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Vuvuzelas und Weiße Haie: Südafrika 1988 vs. 2010

Michael Heil reiste bereits Weihnachten 1988 nach Südafrika, um sich ein eigenes Bild über die damals noch sehr reale Apartheid zu machen. Was sich seitdem veränderte und wie sich seine Eindrücke vor allem zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaften im südafrikanischen Winter 2010 möglicherweise veränderten, schildert er in seinem nachfolgenden Bericht.

Mit dabei Thomas Winter, Rollstuhltennisspieler, bei der ersten Reise, und Fußballgroupie Peter Wiedkamp, langjähriger Freund und Mitarbeiter in der 1993 von M. Heil gegründeten Rehability auf dem zweiten Trip.

Ankunft in Pretoria am 14. Dezember 1988. Es ist ganz schön warm. Aber ist ja auch Sommer. Mit gemischten Gefühlen kommen wir in ein Land, das geprägt ist von Nelson Mandela und Steven Biko, von Buren, Engländern, Townships und Tom Sharpe.

Mit mir hat sich Thomas, ein Tennisfreund aus Deutschland, für 4 Wochen vorgenommen, die Vorurteile oder eben das, was wir aus den Medien kennen über Südafrika, auf den Prüfstand zu stellen. Eingeladen sind wir von 2 Südafrikanerinnen, die als Betreuerinnen des südafrikanischen Tennisverbandes arbeiten, und die uns in ihre Privatwohnungen eingeladen haben. Zuvor wollen wir aber erst mal von Nord nach Süd mit dem Auto reisen. In Pretoria besuchen wir unseren Vertreter des afrikanischen Rollstuhlvertriebs Pieter de Buur. (Damals arbeitete ich bei einem deutschen Rollstuhlhersteller als Vertriebsleiter). Danach 10 Tage Kapstadt über Sylvester und dann wollen wir die Gardenroute nach Port Elisabeth hochfahren. Von dort nach Johannesburg und von da eine Safari im Krüger Nationalpark mitmachen. Im Gepäck neben unseren normalen Rollstühlen hat jeder seine Tennisausrüstung nebst speziellen Tennisrollstühlen, ohne die ein vernünftiges Spiel nicht möglich ist.

Das heißt, wir mieten ein großes Auto mit viel Platz mit einer umgebauten Handschaltung mit Automatik, so dass jeder auf der folgenden 3500 km Tour fahren kann. Ok, es ist Ferienzeit in Südafrika und die begehrten Vans sind leider schon ausgebucht……

Peter ist schon ein paar Tage in Südafrika und wollte ja unbedingt das Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Australien am 13.6.2010 sehen. Von Durban will er dann mit dem Leihfahrzeug die Gardenroute über Knysna nach Kapstadt runterfahren, wo ich ihn dann treffen werde. Für den Umbau als Rollstuhlfahrer lässt er sich genau das Handgerät bauen, das ich schon vor 20 Jahren im Einsatz hatte. Der kleine Unterschied – damals hat das Ding auch gehalten und man hatte das Gerät nicht nach 200 km plötzlich in der Hand, weil die Schellen nicht gehalten haben!!! Peter hat Glück. Deutschland gewinnt sensationell gut mit 4:0 und entsprechend aufgekratzt ist er unterwegs. Fußballtechnisch ist er weit mehr angefressen als ich, der eher als Tourist als als Fan unterwegs ist. Karten haben wir auch, allerdings erst für das Viertelfinale Deutschland gegen …… Das muss ja erst noch ausgespielt werden. Und wenn Deutschland rausfliegt? Na auch egal, Südafrika aus einer neuen, ganz anderen Perspektive kennen zu lernen, ist ja das eigentliche Ziel.

Die Kiste, die wir noch bekommen haben, hat einen Minikofferraum, 2 Türen und grade mal 60 Ps. Nix Van, nix Combi. Das heißt, dass wir jedesmal, wenn wir tanken oder einen Kaffee trinken wollen, alle Rollstühle komplett zusammen- und auseinander bauen müssen, also Räder an und ab und irgendwie zwischen dem Gepäck reinquetschen. Das heißt, ich muss das machen, da ich als einziger auch ohne Rollstuhl zumindest aussteigen kann und entsprechend mobil bin – ja super. Jetzt darf ich die ganzen nächsten 14 Tage den Chauffeur und Kofferträger spielen, bis wir in Kapstadt ein anderes Auto bekommen können. Vom Flughafen weg geht’s aber erst mal in die Hauptstadt Südafrikas, nach Pretoria und da wir schon 12 Stunden im Flieger sitzen, und durch die Nacht geflogen sind, wollen wir erst mal was trinken und essen, bevor wir Pieter treffen.
Pretoria ist eigentlich ein wenig trostlos. Nicht viel Verkehr, ziemlich leere Straßen und ab und zu Straßenarbeiter und ein paar geschäftig laufende Fußgänger. So richtig wissen wir nicht, wie wir uns den Farbigen gegenüber verhalten sollen. Ihnen eher aus dem Weg gehen? Als Unterdrückte und eher Rechtlose müssen die ja in jedem Weißen einen Rassisten sehen und sich entsprechend feindselig verhalten. Auf der Suche nach einem Bistro oder Cafe gibt es Probleme. Nichts hat auf. Das gibt es doch gar nicht. Es ist Sonntagvormittag. Da wird doch wenigstens eine Bäckerei oder so was geöffnet haben. Wir fahren an Parkbänken vorbei mit dem Hinweis, ONLY WHITE oder Toilettenhäuschen BLACK right WHITE left. Ich glaub`s nicht. Das stimmt ja sogar. Die haben doch tatsächlich alles, womit man sich in Berührung kommen kann, aufgeteilt und strikt getrennt. Mir wird immer mulmiger. Der Einzige, den wir nach dem Weg fragen können ist weit und breit ein Schwarzer. Auf der Suche nach einem Fluchtweg oder einer geeigneten Abwehrwaffe spricht uns unvermittelt ein besenschwingender Farbiger an und fragt uns, nach was wir suchen. Mir fällt kein aggressiver Unterton auf. Der Typ ist freundlich und wirklich hilfsbereit. Wo wir her kommen, will der wissen? Aha, der checkt ab, ob es was zu holen gibt! Wie uns sein Land gefällt, er würde auch gerne mal nach Germany fahren. Wie uns sein Land gefällt? Meint der das Ernst? Und er erzählt auch noch, dass er stolz ist, ein Südafrikaner zu sein?! Hat der sie noch alle? Nach der dritten Begegnung derselben Art bin ich überzeugt, die Gehirnwäsche ist überzeugend.

