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Vorwurf: Sportveranstalter DKB Handball-Bundesliga GmbH diskriminiert Schwerbehinderte in Hamburg

Werden Rollstuhlfahrer bei Tickets über den Tisch gezogen? Der Sprecher einer Organisation für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen übt scharfe Kritik.

Die Barclaycard Arena ist eine Multifunktionsarena für sportliche und kulturelle Veranstaltungen in Hamburg. Sie liegt im Altonaer Volkspark im Stadtteil Bahrenfeld in direkter Nachbarschaft des Volksparkstadions – der Heimat des Hamburger SV – und der Volksbank Arena. (Foto: dpa)

Die Barclaycard Arena ist eine Multifunktionsarena für sportliche und kulturelle Veranstaltungen in Hamburg. Sie liegt im Altonaer Volkspark im Stadtteil Bahrenfeld in direkter Nachbarschaft des Volksparkstadions – der Heimat des Hamburger SV – und der Volksbank Arena. (Foto: dpa)

„So geht menschlich“, eine Leipziger Selbstvertretungsorganisation für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen, übt scharfe Kritik an der DKB Handball-Bundesliga GmbH. ROLLINGPLANET veröffentlicht nachfolgend eine Stellungnahme von „So geht menschlich“:

Menschen mit einer Behinderung können im Alltag mit ungewollten Diskriminierungen konfrontiert werden. Das gilt auch, wenn sie in ihrer Freizeit eine Sportveranstaltung besuchen wollen. Dieses geschieht nun beim REWE Final four am 8./9. April 2017 in der Hamburger BARCLAY CARD ARENA, obwohl Gespräche zwischen Betroffenen und Veranstalter geführt wurden.

Rolf Allerdissen (50), Sprecher einer Selbstvertretungsorganisation für die Belange behinderter Menschen aus Leipzig, spielte in seiner Jugend leidenschaftlich und gerne Handball. Als er altersbedingt in den Seniorenbereich wechselte, erkrankte er an einer schweren chronischen Darmerkrankung. Den aktiven Handballsport beendete er daraufhin. Mittlerweile ist er auch aktiver Nutzer eines Rollstuhls, um die barrierenvollen Strecken bei der Teilhabe in Alltag und Freizeit zu überwinden. Seit geraumer Zeit engagiert er sich, um in Sachsen eine weitere inklusive Handball-Manschaft im Sinne des Special Olympics Unified Sports – gemischte Teams bestehen aus Menschen mit geistiger Behinderung, Mehrfachbehinderung und ohne Behinderung – zu etablieren. Allerdissen ist in seiner Wahlheimat außerdem Vereinsmitglied der Handballabteilung des SC DHfK Leipzig e.V. und, wie er betont, Besucher der Spiele der 1. Herren-Mannschaft seines Vereins.

Rolf Allerdissen (Foto: privat)

Rolf Allerdissen (Foto: privat)

Besonders freute sich Allerdissen, als sich Mitte Dezember 2016 für ihn und viele Experten überraschenderweise das Handball-Bundesliga-Team des SC DHfK Leipzig für das Pokalfinalturnier des DHB in Hamburg qualifizierte. Er will von Leipzig nach Hamburg reisen, um das Sportereignis live zu verfolgen „und die knisternde Spannung hautnah zu erleben.“ Karten für die Veranstaltung kann er sich wie jeder andere Handballbegeisterte ohne viel Aufwand über das Internet bestellen. So weit ist dieses heutzutage ein einfaches Vorhaben.

Als weitgereister Veranstaltungsbesucher weiß er erfahrungsgemäß aber auch um die erste Hürde. Es muss eine limitierte, sogenannte „Rollstuhlplatzkarte“ als Eintrittskarte erworben werden. Generell sind diese „Rollstuhlplatzkarten“ bei Sportveranstaltungen preiswerter gegenüber der kostengünstigsten Stehplatzkarte. Als er zunächst den Preis über 124 Euro für den Rollstuhlplatz in der Preisliste bemerkte, wunderte er sich lediglich über die Hochpreisigkeit im Verhältnis gegenüber einem Bundesligaspiel mit dem Eintrittspreis von 10 Euro in der heimischen ARENA in Leipzig. „Außerordentliche Erlebnisse kosten halt mehr Geld, und es ist mir auch etwas wert, dabei zu sein um die tolle Live-Atmosphäre zu erleben“, dachte Allerdissen, bevor er erkannte, dass der günstigste Preis für einen Nichtbehinderten bei der Veranstaltung lediglich 55 Euro beträgt.

