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Vorsicht, Gaslighting! Wenn wir unseren Verstand verlieren

Manipulation ist eine besonders schlimme Form psychischen Missbrauchs – viele Betroffene erkennen zu spät oder gar nicht, dass sie Opfer sind. Von Julia Naue

Häufig werden Frauen Opfer von Gaslighting. (Symbolfoto: Shutterstock)

Häufig werden Frauen Opfer von Gaslighting. (Symbolfoto: Shutterstock)

Wir verlassen uns auf unsere Wahrnehmung – jeden Tag. Können wir auf sie nicht mehr vertrauen, dann fürchten wir, unseren Verstand zu verlieren. Wenn andere unsere Wahrnehmung bewusst manipulieren, können sie uns in den Wahnsinn treiben.

Das Bild ist weg. Es hängt nicht an der Wand an seinem Platz. „Bella, wo ist das Bild?“, will Paul wissen. Bella ist den Tränen nahe. „Ich schwöre, ich hab es nicht genommen, ich schwöre“, beteuert sie. Paul weiß das. Statt sie zu beruhigen, sagt er: „Du verlierst deinen Verstand.“

Bella und Paul gibt es nicht wirklich. Na ja, das stimmt nicht ganz. Bella und Paul sind die Protagonisten eines alten britischen Films aus dem Jahr 1940. „Gaslight“ nennt er sich. Und das, was Paul macht – seine Frau Bella in den Wahnsinn treiben – , nennt sich „Gaslighting“, benannt nach dem Film.

Opfer nehmen Gaslighting anfangs oft nicht ernst

Gaslighting – das ist, wenn jemand die Realität so manipuliert, dass man selbst den Bezug zu ihr verliert, wie die Autorin Christine M. Merzeder erklärt. Sie hat ein Buch über narzisstischen Missbrauch geschrieben. Gaslighter sind Meister der Manipulation. Und sie gehen ähnlich vor wie Paul, Bellas hinterhältiger Ehemann. Sie sagen: „Das war nicht so, das musst du dir eingebildet haben.“ Oder: „Wie kannst du das nur vergessen haben, das habe ich dir doch gesagt.“

Die Opfer des Gaslightings nehmen das oft anfangs noch nicht ernst – denken: Das stimmt doch nicht. „Dann kommt es zu einer Erosion des Glaubens an sich selbst“, sagt Merzeder. Schließlich verlieren sie den Bezug zur Realität, der Gaslighter hat sein Ziel erreicht. Er hat die vollständige Kontrolle über sein Opfer.

Gaslighting – dieses Wort haben in diesem Zusammenhang wohl nur wenige schon mal gehört. „Es ist ein Orchideenbegriff für ein sehr verbreitetes Phänomen“, sagt Christa Roth-Sackenheim, die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater. Gaslighting ist eine Form des psychischen Missbrauchs, bei der die Opfer herabgewürdigt werden, ihre Wahrnehmung nicht respektiert wird.

„Frauen lassen sich leichter gefügig machen“

„Es ist ein völlig normales menschliches Bedürfnis, die eigene Wahrnehmung mit der von Bezugspersonen abzugleichen“, erklärt Roth-Sackenheim. Entspricht diese Wahrnehmung nicht mehr der eigenen, verändern sich die eigene Wahrnehmung sowie das persönliche Koordinaten- und Wertesystem völlig.

Die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie beobachtet, dass häufig Frauen Opfer von Gaslighting werden. „Das ist eine Einschätzung aus der Arbeit in meiner Praxis“, erklärt sie. Es könne aber auch sein, dass Frauen häufiger Hilfe suchen – belastbare Zahlen gibt es nicht. Frauen mit gewalttätigen Männern würden oftmals eine Form des Gaslightings erleben – durch ständige Herabwürdigung. Und dadurch, dass der gewalttätige Partner ihnen einredet, schuld an dessen Gewalt zu sein.

Auch die Münchner Psychotherapeutin und Psychologin Bärbel Wardetzki beobachtet, dass es oft Frauen trifft. „Frauen lassen sich leichter gefügig machen“, sagt sie. Das sei keinesfalls als Abwertung von Frauen gemeint. Vielmehr liege das daran, dass es sich dabei um Machtprozesse handele, die auch in unserer Gesellschaft noch vorhanden seien – und etwa durch Erziehung immer wieder reproduziert werden können. „Aber ich bin mir sicher, dass es auch Frauen gibt, die Gaslighter sind.“

„In der Regel braucht man Hilfe von außen“

Doch wer sind diese Gaslighter überhaupt – und warum machen sie das? „Es sind Menschen, die eigentlich sehr unsicher sind“, sagt Wardetzki. Sie wirken nach außen oft sehr selbstbewusst und eigenständig. In vielen Beziehungen, die nicht gleichwertig sind, könne es unterbewusst zu Manipulation und Unterdrückung kommen. Im Gegensatz dazu geschieht Gaslighting der Expertin zufolge aber immer bewusst. Die Täter wollen Kontrolle über ihr Opfer, es isolieren. So halten sie ihre Umgebung stabil.

Schwierig ist es für die Opfer, diesen psychischen Missbrauch zu erkennen. „In der Regel braucht man da Hilfe von außen, von guten Freunden“, sagt Wardetzki. Das ist häufig problematisch, weil Gaslighter ihre Opfer bewusst isolieren. Ein Problem ist außerdem die Scham: Wer will schon zugeben, dass er sich so hat manipulieren lassen? „Wie kannst du das denn nicht gemerkt haben“, heißt es dann vielleicht. Angehörige und Freunde müssen hier behutsam vorgehen – und dranbleiben. „Die Sorge sollte nicht als Anklage formuliert werden.“

Auch Bella kommt nicht ohne Hilfe aus ihrer Misere. Ein aufmerksamer Kommissar, der ihrem mörderischen Ehemann auf der Spur ist, erklärt ihr, warum das Gaslicht flackert. Jenes flackernde Gaslicht – Namensgeber des Films – verursachte ebenfalls Paul und redete seiner Frau ein: Das passiert nur in deinem Kopf.

Paul wurde zum Gaslighter, um einen Mord zu verschleiern. In der Realität sind die Gründe für psychischen Missbrauch wohl meist weniger extrem, der Effekt aber nicht weniger dramatisch. Für Bella geht es schließlich gut aus – sie schlägt Paul mit seinen eigenen Waffen: Als Paul in der Falle sitzt und ihre Hilfe braucht, sagt sie nur: „Jetzt bist du hilflos – und ich bin verrückt.“ Helfen kann oder will sie ihm nicht.

(dpa/tmn)

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