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Warum auch Behinderte etwas davon haben, wenn ältere Menschen nicht mehr diskriminiert werden

Kennen wir das nicht? Hohe Stufen, Mini-Tasten, Benachteiligungen: Senioren treffen auf viele Alltagshindernisse. Von Petra Albers

Für ältere Menschen und Rollstuhlfahrer gleichermaßen ärgerlich: Steile Treppen und weit und breit kein Aufzug zu sehen. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Für ältere Menschen und Rollstuhlfahrer gleichermaßen ärgerlich: Steile Treppen und weit und breit kein Aufzug zu sehen. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Auch wenn ältere Menschen es manchmal nicht gerne zugeben – aber sie und wir (Menschen mit Behinderung) sitzen oft in einem Boot: Das gilt für viele Bereiche, von fehlender Barrierefreiheit im Alltag bis hin zur Diskriminierung im Beruf. Die Lebenserwartung steigt, die Gesellschaft altert. Damit sind immer mehr Menschen von altersbegleitenden Erkrankungen oder Behinderung betroffen. Am 1. Oktober ist Internationaler Tag der älteren Menschen. Anlass, um zu fragen, was sich ändern muss.

Das Preisschild ist kaum zu entziffern, der Weg in die Arztpraxis führt über hohe Stufen, der Beitrag zur Kfz-Versicherung erhöht sich plötzlich rapide: Ältere Menschen fühlen sich im Alltag mitunter diskriminiert. „Es gibt viele Situationen, in denen Senioren allein durch die Gestaltung der Umwelt benachteiligt werden – seien es fehlende Rolltreppen zu U-Bahnstationen, keine Sitzgelegenheiten in Geschäften oder technische Geräte mit winzigen Tasten“, sagt die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Ursula Lenz. Der Internationale Tag der älteren Menschen am 1. Oktober will den Fokus auf die Situation von Senioren richten.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet eine nachteilige Behandlung, die ohne sachlichen Grund allein wegen des Alters erfolgt. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gehen nach Angaben von Sprecher Sebastian Bickerich jährlich etwa 3400 Beschwerden zum Thema Alterdiskriminierung ein. Die meisten davon bezögen sich auf das Arbeitsrecht.

„Das Problem ist allerdings, dass es gerade in diesem Bereich viele Ausnahmen gibt“, erläutert Bickerich. Außerdem sei es für den Betroffenen oft schwierig nachzuweisen, dass tatsächlich sein Alter der Grund dafür ist, dass er zum Beispiel eine Arbeitsstelle nicht bekommen hat. Ähnlich sei es, wenn es um verweigerte Bankkredite oder den Abschluss von Versicherungen gehe.

Bereits 40-Jährige erfahren Altersdiskrimierung

Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) aus dem Jahr 2014 gab etwa jeder zehnte Befragte ab 40 Jahren an, in den zurückliegenden zwölf Monaten Altersdiskriminierung erlebt zu haben. Die wahrgenommene Benachteiligung im Alltag steigt demnach mit zunehmendem Alter.

Nach Ansicht von BAGSO-Sprecherin Lenz bewegt sich der Umgang mit Älteren häufig in „Grenzgebieten zwischen missachtendem Verhalten, Benachteiligung und Diskriminierung“. Beispiele seien schwer zu öffnende Verpackungen, der zunehmende Druck, Sachen online erledigen zu sollen, oder auch zu kleine Preisetiketten im Handel. „Es ist zwar ganz nett, dass manche Geschäfte Lupen zur Verfügung stellen – aber warum macht man die Preisschilder nicht einfach so groß, dass man sie lesen kann?“

Generationenfreundliches Einkaufen

Tatsächlich ist eine entsprechende DIN-Norm zurzeit in der Mache. Bei dem Entwurf wurden nach Angaben des Deutschen Instituts für Normung vor allem die demografische Entwicklung und die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung berücksichtigt. Der Handelsverband HDE verweist überdies auf seine Initiative „Generationenfreundliches Einkaufen“. Mit diesem Zertifikat würden Läden ausgezeichnet, die Kriterien wie gute Preisauszeichnungen, barrierefreie Zugänge und Sitzgelegenheiten erfüllen.

Prof. Klaus Rothermund vom Institut für Psychologie der Uni Jena rät beim Thema Altersdiskriminierung zu einer differenzierten Betrachtungsweise: „Manchmal fühlen ältere Menschen sich benachteiligt, ohne dass eine entsprechende Absicht dahinter steckt.“ So seien Aufschriften auf Produktverpackungen oft deshalb sehr klein, weil dort wegen gesetzlicher Vorgaben immer mehr Informationen untergebracht werden müssten. Wenn jemand leise spreche und schwer zu verstehen sei, mache er das in der Regel nicht, um Senioren zu ärgern.

Der Prozess muss in den Köpfen beginnen

Fakt sei jedoch, dass viele Ältere sich als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt fühlten, sagt Altersforscher Rothermund. „Das hängt damit zusammen, dass das Thema Alter in unserer Gesellschaft nicht besonders positiv besetzt ist.“ In der öffentlichen Diskussion stünden oft Aspekte wie Rentenlücke und Gesundheitsprobleme im Vordergrund. In der Werbung würden Produkte meist mit Attributen wie jung, innovativ und dynamisch in Verbindung gebracht.

Die Herausforderungen der demografischen Entwicklung im alltäglichen Leben praktisch umzusetzen, sei ein langwieriger Prozess, der in den Köpfen beginnen müsse, meint BAGSO-Sprecherin Lenz und räumt ein: „Für Junge ist es schwer, sich in die Lage Älterer hineinzuversetzen“. Die mit dem Alter einhergehenden Veränderungen – etwa nachlassende motorische Fähigkeiten – könne ein jüngerer Mensch sich schlichtweg nicht vorstellen. „Deshalb sollten Unternehmen und
Politiker viel häufiger Senioren als Ratgeber hinzuziehen“, meint Lenz. Ältere Menschen sollten sich nicht scheuen, immer wieder auf Diskriminierungen hinzuweisen. Nur so könne in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür wachsen.

(dpa)

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