Von wegen schnelle Hilfe – wie finde ich einen Psychotherapeuten?

Menschen, denen es psychisch schlecht geht, müssen trotz großer Not oft lange auf einen Termin beim Arzt warten. Worauf müssen Betroffene achten? Von Julia Naue

Regentag (Symbolfoto: Jakob Ehrhardt/pixelio.de)

Regentag (Symbolfoto: Jakob Ehrhardt/pixelio.de)

Wer auf der Suche nach einem Psychotherapeuten ist, hofft meist auf schnelle Hilfe. Denn je länger Betroffene auf einen Therapieplatz warten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erkrankung verschlimmert. Das Warten auf einen Termin bei einem Therapeuten wird dann zur zusätzlichen psychischen Belastung.

Im Schnitt müssen sich Betroffene drei Monate für ein erstes Gespräch mit einem psychologischen Psychotherapeuten gedulden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Da ist ein großer Engpass“, sagt Sprecher Kay Funke-Kaiser. Auf dem Land kann die Wartezeit noch länger sein. „Es gibt zu wenige Behandlungsplätze für die psychisch kranken Menschen in Deutschland.“ Dabei suchen sich noch längst nicht alle Menschen mit psychischen Leiden professionelle Hilfe. Viele meinen immer noch, dass sie allein damit zurechtkommen müssen. Sie warten deshalb sehr lange, bevor sie professionellen Rat holen, wie Funke-Kaiser erklärt.

Erster Anruf als Hürde

Die Suche nach einem Psychotherapeuten beginnt für Betroffene meist mit einer langen Liste von Namen, die sie abtelefonieren müssen. „Eine Überweisung brauchen sie nicht, jeder Patient kann direkt einen Psychotherapeuten aufsuchen“, sagt Mechthild Lahme von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Dennoch sei für manche schon der erste Anruf eine große Hürde. Denn bei vielen Psychotherapeuten ist das Telefon nicht durchgängig besetzt – dann geht der Anrufbeantworter ans Telefon. „Hier sollten die Patienten beharrlich sein. Ich merke das immer schon – das erste Mal hat jemand aufgelegt und beim zweiten Versuch traut die Person sich dann, eine Nachricht zu hinterlassen“, erzählt Lahme.

Sie rät Betroffenen, auf jeden Fall selbst anzurufen. Denn wer den Partner oder Freund vorschickt, vergibt die Chance, seine Therapiemotivation zu schildern. „Ich merke doch viel eher, warum jemand eine Therapie machen möchte und wie es ihm geht, wenn ich persönlich mit ihm rede“, sagt Lahme.

Nicht den Arzt im Sack kaufen

Doch bevor eine Therapie beginnt, können Patienten fünf bis acht sogenannte probatorische Sitzungen mit dem Psychotherapeuten wahrnehmen. In diesen Sitzungen kann der Patient seine Beschwerden schildern, und es wird entschieden, ob eine Störung vorliegt, und welche Therapieform sich am besten zur Behandlung eignet. Diese Sitzungen sind auch wichtig für den Patienten, um zu entscheiden, ob die Chemie überhaupt stimmt.

Funke-Kaiser rät den Patienten, vor allem genau zu prüfen, ob sie zu dem Psychotherapeuten Vertrauen entwickeln können. „Das Gefühl, dass man über alles reden kann, muss da sein“, sagt er. Denn schließlich kann eine Therapie auch schmerzhaft und anstrengend sein. Wer den Eindruck hat, sich dem Therapeuten nicht öffnen zu können, vergibt seine Chance auf eine erfolgreiche Therapie.

Der Patient muss sich in diesen Sitzungen aber auch klarmachen, dass die regelmäßigen Termine mit dem Therapeuten in Zukunft einen festen Platz im Kalender haben. „Da muss man seinen Alltag vielleicht auch etwas umstellen“, sagt Lahme. Denn wer nur ab 18.00 Uhr nach der Arbeit kann, hat es eventuell schwerer, einen Therapeuten zu finden. Aber es gebe fast immer einen Weg, wenn man gemeinsam überlegt und die Terminkalender abgleicht. Lahme betont außerdem, dass Patienten sich auf die Therapie einlassen müssen. „Bei den ersten Sitzungen bespricht man, was realistische Ziele sind und wie sie erreicht werden können.“

Wie läuft der Antrag?

Entscheidet sich der Patient nach den ersten Sitzungen für die Therapie, muss er einen Antrag an die Krankenkasse stellen. Dieser enthält eine Einschätzung des Therapeuten inklusive der geplanten Therapie und einen Konsiliarbericht. Der wird meist vom behandelnden Hausarzt erstellt und enthält den körperlichen Befund des Patienten. „Die Kasse gibt den Antrag in ein Gutachterverfahren“, erklärt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. „Nach positiver Entscheidung geht eine Info an den Versicherten und den Therapeuten.“ Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapie.

Doch was, wenn ein Betroffener nicht mehrere Monate auf einen ersten Termin warten möchte oder kann? Eine Alternative sind private Psychotherapeuten, die keine Kassenzulassung haben. Die Zulassung der Kassen richtet sich nach der Einwohnerzahl einer Region, die Therapeuten müssen außerdem bestimmte Voraussetzung erfüllen. In so einer Praxis ohne Zulassung gibt es möglicherweise schneller einen Termin. Doch Vorsicht: Wenn die Behandlung von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden soll, müssen Betroffene die Genehmigung vor Beginn der Behandlung einholen.

Hausarzt um Hilfe bitten

Alternativ kann man auch den Hausarzt um Unterstützung bitten, rät Funke-Kaiser. Wenn der sieht, dass es dringend ist, könne er möglicherweise selbst zum Telefonhörer greifen und Psychotherapeuten kontaktieren. Er kann außerdem helfen, wenn Patienten nicht sicher sind, ob sie einen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen sollten. „Psychotherapeuten bieten meist längere und wöchentliche Gespräche an, verschreiben aber keine Medikamente“, erklärt Funke-Kaiser. Psychiater behandeln meist mit kürzeren Gesprächen in größeren Abständen und verordnen Medikamente. „Für viele Patienten ist das aber schwer zu durchschauen“, sagt Funke-Kaiser. In der Regel bevorzugen viele erstmal Gespräche – deshalb führt der erste Weg meist zum Psychotherapeuten.

(dpa/tmn)

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