Eigentlich sind wir ja in der Stadt in unserem Hotel verabredet, direkt an der Waterfront, Kapstadts First Choice Absteige direkt am Strand. Aber Peter ist nicht nur Fußballfan, der trinkt auch noch gerne Wein und ich hab ihm wohl mal erzählt, dass Stellenbosch, ca. 60 km von Kapstadt entfernt, sozusagen der Rheingau Südafrikas ist. Aber Flughafentransfer schon da und Hotel in Kapstadt gebucht, und trotzdem nach Stellenbosch. Typisch Peter. Stellenbosch ist die zweitälteste Stadt Südafrikas. Seit 1679 hat der Weinbau Tradition und das Kap der guten Hoffnung war schon für die alten Portugiesen, Spanier, Holländer und zuletzt Engländer quasi Raststätte auf dem Weg nach Indien. Da wurde dann Proviant aufgefüllt und weil Wein länger als Wasser genießbar ist, haben vor allem die Hugenotten, damals aus Frankreich vertrieben, unverschämterweise den guten Cabernet nach Südafrika geschmuggelt und machen bis heute den bösen Franzosen Konkurrenz. Das war dann der größte Teil des Proviants bis Indien. Auch nicht schlecht, oder? Die Kapholländer, als Buren recht konservativ und durch die feindliche Umgebung, aber auch die exponierte Stellung auf den Seerouten immer der Gefahr ausgesetzt, erobert werden zu sollen, blieb gar nichts anderes übrig, als sich als starke Gemeinschaft zur Wehr zu setzen. Das färbt natürlich ab und so fühlt man schon sehr intensiv, wo z.B. Rassismus noch eine große Rolle spielt und wo die Engländer mit ihrer (heute) sehr liberalen Gesinnung einen starken Konterpart darstellen. Gleichwohl waren es die Engländer, die das erste „moderne“ Konzentrationslager in den Bergen Südafrikas errichteten. 400.000 Engländer kämpften gegen 51.000 Buren um die Unabhängigkeit Südafrikas.

Am 27. Februar 1900 ergab sich der Burengeneral Pieter Arnoldus Cronjé nach der verlorenen Schlacht von Paardeberg. Bloemfontein, Hauptstadt des Oranje Vrystaat, wurde kampflos besetzt. Die Briten erklärten den Freistaat zum britischen Territorium. Kurz darauf fielen Johannesburg und Pretoria, und am 1. September 1900 wurde der Transvaal als britische Kolonie annektiert.

Die Buren gaben dennoch nicht auf und begannen nun einen für alle Beteiligten zermürbenden Guerillakrieg, eine Strategie des legendären Burengenerals Koos de la Rey. Eigentlich ein Gegner des Burenkriegs, blieb der allseits hoch geachtete General mit seinen Burenkommandos bis zum Ende des Burenkriegs ungeschlagen.

Die Engländer unter General Lord Kitchener reagierten mit unglaublicher Härte und Brutalität auf die Guerillataktik der Buren. Systematisch wurden die Burenkommandos gejagt. Die Farmen in den Guerillagebieten wurden erbarmungslos niedergebrannt, die Felder verwüstet und die Ernten vernichtet. Die heimat- und mittellos gewordenen Frauen und Kinder wurden in riesige Konzentrationslager gesteckt, in denen katastrophale Lebensbedingungen herrschten. Insgesamt starben mehr als 27.000 Frauen und Kinder an Hunger, Entkräftung und Krankheit.

Pretoria ist wie auch Johannesburg burisch. Das weiß jeder und so ist hier der Rassismus gegenüber den ehemaligen Eingeborenen am stärksten ausgeprägt. Umso mehr erstaunt es immer wieder, wie freundlich und zuvorkommend die Farbigen auf uns reagieren. Ständig werden wir gefragt, wie es uns in ihrem wunderschönen Südafrika gefällt. Es wird abend. Punkt 18 Uhr sind die Laster unterwegs. Keine Busse oder Transporter, nein, Laster mit einer einfachen Ladekante und holzkastenförmigen Aufbauten und da stehen je ca. 50-70 Farbige drauf und werden aus der Stadt in die Townships gebracht. Jeden Tag. Morgens rein und abends raus. Tagsüber dürfen sie für die Weißen die Straßen reinigen, vor den Türen der Geschäfte stehen oder in Hotels die Koffer auf die Zimmer bringen. Abends haben sie in der Stadt nichts zu suchen. Und dann fragen die uns dauernd, …….????
Wir haben Hunger und das einzige, was auf hat, ist Kentucky Fried Chicken. Na super. Das können wir auch zu Hause haben. Aber was solls. Chicken und Chips. Fish und Chips gibt’s auch. Also wenn schon, dann das, was die hier essen. Fish und Chips. Dazu ein Tütchen Ketchup. Unser erstes Essen in Südafrika. Kein Warzenschwein, kein Elefant oder Zebra. Ne. Beim Aufreissen der Ketchup-Tüte grand malheur: beizender Geruch und spritzenderweise, leider auch auf die Klamotten quillt eine helle dünne Flüssigkeit heraus. ESSIG!!! So ein Mist. Der Kellner hat uns die falsche Tüte gegeben und jetzt haben wir die Sauerei. Wir stinken beide nach Essig. Empört zur Kasse werden wir aufgeklärt. Das gehört so. Fish und Chips mit Essig. Basta. Aus Germany, gell?!

