Von wegen Generation Porno – die Entdeckung der Moral und des Kondoms

Wie halten es Jugendliche in Deutschland mit dem Sex? Eine neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Aufschluss.

Keine Ahnung vom Verhüten? Sex immer früher? Verroht durch Pornos? Offenbar alles Gerüchte: Fachleute stellen der Jugend ein gutes Zeugnis in Sachen Sex aus. (Foto: Shutterstock)

Keine Ahnung vom Verhüten? Sex immer früher? Verroht durch Pornos? Offenbar alles Gerüchte: Fachleute stellen der Jugend ein gutes Zeugnis in Sachen Sex aus. (Foto: Shutterstock)

Sexuelle Erfahrungen sind bei deutschen 14-Jährigen einer neuen Studie zufolge eine Ausnahme. Insgesamt sei die Gruppe der 14- bis 17-Jährigen nicht früher sexuell aktiv als in den vergangenen Jahren, sagte die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Heidrun Thaiss, am Donnerstag in Berlin. „Bis 2005 haben sich die sexuellen Aktivitäten nach vorne verschoben“. Inzwischen sei der Trend aber gestoppt, wenn nicht rückläufig. Ein „Wertewandel“ könne der Grund sein, sagte Thaiss bei der Vorstellung erster Ergebnisse der Studie „Jugendsexualität 2015“.

Mit 17 hat demnach mehr als die Hälfte der Jugendlichen bereits Erfahrung mit Sex. Dabei sind insgesamt betrachtet Mädchen früher aktiv als Jungen. Außerdem machen deutschstämmige Jugendliche in fast allen Altersgruppen früher erste Erfahrungen als Altersgenossen mit ausländischen Wurzeln. Zu den Themen Sex, Aufklärung und Verhütung befragt die BZgA seit 1980 vorrangig Jugendliche, seit 2005 auch Jugendliche mit Migrationshintergrund. Einbezogen wurden diesmal 5750 Jugendliche bundesweit.

Seit den ersten Befragungen hat sich das Bewusstsein für Verhütung deutlich verändert: Lediglich acht Prozent der jungen Frauen und sechs Prozent der jungen Männer zwischen 14 und 17 trafen beim ersten Mal keine Vorkehrungen, wie aus der Studie hervorgeht. 1980 machten sich laut BZgA noch 29 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen keine Gedanken um Kondom, Pille oder andere Verhütungsmittel. Thaiss wertete die Veränderung als „beachtlichen Erfolg“.

Noch deutlicher und schneller schrumpfte die Zahl der Nicht-Verhüter bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Verzichtete in dieser Gruppe 2005 noch rund ein Drittel der Jungen auf Verhütung, so war es nun nur noch ein Zehntel. Bei den Mädchen sank der Anteil von knapp 20 Prozent auf 2 Prozent.

Aufgeklärt wird in deutschen Haushalten insbesondere von den Eltern, sagte Thaiss. Aber auch in der Schule begegnet fast jeder Jugendliche dem Thema Sex. Gerade für Jungen und für die Kinder muslimischer Eltern, die das Thema zu Hause eher tabuisieren, seien auch Lehrer wichtige Ansprechpartner.

Die gesamte Studie wird laut BZgA im kommenden Jahr veröffentlicht.

Die wichtigsten Fragen & Antworten zur Studie und zum Thema

Warum warten Jugendliche mit dem erstes Mal?

Die Studie sagt: Oft fehle der richtige Partner. Bei Frauen mit ausländischen Wurzeln spielen auch Moralvorstellungen und Angst vor den Eltern eine Rolle. Wenn Jugendliche Sex haben, dann zunehmend mit einem festen Partner – das gilt für Jungen wie für Mädchen, für Deutschstämmige ebenso wie für Jugendliche mit ausländischen Wurzeln.

Woher kommt das Bedürfnis nach Sicherheit?

Beziehungen sind heute oft unverbindlich, sexuelle Identitäten wandelbar, und auch die Ehe ist nicht mehr nur Mann und Frau vorbehalten – für den Hamburger Trendforscher Peter Wippermann liegt der Schluss nahe: „Alles was verschwindet, gewinnt an Wert.“ Die romantischen, konservativen Vorstellungen der Jugend sieht er daher auch als „Trotzkultur“ oder Gegenbewegung. Das Problem: Am Ende hielten auch diese Beziehungen nicht.

Wie verhüten Jugendliche?

Der Schutz nicht nur vor einer Schwangerschaft, sondern auch vor HIV und Geschlechtskrankheiten ist ihnen wichtig: Das Kondom ist bei beiden Geschlechtern zwischen 14 und 25 Jahren das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel, vor der Pille. Im Vergleich zu früher beschreiben die BZgA-Fachleute die heutigen Jugendlichen als gewissenhafter. Die Präventionsansätze in Deutschland funktionierten, sagt die Geschäftsführerin der Berliner Aids-Hilfe, Ute Hiller. Das sei aber kein Grund zum Nachlassen: „Wissen vererbt sich nicht.“

Wo hapert es noch?

Sexologin und TV-Aufklärerin Ann-Marlene Henning („Make Love“) schätzt das Wissen von Jugendlichen als eher oberflächlich ein: Sie schnappten zwar vieles auf und fragten nach Stellungen und Techniken, alles verstehen würden sie aber nicht. Das gelte auch in emotionaler und kommunikativer Hinsicht: „Dass man Spaß dabei haben kann, dass man was lernen kann über Liebe, oder: Wie blockiert man bestimmte Anmachen?“

Auch alte Klischees sind nicht vom Tisch. „Wenn mal ein Mädchen mehr weiß, gilt sie gleich als Schlampe. Der Junge dagegen ist dann ein toller Hecht.“ Gerade Mädchen schämten sich, über das eigene Geschlecht zu sprechen. „Dabei gehört auch das zu Aufklärung.“

Wie groß ist der Einfluss von Pornografie?

Mit eindeutigen Bildern sind viele Jugendliche vertraut. „Aber die haben ein Gefühl dafür, dass es Show ist“, sagt Henning. Dennoch verglichen sich Jugendliche mit den Körpern aus Pornos und fühlten sich daher weniger wohl in ihrer Haut. „Der Druck da draußen steigt – OPs, Diäten – jetzt hat es auch noch die Jungs erfasst“, so Henning.

Welche Menschen sind Jugendlichen bei der Aufklärung am wichtigsten?

Das Internet ist Alltag für diese Generation. Sich dort Wissen über Sex und Verhütung anzulesen, ist verbreitet. Offline ist bei Mädchen die Mutter die erste Adresse. Jungs nennen die Eltern zwar als wichtig, bevorzugen aber häufig Lehrer als Bezugsperson. Neben dem Austausch mit Gleichaltrigen scheint Aufklärung nach dem Stil von Dr. Sommer nicht ganz passé: „Mädchen haben auch noch eine Affinität zu Jugendzeitschriften“, sagte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss.

Homo-Ehe, Geschlechtsumwandlungen, Bisexualität: Die Gesellschaft ist bunter geworden. Wie gehen Jugendliche damit um?

„Die machen sich Gedanken, ,was bin ich eigentlich?‘“, beobachtet Henning. Sie habe bei Gesprächen mit Jugendlichen bemerkt, dass diese große Freiheiten beim Ausprobieren ihrer Sexualität haben und diese auch nutzen. Gleichgeschlechtliches Knutschen etwa werde getestet: „Damit spielen sie. Sie legen sich nicht fest.“ Die BZgA machte dazu keine Angaben.

(dpa)

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