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Warum 14 Menschen starben: Behindertenwerkstatt-Mitarbeiter üben scharfe Kritik

Nach der Brandkatastrophe in der Caritas-Einrichtung in Titisee-Neustadt fordert der Berufsverband BeFAB ein radikales Umdenken.

Die Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt nach dem Brand (Foto: Patrick Seeger/dpa)

BeFAB – der Berufsverband der Fachkräfte zur Arbeits- und Berufsförderung in Werkstätten für behinderte Menschen e.V – warnt nach der Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt, bei der 14 Menschen ums Leben kamen, davor, zur Tagesordnung überzugehen und verlangt eine „völlige Neuorientierung bei den Brandschutzbestimmungen in den Werkstätten“. Verbunden ist dies mit konkreten Vorschlägen. Heftige Kritik wird an der „Gewinnmaximierung“, von denen die Einrichtungen betroffen seien, geübt. ROLLINGPLANET veröffentlicht den vollen Wortlaut der Erklärung:

Der katastrophale Brand in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald hat auch beim Berufsverband BeFAB Trauer und Betroffenheit ausgelöst. Denn BeFAB weiß nur zu gut, wie groß die Last der Fachkräfte FAB in den Gruppenleitungen ist. Jeden Tag tragen sie in erster Linie die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Werkstattmitarbeiter.

Trotz aller Tragik, die dieses Unglück auslöste, kann es nicht einfach ein Zurück zur Tagesordnung geben! Richtig ist es, dass die meisten Werkstätten den erhöhten Auflagen im Brandfall entsprechen. Doch auf was basieren diese Auflagen? Wer hat sie geschaffen? Sind sie erprobt worden?

Die Menschen mit Handicaps in den Werkstätten reagieren möglicherweise völlig anders auf unterschiedliche Stressfaktoren. Ein Brand und auch extremer Qualm überfordern manche dieser Menschen massiv. Wenn es dann noch Barrieren in und außerhalb der Werkstätten gibt, werden Katastrophen wie in Titisee-Neustadt wahrscheinlicher.

Aus diesem Grund fordert BeFAB eine völlige Neuorientierung bei den Brandschutzbestimmungen in den Werkstätten. Bereits bei Neubauten soll nach Möglichkeit auf eine mehrgeschossige Bauweise verzichtet werden. Falls mehrere Etagen vorhanden sind, sollen Fluchtrampen die Fluchttreppen ersetzen.
Bei einer Brandalarmierung in den Werkstätten sollen alle notwendigen Sinneswahrnehmungen der Menschen mit Handicaps erreicht werden. Außer dem akustischem Warnruf ist mindestens auch ein optischer notwendig!
Rauchmelder und Sprinkleranlagen müssen in Werkstätten zum Standard werden. Ebenso sind die Fluchtwege zu verbessern. Diese müssen auch ausreichend breit sein. Ein Leuchtband, ähnlich wie in Flugzeugen, soll die Orientierung ins Freie verbessern.

Neben den baulich technischen Gegebenheiten ist eine Schulung des Personal und der Fachkräfte unbedingt notwendig, um im Ernstfall eines Brandes nach besten Wissen und Möglichkeiten helfen zu können. BeFAB fordert daher Evakuierungsfälle sowohl im organisatorischen, als auch im pädagogischen Sektor in die Ausbildung der Fachkräfte prüfungsrelevant zu integrieren.

Letztendlich müssen auch die Gruppengrößen wieder in ein vernünftiges Maß zurückgebracht werden: Der seit Jahren andauernde schleichende Prozess der Gruppenmaximierung muss umgekehrt werden! Dieser dient einer faktischen Gewinnmaximierung, die auch mit der Auszahlungsverpflichtung eines eher stagnierenden Werkstattlohns nicht gerechtfertigt werden kann. Sicherheit wird auch durch vernünftige Personalschlüssel gewährleistet!

Um diese Forderungen zu erfüllen sind nicht nur Politik und Kostenträger gefragt. Vor allem die Werkstattträger sind hier in die Pflicht zu nehmen, damit es nicht zur tragischen Groteske wird, was in vielen Hochglanzprospekten versichert wird: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!“


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