Heut ist wie gestern und morgen Fußball. Und wir sind ja auch in Südafrika, weil wir das direkt vor Ort miterleben wollen. Stimmung, Land und Leute. Also dann eben auch in Stellenbosch, einer der größten und bekanntesten Universitäten Südafrikas. Auch das. Also viele Weinbauern und noch mehr Studenten. Da muß ja der Bär, äh Löwe steppen. Auf der Suche geht’s durch den historischen Kern, die Dorpstraat. Alte Dorfstrasse also, die älteste hier überhaupt. Rechts und links uralte Holzhäuser, niedrig und typisch holländisch. Die meisten sind tatsächlich über 200 Jahre alt. Und alle im Kolonialstil mit original Kolonialwaren sowie kleinen urigen Geschäften, die einen Flair versprühen, der hier sicher nicht erwartet wird. Klasse. Aber wo sind die Fans? Da wo die Leute hinströmen, dachte ich und schau und schau. Und keine Leute. Da einer, da einer…. aber keine Mengen. Sind wir am falschen Ort? Die Kneipen sind geschmückt, Fernseher stehen überall rum aber von Stimmung oder vollen Buden nix zu sehen. Na ja, vielleicht sind die Studenten hier einfach nicht so fußballverrückt. Recht hübsch hier, aber im Cape de Cuba sei der Teufel los und da sollten wir hin. Also ab zum Abendessen und tatsächlich, ein weitläufiges Touri-Weingut-Entertainment-Ambiente mit ca. 300 Gästen, ner Bühne, großen Fernsehern und reichlich Buffet. Alles, was südafrikanisch, international und undefinierbar aussieht. So haben wir uns das vorgestellt. Empfehlenswert!

Beim Frühstück sitzen ein paar Südafrikaner und ein paar Russen schräg gegenüber und verhandeln offensichtlich über die Lieferung von – Wein??? Ne, die wollen Obst, und das in rauen Mengen. Und wie wir später erfahren gibt es Weingüter, die nicht nur die gesamte Weinproduktion schon verkauft haben, bevor die Flaschen in den Handel kommen sondern auch alles, was an Weintrauben nicht vermostet wird. Alles nach Russland. Die brauchen gar keine Werbung oder Verkostung oder sonst was machen. Das reicht noch nicht mal. Wenn jetzt auch noch die Chinesen kommen, dann müssen wir unseren Spätburgunder festhalten, sonst ist der auch noch weg…..!!!

Pieter holt uns ab und bringt uns zu seinem Haus – Villa besser gesagt. Einstöckig und mit Garten. Und in jedem Garten ein Swimmingpool. Und um jeden Garten eine Mauer, ca. 1.80 hoch. Und in jedem Garten mindestens ein Hund. Und pro Hund mindestens 3 Haufen pro Tag……. Den Garten konnte man jedenfalls kaum benutzen. Braucht man zum Schutz, sagt er. Wieso Schutz?? ….Na ja, die Farbigen…. Aber die sind doch in den Townships…. Ja – nachts, aber tagsüber, wenn niemand zuhause ist….
Mir scheint, die spinnen, die Buren. Aber wer sich so verhält, muß ja Angst haben. Außerdem ist das Thema Mandela jeden Tag mehr als präsent. Zu lebenslänglich verurteilt und von der Welt verehrt hält man hier den wohl berühmtesten Gefangenen auf dem Globust auf einer Insel vor Kapstadt, der Robben Island seit schon fast 20 Jahren gefangen und eingebracht hat es den Südafrikanern vor allem Boykott. Vor allem beim Sport dürfen sie nicht mitmachen. Weder Olympische Spiele und erst recht nicht Rugby oder Fußball. Das tut am meisten weh. Dabei hat Mandela, von seinem Vater Rolihlahla genannt, was wörtlich „Am Ast eines Baumes ziehen“ bedeutet; umgangssprachlich soviel wie „Unruhestifter“, nichts anderes eingefordert als die einfachsten Menschenrechte. Und weil das friedlich auf taube Ohren stieß, entschloß sich der sonst eher pazifistisch orientierte Mandela mit seinem ANC einen Zug und ein paar Stromleitungen in die Luft zu sprengen. Das nahmen die Buren natürlich ziemlich übel und der Rest ist Knast. Seine Anti-Apartheid Charta konnte er seit 1964 nur noch auf der Insel hinter Gittern verfolgen, in dem er sich auf abenteuerliche Weise mit anderen Häftlingen per Tennisball oder Kieselsteinen verständigte. Aber weil Mandela schon damals ein Nationalheld war, konnte man nicht wie bei Steven Biko, einem weiteren Freiheitskämpfer damit rechnen, einigermaßen ungeschoren davon zu kommen, wenn man Nelson wegen angeblichen Herzinfarkt horizontal aus der Folterkammer trägt. Oder vielleicht gerade deswegen, schließlich waren die Farbigen im Verhältnis zu den Weißen in der Mehrheit. Und Massenunruhen wollte man unter allen Umständen vermeiden.

Wir sitzen im Nelson, einem 4 Sterne Hotel, das von Mandela persönlich eingeweiht wurde, direkt mit Blick auf den Atlantik an der Waterfront und genießen erst mal das warme Winterwetter bei ca. 20 Grad. Hier unten haben die nämlich so was wie Herbstwetter. So zwischen 5 und 20 Grad. Und das ziemlich feucht. Abends wird´s doch recht buschig und oft sind die im Fernsehen gezeigten Fußballspiele vor allem im Norden völlig verregnet. Ja sogar Schnee hat es und wir sehen Bilder von Elefanten und Geparden in den Reservaten im Schnee herumlaufen. Keine sonnenverwöhnten Tiere, die sich in Wasserlöchern suhlen. Sogar über 350 Zwergpinguine sind gerade erst nördlich von Kapstadt erfroren. Unglaublich. Und wir haben immer die falschen Klamotten an. Wenn wir raus gehen, ist die Sonne gut für T-Shirts. Ist sie weg, brauchen wir fast Handschuhe. Aber wir wollen ja in die Stadt und den Fußballhype am Kap erleben. Und da brauchen wir auch gar nicht so weit fahren. Abgesehen vom Linksverkehr, an den man sich auch erst mal gewöhnen muß, fahren wir auf dem Weg zur Wharf, der Einkaufsmeile und Epizentrum der Fans aus aller Welt am anderen Ende der Waterkant am Stadion vorbei und wenn Spiele in Kapstadt stattfinden, ist natürlich Ausnahmezustand angesagt. Ausnahmezustand? Na ja. Also verglichen mit dem Hype in Berlin am Brandenburger Tor hält sich die Stimmung am Kap doch merklich in Grenzen. Was hier heraussticht, vielmehr tönt, ist die unvermeidliche Plastiktröte, genannt Vuvuzela, benannt nach dem Erfinder bzw. Master of Destruction, einem Bastler aus den Hometowns rund um Kapstadt, von denen es leider überraschend auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch viel zu viele gibt. Diese Vuvuzela sollte Karriere machen rund um dem Globus, allerdings auch nur ein kurzes Leben beschieden sein, wird sie ja sogar mittlerweile aus den meisten Stadien Südafrikas verbannt. Die Mistdinger sind einfach nur nervig und spalten Freunde, Familien und Fans gleichermaßen in Freunde und Hasser.

