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Wahnsinn: Viele Medikamente für Senioren werden zuvor nicht getestet

Warum es nicht gesund sein kann, wenn ältere Menschen bis zu sechs verschiedene Arzneimittel pro Tag einnehmen.

Pillenmix (Foto: Andrea Damm/pixelio.de)

Viele ältere Menschen nehmen täglich zahlreiche Pillen, Kapseln oder andere Formen von Arzneien. „Guten Gewissens darf ein Arzt eigentlich nicht mehr als fünf Medikamente gleichzeitig verschreiben“, warnt Clemens Grupp, Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie am Zentrum für Altersmedizin in Bamberg. Die Wahrheit sieht aber offenbar anders aus. „Zehn oder mehr Arzneimittel täglich sind für viele Senioren nichts Besonderes“, sagt Ulrich Thiem, Altersmediziner am Klinikum der Universität Bochum.

Patienten, die älter als 70 Jahre seien, würden im Durchschnitt sechs verschiedene Medikamente pro Tag einnehmen. Ein Experiment der Medizin-Fakultät der Universität Christchurch (Neuseeland) mit 500 Männern und Frauen über 75 Jahren hat nun aber ergeben, dass viele der Tabletten offenbar entbehrlich sind. Denn die Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie, welche Medikamente verzichtbar sind, ohne dass dem Patienten Nachteile daraus entstehen.

Im Schnitt nahmen die Versuchsteilnehmer 4,4 Tabletten pro Tag weniger ein als sonst. In den folgenden 19 Monaten des Experiments mussten nur zwei Prozent der Versuchsteilnehmer das abgesetzte Medikament wieder einnehmen. „Ansonsten gab es keinerlei negative Auswirkungen. 88 Prozent der Testpersonen berichteten sogar, dass es ihnen gesundheitlich besser ging“, sagt Dee Mangin, die in Christchurch in der medizinischen Grundversorgung forscht.

Fast nie an Menschen über 80 erprobt

Wie aber kann es sein, dass ältere Menschen zwar viele Medikamente einnehmen, die Ärzte letztlich aber nicht sicher sein können, ob dies gesund für sie ist? „Die große Mehrheit der Mittel, die Senioren bekommen – beispielsweise gegen Osteoporose, Schmerzen, Entzündungen oder auch Cholesterinsenker – werden so gut wie nie am Menschen über 80 erprobt“, beklagt der Bamberger Altersmediziner Grupp.

Die mögliche Erklärung: Ältere Menschen werden schneller krank, die Arzneimittelhersteller wollen aber positive Resultate bekommen. Söhne oder Töchter sollten deshalb das Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker suchen, wenn das Medikamentenpensum von Vater oder Mutter ein beängstigendes Ausmaß angenommen hat. Ziel müsse es sein, gemeinsam zu besprechen, wo der Schwerpunkt der Behandlung liegen soll. „Generell wollen ältere Leute vor allem die Beschwerden behandelt wissen, die sie im Alltag einschränken“, sagt Altersmediziner Thiem.

Ziel müsse es deshalb sein, die tägliche Arzneidosis so auszurichten, dass sich der ältere Mensch wohl fühlt, so Thiem und nennt als Beispiel den Fall eines 80-Jährigen, der unter Arthrose und Bluthochdruck leidet. „Er wünscht sich meist in erster Linie, seinen Alltag weiterhin alleine bewältigen zu können. Dafür braucht er vor allem Schmerzmittel. Ob sein Bluthochdruck über mehrere Jahre betrachtet sein Schlaganfallrisiko erhöht, ist ihm oft nicht so wichtig.“

Expertenrat von der Uni Witten-Herdecke

Die Ökotrophologin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung älteren Menschen rät, auf die richtige, abwechslungsreiche Ernährung zu achten und dabei die Vitamine D, B 12, E, C und Folat sowie die Mineralstoffe Calcium und Magnesium zu sich zu nehmen. Das sei hilfreich, um den Verlust von Knochenmasse zu verhindern, das Risiko von Knochenbrüchen zu senken, das geistige Leistungsvermögen zu steigern und das Schlaganfallrisiko zu mindern.

Wer sich zusätzlich zur Auskunft des Arztes oder Apothekers kundig machen will: Experten der Universität Witten-Herdecke haben eine Liste von 131 häufig verordneten Wirkstoffen zusammengestellt und wissenschaftliche Veröffentlichungen dazu gesammelt. Auf dieser Datengrundlage nennen sie unter der Internetadresse www.priscus.net insgesamt 83 Medikamente, auf die Ältere möglichst verzichten sollten.

Quelle: Juni-Ausgabe von Reader’s Digest Deutschland (ab Dienstag, 29. Mai, an zentralen Kiosken erhältlich)

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