Fragwürdige Preisgestaltung und Platzwahl

„Ja, wo gibt es denn so was?“ war nun Allerdissens erster Gedanke über diese Unverhältnismäßigkeit. Mit diesen Worten schrieb er auch den verantwortlichen Veranstalter an, um auf das Missverhältnis hinzuweisen. Er schrieb deutliche Worte angesichts „dieser ungerechten Preisgestaltung“. Es sei wohl eine ungewollte Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen, die Allerdissen aber sehr wohl erkenne. Die Antwort von Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga GmbH, kam prompt. Er vertritt die Meinung: In der Veranstaltungsstätte befinden sich ausgewiesene Bereiche für Rollstuhlnutzende ausschließlich im Unterrang (134 bis 159 Euro, alle Preise in Klammern: Anm.d.Red.), die gegenüber dem Oberrang (55 bis 94 Euro) deutlich teurer angeboten werden. Die Plätze für Rollstuhlnutzende werden im Unterrang gegenüber der dort günstigeren Preiskategorie 2 (234 Euro) somit preiswerter angeboten. Es bestehe daher keine Diskriminierung, so Bohmann. Darüber hinaus sei für einen Rollifahrer ein kostenfreier Begleiter zur Unterstützung im Ticketpreis inbegriffen.

Allerdissen entgegenete, dass er den Unterrang nicht freiwillig, sondern nur aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit des Oberrangs habe wählen müssen. Eine Tatsache, „die nicht im Verantwortungsbereich des rollstuhlnutzenden Besuchers“ liegt, wie der Handball-Fan argumentiert. Die Möglichkeit für Rollstuhlnutzende, einem kostenfreien Begleiter als Unterstützung mitnehmen zu können, stelle keinen Vorteil dar: „Einerseits sind Rollstuhlnutzende, die über das Schwerbehindertengesetz nachgewiesen eine Begleitung, sprich eine Assistenz, benötigen, auf diese, wie jedes andere Hilfsmittel auch, angewiesen.“ Andererseits benötige nicht jeder Rollstuhlnutzende eine Begleitung und möchte die Veranstaltung vielleicht selbstbestimmt und alleine besuchen. Der erneuten Aufforderung Allerdissen, ihm eine Eintrittskarte für 55 Euro anzubieten, wie sie in der günstigsten Kategorie erhältlich ist, lehnte Bohmann ab.

Nun will Allerdissen nicht nur für sich kämpfen, sondern auch als Peer Support Specialist mit Hilfe des Netzwerks für Gleichgesinnte. „Um gegen diese Form der Ungleichbehandlung als Diskriminierung anzugehen, braucht es Mut. Sich dagegen zu wehren, bedarf es nicht nur Kraft des Betroffenen, sondern auch engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer, die den Betroffenen Hilfe leisten. Hier heißt es nun, die Antidiskriminierung weiter vorantreiben, denn Inklusion kommt nicht von alleine. Es ist auch eine Achtung der Rechte von Menschen mit Behinderungen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention bzw. der Grundrechte gemäß unserer Verfassung,“ so Allerdissen in seiner Funktion als Sprecher der Selbstvertretungsorganisation (DPO) für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen durch ihre soziale und bauliche Umwelt.

(PM)

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5 Kommentare

  • Thomas Mench

    Und nun wad kommt jetzt

    4. April 2017 at 16:04
  • Wolfsspitz

    Ist es Frank Bohmann nicht klar das sein Denkfehler an der Stelle anfängt wo es unmöglich wir einen bezahlbaren barrierfreien Platz zu bekommen. wenn man zu blöde ist sein Stadion so zu bauen da man auch preiswerte Zugangsmöglichkieten für Rollstuhlfahrer und andere schwer Gehbehinderte hat nennt man das Diskriminierung ohne wenn und aber. In anderen Ländern führt so etwas zu verdammt hohen Strafen nur im rückständigen Deutschland wir diesse Art der Diskriminierung mal wieder einfach hingenommen. Unser Politiker schein in so einem Fall die Eier zu fehlen mal solchen Veranstalter so richtig in den Arsch zu treten. Ich habe ja Verständnis wenn in irgen welchen 50 Jahren alten Gebäude mal etwas nicht barrierefrei umgebaut werden kann aber nicht bei einem relativ neuen Gebäude. Wann endlich mache wir nicht endlcih bei der Inklusion Nägel mit Köpfen und höhren mit diessem erbärmlich rumgeeier schluss.

    4. April 2017 at 21:04
  • Andreas Lindlar

    In anderen Länder kann so etwas zu Geldbußen führen, sogar zu sehr hohen.

    4. April 2017 at 21:29
  • Antje Lißner

    Das ist nicht nur in Hamburg so, auch In Leipzig werden Behinderte diskriminiert, was niemand interessiert.

    5. April 2017 at 08:05
  • Andreas Lindlar

    Wie wir in dem Artikel lesen können ist das doch keine Diskriminierung, man war nur zu dämlich barrierefrei zu bauen. Das so etwas immer noch möglich ist, haben wir auch Abgeordneten zu verdanken die immer noch nicht begriffen haben, das man gesetzlich verlangen muss das öffentliche Gebäude barrierefrei sein müssen. Selbst die USA bekommt das hin.

    5. April 2017 at 09:26

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