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Von allen Sinnen: Forscher wollen Schmecken und Riechen digitalisieren

In einem neuen Forschungslabor sollen Systeme entstehen, die menschliche Sinne nachahmen können. Noch ist die wissenschaftliche Neugierde größer als die Angst vor Missbrauch.

Szenenbild aus dem Kinofilm „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“ nach dem Bestseller von Patrick Süskind: Jean-Baptiste Grenouille, ein Mann mit feinem Näschen, erschlägt im 18. Jahrhundert mehrere Mädchen, um aus ihren Düften dreizehn Essenzen zu gewinnen, die ihm als Grundlage für „das perfekte Parfum“ dienen sollen. ROLLINGPLANET vermutet: Heute würde Grenouille etwas modernere Methoden anwenden und für die Fraunhofer-Institute arbeiten. (Foto: Constantin)

Szenenbild aus dem Kinofilm „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“ nach dem Bestseller von Patrick Süskind: Jean-Baptiste Grenouille, ein Mann mit feinem Näschen, erschlägt im 18. Jahrhundert mehrere Mädchen, um aus ihren Düften dreizehn Essenzen zu gewinnen, die ihm als Grundlage für „das perfekte Parfum“ dienen sollen. ROLLINGPLANET vermutet: Heute würde Grenouille etwas modernere Methoden anwenden und für die Fraunhofer-Institute arbeiten. (Foto: Constantin)

Forscher der Fraunhofer-Institute in Erlangen und Freising wollen mehr über die menschlichen Sinne erfahren – um diese später digitalisieren zu können. Sie sehen viele Anwendungsfelder etwa für Medizin, Handel und Arbeitsschutz. So könnte es künftig technische Assistenzsysteme für Menschen geben, die ihren Geruchssinn verloren haben oder Diagnose-Hilfen zur Erkennung von Krankheiten, wie Andrea Büttner vom Fraunhofer Institut in Freising sagt. Auf einem neuen „Campus der Sinne“ wollen dafür Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen wie Ingenieurwissenschaft, Medizin, Chemie und Neurowissenschaft zusammenarbeiten. An diesem Freitag wird der Campus in Erlangen vorgestellt.

Ob der Duft von Lavendel, Knoblauch oder Schokolade – jeder Mensch nehme Gerüche anders wahr, sagt die auf Aromaforschung spezialisierte Lebensmittelchemikerin Büttner:

„Man hat noch gar nicht verstanden, dass Menschen so unterschiedlich wahrnehmen.“

Der Campus solle daher zunächst viel Grundlagenforschung betreiben zu den menschlichen Sinnen – und wie diese zusammenwirken.

Einsatz in der Medizin angestrebt

Später könnten dann technische Systeme entwickelt werden, die das Schmecken oder Riechen imitieren – ähnlich wie das bereits beim Sehen und Hören möglich ist, durch Kameras und Mikrofone. Bisherige Sensorsysteme, die Gerüche analysieren, seien „noch sehr unausgereift“, sagt Büttner – etwa Apps zum eigenen Körpergeruch oder „elektronische Nasen“, die den idealen Röstgrad von Kaffee bestimmen sollen. „Wir sind weit entfernt davon, dass das Riechen oder Schmecken in maschinelle Systeme übersetzt werden.“

Noch gebe es daher keinerlei Assistenzsysteme für Menschen, die ihren Geruchssinn etwa durch eine Krankheit verloren haben. Weil sie dadurch Alarmsignale etwa bei verdorbenen Lebensmitteln wie Schimmel- oder Fäulnisgeruch nicht wahrnehmen können, litten sie öfter als andere Menschen unter Lebensmittelvergiftungen. Auch Ärzten könnten solche Systeme helfen, Krankheiten früher zu erkennen, sagt Büttner.

„Seh- und Hörtests sind schon bei Kindern üblich, Geruchs-Tests dagegen nicht.“

Parkinson-Patienten beispielsweise litten oft unter einer Riechstörung. Und manche Krankheiten wie bestimmte Krebsarten könne man tatsächlich riechen.

Was macht die Industrie daraus?

Auch im Arbeitsschutz spiele das Thema eine Rolle, sagt Büttner. Genauso wie Lärm könnten zu intensive oder lang anhaltende Gerüche am Arbeitsplatz Stress und Kopfschmerzen verursachen – etwa in Parfümerien oder auf Baustellen.

„Es gibt Grenzwerte für Schadstoffe, aber nicht für Gerüche“,

so Büttner.

Für Unternehmen seien zudem Methoden interessant, mit denen neue Produkte getestet werden können.

„Bei Lebensmitteln und Parfümen kommt sehr viel auf den Markt, das dann floppt. Man weiß aber oft gar nicht, warum es die Leute nicht annehmen“,

sagt Büttner. Denn auch Probanden lögen zuweilen bei Befragungen. „Ihr Gesicht sagt etwas anderes als ihr Wort. Wir sind daher an der spontanen Reaktion interessiert.“ Jens-Uwe Garbas vom Erlanger Fraunhofer Institut und sein Team nutzen dafür beispielsweise eine Kamera und Software, die Emotionen im Gesicht von Testpersonen erkennen kann.

(dpa/lby)

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