Da nur einen Ton von sich gebend und das in fast beliebiger Lautstärke fallen sie immer dann besonders negativ auf, wenn einige Idioten, vor allem aus dem Ausland sogar in den Shopping-Malls in voller Lautstärke drauflos blasen. Das zerreißt einem fast das Trommelfell und vor allem die Nerven und nicht selten möchte man dem Depp nebenan am liebsten ein Veilchen verpassen. Dass das auch Familienväter tun, deren Mitglieder das mit einem oft sehr missbilligenden Blick quittieren oder Freunde, die sich darüber fast prügeln ist bezeichnend für die unterschiedliche Betrachtung dieses wenig virtuosen Musikprügels. Dafür wird er allerorten massenhaft verkauft, schon allein als Mitbringsel, um die liebe Verwandt- und Bekanntschaft zuhause zu quälen. Im Stadion killen die Dinger jegliche Stimmung und vermitteln den Eindruck, als ob ein Jumbojet beim Starten die Bremsen reingehauen hat und auf der Stelle Vollgas gibt. Aber außerhalb der Fanzentren ist das vereinzelte Auftröten noch erträglich und spielt auch abends in den Kneipen keine wesentliche Rolle. Gottlob….

Pieter will mit uns Essen gehen und zusammen mit seiner Frau echt afrikanische Spezialitäten des Landes vorstellen. Dazu muß man wissen, wenn man mit ner Flasche Wein aus dem Haus geht, weil die Restaurants und Kneipen unterschiedlichen Status haben. Da kann das Essen noch so gut sein, Alkohol dürfen nur die Lokale ausgeben, die „licenced“ sind, also die Lizenz zum Ausschank haben. Und die muß der Wirt halt bezahlen. Man geht also mit der eigenen Weinflasche in die Kneipe, sucht sich das Menü seiner Wahl aus und bittet den Kellner, die Flasche zu öffnen und entsprechende Gläser zu bringen. Der tut das auch anstandslos und kredenzt den Wein professionell und elegant sozusagen umsonst. Die spinnen doch.

Am nächsten Tag fahren Thomas und ich mit dem Taxi in die Stadt und bekommen von Pieter´s Frau die Hausschlüssel, damit wir jederzeit in die Wohnung können. Im Taxi fällt mir ein komischer Hänger am Schlüsselbund auf und ich drücke mal eben so drauf. Plötzlich spritzt eine stechende Flüssigkeit aus dem Ding direkt auf den vor mir sitzenden Taxifahrer. Der kann anschließend nicht mehr weiterfahren. Das Zeug ist Tränengas und nachdem ich mich tausend Mal entschuldigt hatte und abends Pieters Frau den Vorfall geschildert hatte, meint sie lakonisch, ohne geht keine weiße Frau aus dem Haus, man kann ja nie wissen, sozusagen als Selbstverteidigung. Besonders leid tut mir der Fahrer. Statt mich zu verfluchen und mich auf Körperverletzung zu verklagen, entschuldigt der sich bei mir und wirft sich mir fast vor die Füße. Das hat mich am meisten gewurmt. Wie gehen die Weißen bloß mit ihren Mitmenschen um, dass die so reagieren, bzw. meinen, sich auf Schritt und Tritt schützen zu müssen. Und die Krone: als wir uns mal im von den Hunden zugeschissenen Garten mit Swimmingpool verirrt haben, meint Pieter, als Weihnachtsgeschenk haben sie sich die Erhöhung ihrer Mauer ums Anwesen von 1.80 m auf 2.20 m gewünscht. Jetzt wär die Hütte noch sicherer und reinschauen kann dann auch keiner mehr. Ich komm aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus….

Wir machen uns auf die Fahrt nach Kapstadt. Von Pretoria immerhin ca. 1200 km durch die Mitte des Landes. Vollgepackt und mich als Ladeesel und schnell mal irgendwo rein springen, tanken und nach einem freien Hotel fragend wechseln wir uns wenigstens beim Fahren ab. Allerdings nervt das dauernde An- und Abbauen des Handgerätes. Aber dafür ist die Fahrt ein einziges Erlebnis.

Südafrika ist Abenteuer – kann es sein. Hier unten gibt es so viele Superlative, dass man schon mal seinen Terminkalender hervorholen muß, um auch nur einige der heißesten Acts mitzuerleben. In Zeiten der alten Seefahrt war das Passieren des Kaps der guten Hoffnung die Herausforderung schlechthin. Durch das Zusammentreffen der warmen Wassermassen aus dem indischen Ozean mit dem kalten Atlantik werden die Strömungen zu gewaltigen Katalysatoren, die nicht nur die Wassermassen durcheinander wirbeln sondern auch das darüberliegende Wetter maßgeblich bestimmen. Sturm ist angesagt. Bei den Pötten von heute ist das kein großes Ding mehr. Aber früher war das Roulette spielen. Jetzt haben die Zeitgenossen andere Nervenkitzel. So zum Beispiel Whalewatching. Das Kap ist einer der besten Spots weltweit. Am häufigsten kommt an der südafrikanischen Küste der Southern Right Whale vor. Der Name stammt aus der Zeit, als die Wale noch gejagt wurden. Sie waren die „richtigen“, idealen Wale zum Jagen, da sie viel von dem begehrten Tran und den Barten enthielten. Außerdem gehen diese Tiere nach dem Erlegen nicht unter, sondern schwimmen an der Wasseroberfläche. Das machte es den Walfängern sehr einfach.

Heute liefert der Southern Right Whale den Stoff für eine unvergleichliche Erfolgsstory in zweifacher Hinsicht: für den Tourismus und für den Artenschutz. Der kommerzielle Walfang begann Ende des 18. Jahrhunderts und bereits ein knappes Jahrhundert später waren die Bestände vor der südafrikanischen Küste soweit dezimiert, daß der Walfang nicht mehr profitabel war; der Walfang verlagerte sich in die antarktischen Gewässer. In den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts waren die Southern Right Whales fast ausgerottet, lediglich 200 – 300 Exemplare gab es noch. Und wo Wale sind, da ist meist Krill und da dann Fische und wo der ist sind die Robben, und wo Robben sind, da ist der Weiße zu Hause. Jawohl, der Große Weiße. Steven Spielberg hat mit seiner Trilogie in den 70ern fast dafür gesorgt, dass der Hai weltweit bereits so dezimiert ist, dass er seiner eigentlichen Aufgabe, der Artenhygiene und Gleichgewicht der Lebewesen unter Wasser kaum noch gerecht werden kann. Aber da, wo die Robben ihre gute Stube haben, da gibt es sie noch in größerer Zahl. Was den Buren recht war, nämlich ihre Gefangeneninsel dahin zu bauen, wo die größte Robbenpopulation war. Denn wer die etwa 3 km von der Insel aufs Festland schwimmend zu erreichen suchte, war dem kalten Atlantik ausgesetzt und der Gefahr, als Haifutter zu enden.

