausgezehrt, daß sie große Löcher, in denen man die Faust hätte hineinlegen können, aufwiesen. In ihrer geistigen Umnachtung wußten sie nicht, was sie taten, griffen sogar in ihren eigenen Kot, um ihn zu essen.‘

Die ,Landesanstalt Großschweidnitz‘ war mit 1.160 Patienten, die Ende Januar gezählt wurden, heillos überfüllt. Es gab nicht genug zu essen. ,Die Patienten litten furchtbar unter Hunger und siechten dahin‘. Marie wurde im Haus 30 untergebracht. Der Backsteinbau aus roten und gelben Klinkern lag am Rande des Klinikgeländes und wurde vom Personal ganz offen ,Sterbehaus‘ genannt. ,Dort kamen Frauen hin, wenn sie beseitigt werden sollten‘, gab eine Krankenschwester später zu Protokoll.“ (Hier geht es zur gesamten Geschichte von Marie und zu weiteren Biographien von NS-Opfern.)

Neue Gedenk- und Informationsstätte

Joachim Busch informiert sich mit Hilfe der barrierefreien Tafeln der neuen Gedenkstätte. (Foto: Peer Brocke)

Joachim Busch informiert sich mit Hilfe der barrierefreien Tafeln der neuen Gedenkstätte. (Foto: Peer Brocke)

Lina Marie Schöbel war eine von 300.000 behinderten und kranken Menschen, die in Europa während der NS-Zeit systematisch ermordet wurden. Zum 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, erinnert die Lebenshilfe an diese Menschen. Sie gehörten zu den ersten Opfern, an ihnen erprobten die Nazis den späteren millionenfachen Mord an den Juden. Das grausame „Euthanasie“-Programm verbarg sich hinter dem Decknamen T4 – benannt nach der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, wo das Töten geplant und verwaltet wurde (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: „Aktion T4“: Als behinderte und psychisch kranke Menschen systematisch ermordet wurden).

Dort gibt es seit September 2014 eine neue Gedenk- und Informationsstätte; sie liegt direkt an der Berliner Philharmonie. Am 27. Januar werden hier um 16 Uhr Lebenshilfe-Vertreter einen Kranz niederlegen. Für Joachim Busch aus Lübeck – er ist Mitglied im Bundesvorstand und im Lebenshilfe-Rat der behinderten Menschen – ist nur schwer fassbar, dass damals Menschen als „lebensunwert“ aussortiert und einfach so getötet wurden. Dank der neuen barrierefreien Informationstafeln in der Tiergartenstraße kann er nun in leicht verständlicher Sprache nachvollziehen, was damals Schreckliches geschah. Busch: „Es ist wichtig, dass alle davon erfahren. So etwas darf nie wieder passieren! Ich und meine Freunde in der Lebenshilfe werden da aufpassen.“

Wer sich über dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte in einfacher Sprache informieren möchte, erhält einen Überblick im Lebenshilfe-Magazin vom März 2014 mit dem Titel „Die Morde in der Nazi-Zeit“. Das Magazin steht auch im Internet zur Verfügung unter www.lebenshilfe.de (Rubrik: Leichte Sprache). Darin gibt es Hinweise auf Bücher, Ausstellungen und Führungen durch Gedenkstätten – alles Angebote in leichter Sprache.

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Klaus-Peter Drechsel

    ergänzen möchte ich den Titel, dass viele von den erwähnten 300.000 ermordeten Menschen weder krank noch „behindert“ waren, sondern innerhalb der rassistischen und faschistischen Ideologie und Wissenschaft als „krank“ und „lebensunwert“ definiert wurden.

    27. Januar 2016 at 15:09

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