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Vorbild Fledermaus: Echo-Ortung für blinde Kinder lässt aufhorchen

Sich überall frei bewegen, eigenständig auf Tour gehen – Klicksonar oder Echolokalisation gibt blinden Menschen neue Möglichkeiten. Von Yuriko Wahl-Immel

Vorbild Fledermaus (Foto: filorosso.eu/Manfred Gerber/pixelio.de)

Vorbild Fledermaus (Foto: filorosso.eu/Manfred Gerber/pixelio.de)

Felix kann Mauern hören. Der Vierjährige ist von Geburt an blind. Trotzdem bewegt sich der Knirps forsch durch das Gebäude. Dauernd macht er ein klickendes Geräusch mit seiner Zunge.

Der Junge nutzt eine Technik, die den Fledermäusen nacheifert. Felix‘ Schnalzen und Klicken wird von Gegenständen als Schall reflektiert. So hört er, ob ein Hindernis im Weg steht, ob es im Treppenhaus rauf oder runter geht, ob eine Tür geöffnet oder geschlossen ist.

Im Fachjargon heißt die Methode Klicksonar oder Echolokalisation, ist von einem blinden Amerikaner entwickelt worden – und findet nun auch in Deutschland erste Beachtung im Training mit Kindern.

Große Chancen für blinde Kinder

Klicksonar biete große Chancen für blinde Jungen und Mädchen und gebe ihnen neue Möglichkeiten der Orientierung, sagt der Kölner Mobilitätstrainer Klaus Mönkemeyer. „Wenn Kinder die Technik bereits in der Frühförderung üben, fällt der Lernprozess mit wichtigen Entwicklungsphasen des Gehirns zusammen, das so von Anfang an lernt, sich einen Raum akustisch zu erschließen.“

Der Experte betont: „Wir gehen davon aus: Je jünger man damit anfängt, desto besser – auch wenn es dazu noch keine Studien gibt.“ Eine erste US-Untersuchung habe nachgewiesen, dass Echolokalisation Hirnareale aktiviere, die für die Orientierungsleistung zuständig sind. Das Verfahren erscheine zwar einfach, müsse aber methodisch strukturiert angeboten und systematisch erlernt werden.

Ellen Schweizer und Daniel Kish


Preisverleihung "Die Goldene Bild der Frau 2013"
V.l.n.r.: Schauspieler Hannes Jaenicke, Klicksonar-Pionierin Ellen Schweizer, Moderator Kai Pflaume und Daniel Kish, Erfinder der Klicksonar-Technik, bei der Verleihung der „Goldenen Bild der Frau 2013“ am 12.03.2013 in Berlin (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Der blinde Amerikaner Daniel Kish hat die Klicksonar-Methode erfunden. Nach Deutschland gebracht hat sie die Berlinerin Ellen Schweizer (39), die Mutter eines vierjährigen Kindes. Als Juli zur Welt kam, suchten ihre Eltern nach Möglichkeiten, ihrer Tochter einen ebenso guten Start ins Leben zu ermöglichen wie sehenden Kindern.
Doch Ellen Schweizer erfuhr, dass es in Deutschland wenig für blinde Kinder gibt. Im Internet stieß die Berlinerin auf den blinden US-Amerikaner Daniel Kish. „Wir dachten, wir könnten einfach einen Kurs bei einem deutschen Klicksonar-Trainer buchen“, erinnert sich Ellen Schweizer.
„Aber wir mussten feststellen, dass so etwas in Deutschland gar nicht existiert.“ Deshalb gründete Ellen Schweizer im Herbst 2011 zusammen mit ihrem Mann, Steffen Zimmermann, den Verein Anderes Sehen e.V. Siehe dazu auch unseren ROLLINGPLANET-Bericht: Anderes Sehen: Wie Ellen Schweizer die Klicksonar-Technik nach Deutschland brachte.

Entwickelt von dem Amerikaner Daniel Kish

Erfunden hat die Echo-Ortung der blinde Amerikaner Daniel Kish. Er sei Weltmeister in dieser Technik, die er sich als Kind selbst beibrachte, erzählt Mönkemeyer. Kish macht Bergwanderungen und fährt Mountainbike – und schult Blinde und Lehrer in mehreren Ländern.

Ende 2011 stellte er die Methode in Deutschland vor. Aber noch immer wissen hierzulande recht wenige von Klicksonar. Vor allem Angebote für den ganz jungen Nachwuchs sind selten. Das Lernprogramm in der Frühförderstelle der Kölner LVR-Severinschule sei in dieser Form bundesweit einmalig, sagt Koordinatorin Maria Lieven. Es steht Kindern ab zwei Jahren offen und wird bisher mit Spenden finanziert.

„Alle Kinder haben profitiert“

Auch Felix hat dort an einem Pilotversuch mit 13 Kleinkindern teilgenommen. Das Fazit nach anderthalb Jahren falle nun durchweg positiv aus, sagt Lieven. „Wir stehen mit den Kleinen noch am Anfang. Aber wir können sagen: Alle Kinder haben profitiert. Sie bekommen mehr Tempo und Sicherheit.“

Mönkemeyer gibt den Kindern zunächst in zehn Lernstunden die Basisfertigkeiten mit und unterrichtet zugleich auch Eltern, Heilpädagogen und Erzieher. Dann ist Üben, Üben, Üben angesagt. Bei Bedarf geht das Training später unter Experten-Anleitung weiter.

Permanent mit der Zunge zu schnalzen, möglichst hoch und fest im Ton, ist anstrengend. Felix hat zur Unterstützung meistens einen kleinen Spielzeug-Knackfrosch dabei. Zugleich üben die Kleinen auch schon mit dem Stock.

„Räumliche Vorstellung sehr verbessert“

„Den gab es früher in der Regel erst zur Einschulung. Wir kombinieren ihn aber schon früh mit dem Schnalzen“, erläutert Till Döring vom LVR – Landschaftsverband Rheinland. „Mit dem Klicken bahnen sich die Kinder vor allem den Weg nach vorne. Bei einer kleinen Vertiefungen im Boden hilft ihnen der Stock.“ Geübte Kinder könnten in unbekannter Umgebung schnell ausmachen, wie viele Autos vor ihnen parken oder wo Hindernisse wie Briefkästen lauern.

Felix‘ Mutter Anja Weiß ist von der Methode überzeugt. „Felix bewegt sich sehr schnell, nicht ängstlich – und stößt sich nicht häufiger als seine Schwester.“ Die ist fünf und kann sehen. „Seine räumliche Vorstellung hat sich sehr verbessert.“ Große Überraschung: „Er hat ein Legohaus mit mehreren Stockwerken, Türen und Fenstern gebaut – das ist eine enorme Leistung.“

Sie hofft, dass das Verfahren auch andernorts Schule macht. „Manche Eltern sind ganz neidisch, dass es bei uns so eine Möglichkeit gibt.“

Großer Bedarf für Klicksonar

Wie viele blinde und sehbehinderte Menschen hierzulande leben, wird nicht offiziell gezählt. Der Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) geht von rund 150.000 blinden und 500.000 sehbehinderten Menschen bundesweit aus, davon geschätzte 14.000 Schüler.

Mönkemeyer sieht einen großen Bedarf mit Blick auf Klicksonar. „Es ist keine Methode, bei der man einfach den Schalter umlegen kann und dann funktioniert es sofort. Aber das Verfahren kann zu ganz tollen Orientierungsleistungen führen.“ Felix jedenfalls fährt vergnügt und ausgiebig Bobbycar und Laufrad daheim wie in der Kita – unfallfrei.

(dpa)

Für blinde und sehbehinderte Menschen
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