Und ich will dem Hai ins Auge schauen. Im Käfig natürlich, aber im Wasser und auf Armlänge entfernt. In Hermanus, einem Fischerdorf ca. 3 Stunden von Kapstadt entfernt ist die Wahrscheinlichkeit am größten. Und nebenbei auch die Chance, einem der Riesen der Ozeane das Kielwasser zu kreuzen. Dafür opfere ich gerne einen Fußballtag.

Wir fahren zunächst die Nationalroute Richtung Süden, um aber immer wieder abzuweichen, interessante Orte auf dem Weg nach Kapstadt zu erreichen oder eben günstige Übernachtungsmöglichkeiten für unseren eher schmalen Geldbeutel zu finden. Auch sind wir in der Weihnachtszeit, also quasi in den Sommerferien der Afrikaans unterwegs und das ist nun mal auch Reisezeit für die Einwohner. Der Tourismus ist sehr unterentwickeltt, da ja das Land unter den Boykottmaßnahmen vieler Länder der Welt leidet, aber auch für fast alle typischen Reiseländer wie Deutschland und den USA eben am Ende der Welt liegt, kann es hier gar nicht so viele Hotels geben, dass man auch noch den Luxus der Wahl hat. Aber 2 Wochen vor Heiligabend ist es noch recht einfach, ein Zimmer zu bekommen. Egal ob in Bloomfountain oder Kimberley, Colesburg oder Beauford, schwierig wird es sicher erst auf der Gardenroute. Aber was für eine Landschaft, was für eine völlige Metamorphose von reichen Wäldern hin zu Steppen bis zu Wüsten und wieder satten Weiden und Plantagen zu roten und weißen und zerklüfteten und vom Wind zart umschmeichelten Fels- und Bergformationen. Überall fällt die Sauberkeit und fast schon zu perfekten Gartenanlagen in den Ortschaften auf, die wir durchfahren. Manchmal kommt einem aber auch der Gedanke, dass das auch schon alles sein könnte, was viele Gemeinden den Reisenden zu bieten haben. Vielerorts wirken die Orte eher abweisend, nett anzuschauen, aber verweilen? Wo sind die Cafe´s oder Restaurants, wo die Sehenswürdigkeiten, um einmal einen ausgedehnteren Halt zu unternehmen? Klar, Aussichtspunkte laut Reiseführer, spektakuläre Landschaftshighlights. Aber die Orte wirken oft leblos und langweilig. Mir geht mittlerweile die Laderei mit den Rollstühlen gehörig auf die Nerven. Das dauernde rein und raus beim Tanken, Pinkeln und Kaffeepausieren ist anstrengend und zeitaufwändig. Aber wir sind ja bald in Kapstadt und dann bekommen wir ja ein anderes Auto. Halleluja.

Je näher wir der Südküste kommen, desto mehr Wald durchfahren wir. Mitten drin etwas abseits der Piste entdecken wir ein Hexenhäuschen. Ja wirklich. Und dazu im Schwarzwaldstil. Mit Kuckucksuhr und so und tatsächlich, beim Einchecken in das auch als Pension fungierende Anwesen spricht uns die Wirtin auf Deutsch an. Sind schon über 20 Jahre hier und hatten die Nase voll von Deutschland. Na ja, und hier…..? Aber es ist schon der Hit, so weit weg von zuhause auch noch deutsche Gäste und deutsches Bier anzutreffen. Sprüche an den Wänden, Wegweiser aufs Klo – alles auf Deutsch. Wenn ich es noch mal finden müsste – keine Chance!!

So nah an Kapstadt werden wir immer mehr freudig erregt ob der endlich und lange ersehnten Küste mit allen damit verbundenen Annehmlichkeiten wie Strand, Bars und Party ohne Ende. Mädels haben wir ja schon und der Rest ist Tennisspielen, in Cafe´s abhängen und Urlaub genießen. Heißt doch auch Kap der guten Hoffnung, oder???
Wir sind da. Hundemüde und nach 5 Stunden Fahrt haben wir auch noch 1 ½ Stunden die Adresse der beiden Mädels gesucht. Natürlich hat Papi den Zweien keine Bude direkt am Meer spendiert, aber 30 km davon weg hätte es ja auch nicht sein müssen. Dafür immerhin ein kleines Haus mit – aber Hallo – Swimmingpool. Leider ohne Wasser. Die beiden sind nicht gerade Schönheiten und so ist es auch keine große Qual, wer bei wem in der Wohnung übernachtet. Luftmatratze und Schlafsack statt Spielwiese und Daunendecke. Aber dafür ein Tennisplatz in der Nachbarschaft, den wir in den nächsten Tagen auch ausgiebig nutzen werden. Dass wir grade Sommer und demnach ca. 35° C haben, und der Platz aus Beton ist, stört nicht weiter. Denkste. Meine erste Sonnenallergie und der Beginn furchtbarer Rückenschmerzen werden meine allernächsten Begleiter sein….

