Warten auf den HIV-Test: So lange muss ich warten, bis ich Gewissheit habe

Wer sexuellen Kontakt mit einer Person hatte, die HIV-positiv und ansteckend ist, kann mit einer Postexpositionsprophylaxe (PEP) meistens eine Infektion verhindern.

Sie setzt sich seit langem für Aufklärung auf: Die Rollstuhlfahrerin Angelika Mincke, die in unserem Interview über ein Leben mit HIV spricht. (Foto: Mincke)

Sie setzt sich seit langem für Aufklärung auf: Die Rollstuhlfahrerin Angelika Mincke, die in unserem Interview über ein Leben mit HIV spricht. (Foto: Mincke)

Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Solange dauert es, bis ein HIV-Test nach dem Risikokontakt eine Infektion ausschließen kann. In Deutschland leben rund 85.000 Menschen mit HIV. Wer fürchtet, sich infiziert zu haben, muss so lange warten, bis der Test eindeutig Entwarnung geben kann. Für Betroffene ist das oft eine nervenaufreibende Zeit.

„Es gibt im Prinzip nur zwei Strategien, damit umzugehen“, sagt Michael Tappe von der Deutschen Aids-Hilfe. Die eine: „Augen zu und Durch“. Die andere: Sich mit der Situation auseinandersetzen. „Betroffene können sich bei einer professionellen Aids-Beratung Unterstützung suchen.“ Mit einer kompetenten Person darüber zu sprechen, helfe oftmals, klarer einzuschätzen, wie hoch das Risiko einer Infektion überhaupt ist.

In vielen Fällen kann man eine HIV-Infektion schon früher nachweisen – etwa nach zwei bis vier Wochen. „Wer es also gar nicht aushält, kann sich schon früher testen lassen.“ Wirklich ausschließen lässt sich eine Infektion aber erst nach sechs Wochen.

Die Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Wer sexuellen Kontakt mit einer Person hatte, die sicher oder wahrscheinlich HIV-positiv und ansteckend ist, sollte allerdings keine Zeit verlieren. Denn der Arzt kann Betroffenen dann eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) verabreichen. Die PEP-Behandlung dauert in der Regel vier Wochen und kann eine Infektion meistens noch verhindern. Idealerweise gehen Betroffene sofort zum Arzt, möglichst binnen 24 Stunden, aber nicht später als 48 Stunden nach dem Risikokontakt.

„Eine PEP wird aber in der Regel nur verabreicht, wenn wahrscheinlich ist, dass der Sexualpartner HIV-positiv ist.“ Das ist nach Angaben der Deutschen Aids-Hilfe zum Beispiel der Fall, wenn bei Gelegenheitskontakten unter schwulen Männern das Kondom reißt, weil hier ein höheres Risiko vorliegt. Bei Heterosexuellen ist die PEP hingegen in diesem Fall in der Regel nicht angezeigt.

Den Grund dafür nennt die Medizinische Hochschule Hannover: „Alle bisher verfügbaren Kombinationen für eine PEP führen recht häufig zu Nebenwirkungen. Diese können unangenehm, aber dabei harmlos sein. Aber auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen, wie ein Leberausfallskoma, sind unter einer PEP in seltenen Fällen ohne Vorwarnung aufgetreten.“

„Dann muss man die Unsicherheit in der Regel einfach aushalten“, sagt Tappe. Was dann helfen kann: Das Wissen darum, dass HIV heute kein Todesurteil mehr ist und man damit ein relativ normales Leben führen kann. Schwierig kann das für Personen sein, die in einer Beziehung leben und fürchten, sich bei einem Seitensprung angesteckt zu haben. „Gerade am Anfang ist man besonders ansteckend“, sagt der Experte. Den Partner dürfe man aber keineswegs gefährden.

Leben mit HIV

Angelika Mincke (Foto: René Lüdke)

Angelika Mincke (Foto: René Lüdke)

Aus Anlass des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember hat ROLLINGPLANET bei Angelika Mincke (57) nachgefragt. Die Rollstuhlfahrerin ist seit 31 Jahren HIV-positiv.

Wie lebt es sich heute mit HIV?

Ich persönlich komme sehr gut klar mit meiner HIV-Infektion zum einen, was die Öffentlichkeit angeht, aber auch was die medizinische Versorgung betrifft. Diskriminierung ist mir seit über 31 Jahren zumindest nicht so massiv passiert, dass es mich in irgendeiner Form eingeschränkt hat.

Viele Menschen trauen sich mit diesem Thema nicht an die Öffentlichkeit.

Leider leben wir in einer Gesellschaft, die für viele Dinge nicht offen ist, dazu gehören auch HIV-positive Menschen. Ich persönlich würde mit meiner Infektion zum Beispiel nicht an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich Kinder hätte. Meine Angst wäre zu groß, dass meine Kinder in der Schule gemobbt und/oder ausgegrenzt werden. In meiner eigenen Familie sind wir offen mit dem Thema umgegangen, ich habe es jeden selber überlassen, mit anderen darüber zu sprechen.

Wie wichtig sind Aidshilfen?

Für viele Menschen, die gerade die Diagnose HIV-positiv erhalten haben, aber auch für viele andere sind Aidshilfen ein „Rettungsanker“. Zum anderen ist es auch heute noch wichtig, eine gute Präventionsarbeit zu leisten.

Was überrascht Sie noch heute bei dem Thema HIV-positiv?

Mich überrascht es immer wieder, dass Menschen mit einer Neuinfektion häufig dermaßen uninformiert sind, da stellt sich schon die Frage, hängen wir mit der Präventionsarbeit hinterher beziehungsweise was muss sich vielleicht auch in der Präventionsarbeit ändern.

Was würden Sie sich wünschen?

Natürlich als Erstes, dass HIV-Positive endlich frei mit ihrer Infektion leben können, dass sie sich frei und unabhängig von der Gesellschaft entscheiden können, ob sie offen mit ihrer HIV-Infektion leben möchten.

Zum anderen wünsche ich mir, dass gerade im medizinischen Bereich, wo es anscheinend häufig zur Diskriminierung kommt, was es für die Betroffenen sehr schwer macht sich auch medizinisch behandeln zu lassen, dass hier eine progressivere Prävention stattfindet. Es reicht nicht aus, nur über medizinische Diskriminierung zu sprechen, ich würde sogar so weit gehen – wenn es datenschutzrechtlich vereinbar ist –, Ärzte und Ärztinnen, Krankenhäuser und die Form der Diskriminierung öffentlich zu benennen.

Was möchten Sie anderen HIV-Positiven sagen?

Ich denke, es ist schon viel gesagt worden. Jede/r sollte für sich seine eigene Entscheidung treffen, wie weit er mit der Infektion öffentlich leben will. Keiner muss als XXL Plakat mit seiner HIV-Infektion an die Öffentlichkeit, wichtig finde ich, dass jeder sein soziales Umfeld findet, wo auch die HIV-Infektion seinen Platz hat.

(RP/dpa/tmn)

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1 Kommentar

  • Pflegeperson

    Einen HI-Virus gibt es gar nicht. Die Menschen sterben nicht am Aids, sondern an der Medikamentenvergiftung die man ihnen verabreicht.

    3. Dezember 2016 at 08:06

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