Ich sitze seit 6.30 Uhr im Auto mit ca. 10 anderen Lebensmüden und bin auf dem Weg nach Hermanus. Dem Dorf in einer Lagune, das weltberühmt ist für seine – Käfige. Und ich bin schon ganz nervös. Wir sind da und der Hai ist allgegenwärtig. Auf jeder Hauswand grinst er uns an, überall Plastikskulpturen, Restaurantnamen, Hotelbezeichnungen. The Big White, Shark´s Café oder Geschäfte mit dem Titel: How to survive. O o ok… Wie bei der Tauchscheinprüfung sitzen wir alle schön brav an unseren Tischen im Shark Explorer und warten auf die Unterweisung. Jeder bekommt ne Verzichtserklärung, die besagt, dass wir alles Risiko auf uns nehmen. Dafür können wir eine Unfallversicherung abschließen. Die Gliedertaxe besagt, was wir bekommen, wenn uns ein Finger, eine Hand oder der Hintern fehlt. Richtig reich werden kann man natürlich beim Verlust beider Arme und Beine. Aber dafür zahlt man erst mal Aufpreis. So viel auf einmal…..
Nachdem alles unterschrieben und die Gebühr für den eigenen Selbstmord bezahlt ist, wirft man uns wieder raus und ab ins Auto. Aha – es geht los. Ne, wieder nach Hause. Die Sicht ist schlecht und das Wasser zu unruhig. Zu gefährlich!!!!???? Morgen wieder. Da soll es besser werden. Ja wie, 3 Stunden hin und 3 Stunden zurück und morgen das Gleiche noch mal? Hätte man das nicht früher….? Aber als Ausgleich ist die Fahrt morgen umsonst. Na bitte. Es gibt noch Gerechtigkeit. Peter ist derweil noch mal in Stellenbosch und weil er einer ist, der einer guten Weinflasche keinen Korb geben kann, sucht er für uns Beide ein gutes Fläschchen, das sich bei einem guten Haifischsteak – quatsch Krokodilschnitzel besonders gut trinken lässt. Ich bin stinksauer und hab kein Bock auf Krokodil. Dafür gehen wir abends auf die Longstreet. Da ist Party und Fußball beim irren Iren angesagt. Halt am Bildschirm aber dafür mit viel was los. Je nach dem wer spielt, sind die Farben des Landes dominant in den Kneipen und man sollte auf der Hut sein, für die Falschen in Torjubel zu verfallen. Die Tröte ist einem Gewiss. Aber die Stimmung ist trotz allem sehr friedlich. Dafür fallen einem nach ein paar Bier vor allem die Jungs reihenweise bierselig um den Hals und wenn man Glück hat, kommt ein Mädel dazu. Die sind noch besser drauf und so langsam kommt man sich wie auf einer Knutschparty vor. Ständig hängt irgendeine verirrte Zunge bei irgendeinem im Hals. Beim richtigen Ergebnis will ich gar nicht wissen, was da sonst noch so alles abgeht. Auf jeden Fall wurde ich beim Warten auf die freie Toilette immer wieder überrascht, wer da alles rauskommt. 3 kichernden Mädels auf 1 m²….? Ich sollte nichts mehr trinken.

Am nächsten Morgen das gleiche Spiel noch mal. Diesmal schaffen wir es noch bis zum Aussteigen vor Ort, die Versicherung ist ja schon abgeschlossen, da müssen wir wieder einsteigen. Alle sind stinksauer. Das gibt es doch nicht. Aber wir haben es schon geahnt. Nebel zog auf der Fahrt hier her auf. Letzte Chance – nächster Tag. Wenn dann nicht – ….

Die Mädels wollen mit uns auf den Tafelberg. Das ist so was wie der Königsstuhl in Heidelberg. Die Kapstadter haben zwar keinen König und demnach auch keinen Stuhl auf dem Berg, aber eine Ebene auf dem Berg vor Kapstadt, der steil abfallend in den Atlantik ragt. Die Ebene ist groß und mit einer Seilbahn zu erreichen. Man kann natürlich auch hinaufklettern, aber im Rollstuhl muß das jetzt nun wirklich nicht sein. Ist ja auch noch heiß bei ca. 35°C. Wir haben ja Sommer. Also ohne Skizeugs in die Gondel und ca.

Der Tafelberg in Kapstadt – Magisch und mystisch erhebt sich der Tafelberg über Kapstadt. Dieser majestätische Berg ist aus allen Richtungen sichtbar. Der Tafelberg wird geliebt und verehrt in Kapstadt.

Der Berg hat eine Höhe von 1067 Metern. Sein flacher Gipfel ist fast 3 km lang und liefert eine atemberaubende Aussicht auf Kapstadts Umgebung. Das Panorama erstreckt sich von der Bucht Table Bay bis hin zur False Bay bei Hout Bay und bei guter Sicht bis nach Kommetjie über die Cape-Ebenen bis zu den Hottentots Holland Bergen.

Es gibt ungefähr 1470 verschiedene Blumenarten und über 250 unterschiedliche Proteen. Die Protea ist die Nationalblume Südafrikas. Nix Palme oder so…

Die Gondel hinauf bietet der Berg ein Panorama von 360º über Kapstadts Umgebung. Die Gondel wurde 1929 zum ersten Mal in Betrieb genommen und bringt heute jährlich über 600.000 Menschen zum Gipfel hinauf. Im Restaurant und von der Kabelstation kann man den herrlichen Blick auf den azurblauen Atlantik von Kapstadt genießen.

Für sportliche Besucher gibt es ca. 350 unterschiedliche Wanderwege zum Gipfel des Tafelberges hinauf – von einfachen, sogar für Kinder geeigneten, bis hin zu schwierigen Aufstiegen. Und wenn man Glück hat, machen die da oben auch Rockkonzerte. Und heute haben wir Glück. Ne große Tribüne, mega Sound und ne Menge Besucher. Alle sitzen auf dem von kurzen Gras bewachsenen, sandigen und felsigen Untergrund. Und so hocken wir und lauschen, genießen und merken, dass irgendwas nicht stimmt. Manche stehen auf und eilen wortlos davon. Nanu! Was ist jetzt los? Da bläst auch schon ein laues Lüftchen und die Wolken vom Land her sind quasi auf unserer Höhe und kommen recht schnell auf uns zu. Keine dicken wasserführenden Wolken. Schnell fliegende Federwolken. Und ruckzuck fliegen Hefte, Butterbrotpapier und schließlich Sand senkrecht über die Ebene. Ich bin etwas irritiert, wie schnell das ging und denke, das muß ja gleich wieder aufhören. Pustekuchen. Die Band müht sich, gegen den langsam auch akustisch merkbaren Sturm anzuspielen. Vergeblich. Die ersten Boxen fallen um und die Mikroständer machen sich selbständig. Da merken alle, jetzt wird es Ernst. Der Sand in der Luft wird zu Wurfgeschossen. Augen aufhalten ist nicht. Alle drücken sich so gut es geht auf den Boden. Wer kann, duckt sich hinter einen Felsbrocken oder Stein oder einem auf dem Boden liegenden Zuhörer. Die Luft ist mittlerweile vom Staub gesättigt. Alle husten und bekommen keine Luft mehr. So langsam wird es brenzlig. Mit ca. 120 km/h bläst der Wind in Orkanstärke und Angst macht sich bei einigen breit. Dickere Brocken wie Taschen, Klamotten und Rucksäcke fliegen durch die Luft. Wer getroffen wird, hat ne Beule. Die Schreie hört man nicht. Der Wind ist zu laut. Die Bühne löst sich langsam auf und fliegt davon. Und plötzlich ist alles wieder vorbei. – Was war das denn?
Uns wird erklärt, das ist das Geheimnis des Tafelbergs:
Im Osten des Tafelberges befindet sich die Spitze des Teufels, auch Devils Peak genannt. Wie die Geschichte erzählt, hat sich im frühen 18. Jahrhundert der Pirat van Hunks dorthin zurückgezogen, um nach seinem Leben auf dem Meer auf dieser Spitze des Teufels zu leben. Eines Tages kam ein Fremder vorbei und sie veranstalteten einen Rauchwettbewerb, der sich über Tage erstreckte. Die Rauchwolken wurden vom Wind in die Stadt getragen. Der Pirat gewann schließlich den Wettbewerb und der Fremde verriet ihm seinen Namen – er sei der Teufel in Person. Anschließend löste er sich in eine Rauchwolke auf und nahm den Piraten mit sich. Der Legende nach erstreckt sich von dieser Zeit an eine Rauchwolke von Südost über den ganzen Tafelberg – auch die Tischdecke des Tafelberges genannt.

Selbstverständlich wird das Phänomen der Tischdecke des Tafelberges auch durch eine meteorologische Erklärung gestützt. Die feuchtigkeitsbeladenen Wolken im Südosten prallen gegen den Tafelberg und steigen auf. Bei einer Höhe von ungefähr 900 Metern erreichen die Winde die kälteren Schichten der Luft und Wolken bilden sich. Diese Wolken „rollen“ über den Berg und „fallen“ über der Stadt hinunter. Durch aufstrebende Winde werden die Wolken wieder auf den Tafelberg zurückgebracht. So entsteht eine Art Tischdecke, die sich über dem Berg ausbreitet. Bei der Beobachtung dieses Phänomen ist man der Meinung, dass die Wolken den Berg verschlingen werden, was jedoch sehr selten geschieht. In der Regel sorgen die Winde dafür, das die Tischdecke auf dem Tafelberg bestehen bleibt. Aber heute raste der Wind über den Tafelberg hinweg und geradewegs auf das Meer zu. Die letzten Wolkenfetzen verschwinden über der Bergkante und ein Blick hinunter wird zum Naturschauspiel. Unten ca. 900 m tiefer auf dem Meer sehen wir von oben den Wind das Wasser zum Spielball werden. Boote, Schiffe, Wellen und was zu wem gehört, ist kaum zu unterscheiden. Da unten muß der Wind den Leuten in den Booten den Garaus machen. Wenn die auch nur annähernd das erleben, was wir gerade erlebten, dann muß das auf dem Wasser die Apokalypse sein.

Hab meinen Tauchschein dabei. Der Typ schaut mich an und ich kann sein inneres Auge lachen sehen. Brauch ich nicht, wir schnorcheln nur. Reicht, weil der Große eh an die Oberfläche kommt. Wir schmeißen Köder ins Wasser, vermischt mit Fischblut und ruck zuck, sind sie da. Garantiert. Na denn, mit dem Dschungelekeldreck im Wasser schwimmen ist nicht grade der Hit. Aber wenn´s hilft. Heute 3. Anlauf. Bei so viel Hartnäckigkeit und 3 verschenkten Tagen wegen dem gottverdammten Hai muß ich Glück haben. Wir sind auf einem Katamaran. Ein eleganter Motorsegler und auf einer Weltumrundung seine Seetauglichkeit bewiesen sind wir ca. 20 Unglücksritter, die mehrere Tage damit verbrachten, hier auf das Boot zu kommen. Unten sind die Taucheranzüge. Das Wasser ist scheiß kalt. Ich bin mir auch nicht sicher, vor was ich mehr Respekt haben soll. Schließlich haben wir Winter hier. Das Wasser hat nicht mehr als 10 ° und die Anzüge haben überall Löcher. Bei so vielen Suizidaspiranten, die das Tauchzeug verzweifelt über ihre Bierbäuche zu ziehen versuchten, ist bei manchen die Naht gerissen und dann wird aus dem Tauchanzug halt ein Feigenblatt. Ich bin ein Heißduscher…. Was soll´s. Werde jetzt nicht anfangen zu jammern. Der Hai oder das Arktiswasser. Hier sind Männer gefragt und keine Memmen!!! Mich kuckt sowieso jeder etwas schräg an. Im Rollstuhl zur Haifischfütterung. Aber wer hier den Kopf schüttelt, kann sicher sein, dass ein Clown über den Aufzug des anderen lacht. Wir sind da. Vor einer Robbenbank ca. 400 m von der Küste entfernt stoppt der Kapitän das Boot und lässt den Käfig ins Wasser. Wir sind bereits in den Feigenblättern und fangen schon an zu zittern. Vor Kälte natürlich. Jetzt kommt das Blut und die Köder eimerweise ins Wasser und jetzt heißt es warten……

Kapstadt ist ja recht nett, aber wirklich schön ist es vor allem in den Vororten nicht. Nirgends Straßencafe´s, außer an der Waterkant. Wir spielen Tennis bei 40° C auf Betonboden und abends gehen wir mit den Mädels was Essen. Mehr ist kaum drin. Freunde treffen ist das Hobby der Africaans und das abendliche Barbeque die Regel. Das beste sind die Fischsoucen. Red Snapper auf dem Grill und eine aufwändige Souce machen die Grillabende zu absoluten Highlights. Nirgends hab ich bessere gegessen. Aber wir wollen ja noch mehr sehen von Südafrika und entschließen uns, den langsam bedenklich anlehnungsbedürftiger werdenden Halbschönheiten zu entfliehen und mieten uns wieder ein Auto, um die Gardenroute, das Filetstück südafrikanischer Tourisehenswürdigkeit nach Norden Richtung Durban abzufahren. Es ist natürlich wieder ein Kleinwagen, weil alles andere schon lange ausgebucht ist. Und dass wir es gleich wissen – die Weihnachtsferien (im Sommer) haben angefangen und da ist ganz Südafrika unterwegs. Und wo? Klar. An der Gardenroute…..

Auf jeder Reise, die ich bisher gemacht hab, gibt es irgendetwas, was ich mit dem Land verbinde. Ein spezielles Essen, eine Melodie oder Lied, das zu der Zeit grade in den Charts war oder eben ein Wort oder Wörter: für Südafrika 1988 heißt das – fully booked!!!
Wir haben uns wirklich gut vorbereitet, die schönsten Ecken der Garden Route ausgekundschaftet, Hotels und Restaurants, die man unbedingt besucht haben muß, niederschreiben lassen. Die besten Wege auch abseits der Bundesstraßen. Hilft nix. Alles ausgebucht. Da Handy und Internet und emails und so nicht verfügbar sind, müssen wir jedes gottverdammte Hotel anfahren, den Rollstuhl aus dem Auto zerren, zusammenbasteln, Fragen, Frust abholen, wieder einpacken, rauszerren, Fragen, Frust abho……… Zum Schluß landen wir in einer Absteige und sind froh, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Und am nächsten Tag geht das Spiel wieder von vorne los. Naturschönheiten wie in Oudtshoorn, Moussel Bay und die Bergklippen an der Küste mit atemberaubendem Panorama, nix kann uns wirklich aufheitern, weil schon mittags die Panik losgeht, wo übernachten. Dazu kommt, dass ich mit zunehmendem Frust immer mehr Probleme mit dem Rücken bekomme. Schon in Kapstadt hab ich das Feuerwerk zu Sylvester nur auf dem Dach eines VW-Busses auf dem Rücken liegend betrachtet und war froh, wenn ich mich nicht groß bewegen musste. Jetzt aber beim Autofahren, dem ständigen Ein- und Aussteigen wird es langsam zum Qual. Ich will hier weg und nichts wie nach Johannesburg, wo der Krügernationalpark auf uns wartet. Da ist ein Camp, eine Lodge und viel Zeit und da wir schon vorgebucht haben, brauchen wir uns um nichts mehr kümmern. Bitte!!!

Wir starren auf das Wasser. In nicht allzu großer Entfernung sind noch ca. 5 andere Boote auf der Lauer und wenn der Große Weiße kommt und überall Besuch abstatten soll, wird das ein kurzes Intermezzo. Aber vielleicht haben wir ja auch die besten Köder und das galligste Fischblut ins Wasser gegossen. Dann macht das drin rumschwimmen wenigstens Sinn. Da wir ja schon in den zerrissenen Tauchanzügen warten und der Kafig erst zu Wasser gelassen wird, wenn eine Flosse zu sehen ist, müssen wir wenigstens nicht frieren. In der Zwischenzeit fällt mir ein Gespräch ein, das Peter und ich beim Juwelier gestern in Kapstadt hatten. Da hat uns eine gutaussehende, deutschsprachige Verkäuferin ihr Erlebnis mit den größten Raubfischen der Weltmeere (der Orka ist ein Säugetier) zum Besten gegeben. „Sie hatte zur Hochzeitsvorbereitung (nette Aktion, wenn man sich prüfen will) mit ihrem Mann auf das Haistelldichein gewartet, zum Schnorcheln hatte sie nicht den Mut, da tauchte statt einem Hai eine kleine Robbe auf und blieb erst ganz neugierig am Boot und schien den Beifall der Passagiere zu genießen. Sie planschte und klatschte mit den Flossen und plötzlich verschwand sie. Allgemeine Spannung. Ist sie geflüchtet? Wurde Sie von unten in die Tiefe gezerrt ? Kommt der Große gleich und hat dem Spektakel ein Ende gemacht? Nach 5 langen Minuten endlich, der Kleine ist wieder da und hat einen kleinen Fisch im Maul. Den wirft er immer wieder im hohen Bogen ins Wasser und schnappt ihn sich wieder. Ja, er versucht ihn sogar an Bord zu werfen. Ein Geschenk an die Besucher vor der Robbeninsel. Was für ein Schauspiel. Da plötzlich reißt die Wasseroberfläche auf. Die kleine Robbe wird von einem mächtigen Körper etwa 3 m in die Höhe geschleudert und im Maul des Weißen Hais zerquetscht. Danach ist totenstille. Keiner sagt etwas und ist zu tiefst betroffen. Was hat die Robbe mit dem Fisch anderes gemacht als der Hai? “
Wir glotzen immer noch angestrengt ins Wasser. Er muß jetzt aber langsam mal kommen. Kapitän und Besatzung werden nervös. Ist nicht wirklich klar, wo die Haie grade sind. Im Wasser oder auf dem Boot. Wir sind jetzt schon 3 Tage wegen den Viechern unterwegs und jetzt, wo das Wasser, das Wetter und die WM mitspielen, kommen ausgerechnet die Schauspieler nicht. Da können die Passagiere leicht selbst zu Räubern werden……

Der Krügerpark ist der Größte seiner Art in Südafrika und nördlich von Johannesburg zur Grenze Simbabwes hin hat er alle Tiere zu bieten, die man aus dem Fernsehen. Ganz wichtig, weil überall als Werbung besonders groß darauf hingewiesen, wird garantiert, dass man die Big 5 zu sehen bekommt. Und, dazu gehören der Löwe, Leopard, Wasserbüffel, Elefant und Nashorn. Warum Krokodile und vor allem Nilpferde nicht dazu gehören, ist mir nicht klar. Gerade die kosten die meisten Menschenleben. Am aggressivsten sind wohl die Nilpferde, auch Flußpferde genannt
Die Lodge hat alles, was eine Abenteuerranch mitten im Park braucht. Einen echten Cowboyhutscout, eine schwarze Perle, die für die echte afrikanische Küche zuständig ist und ein vertrauenswürdigen Jeep, der möglichst nicht mitten in der Savanne stehen bleibt. Leider ist der Jeep hin und es bleibt uns nur der VW-Bus. Ein ziemlich betagter und eigentlich nur für die Versorgung der Lodge gedacht, muß er eben jetzt.

Über den Autor: Michael Heil ist geschäftsführender Gesellschafter des Reha-Fachhandels Rehability. Der Rollstuhlfahrer reist viel und gerne durch die Welt – und bringt immer wieder spannende Erlebnisse mit, die wir gerne auf ROLLINGPLANET veröffentlichen.

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