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Warum brauchen kleine Menschen mehr Wohnfläche? Welche Trauben hängen besonders hoch?

Heute beginnt der Bundeskongress der Kleinwüchsigen in Heiligenstadt und berät ein Grundsatzprogramm. Der Selbsthilfeverband kritisiert viele Hürden im Alltag – aber macht die Probleme nicht größer, als sie sind. Von Katrin Zeiß und Grit König

Vorsitzender Horst Stengritt und Pressesprecherin Sabine Popp (Foto: dapd)

Zu hoch angebrachte Geld- und Parkautomaten, standardisierte Möbelmaße und kaum ein geeignetes Automodell – für kleinwüchsige Menschen ist der Alltag voller Hürden. „Bei Barrierefreiheit wird in Deutschland fast ausschließlich an den rollstuhlgerechten Eingang oder die Behindertentoilette gedacht, nicht aber an die Bedürfnisse von Kleinwüchsigen“, sagt der Vorsitzende des Bundesselbsthilfeverbandes Kleinwüchsiger Menschen (VKM), Horst Stengritt. Dabei sind bisweilen nur kleine Kompromisse ohne großen Aufwand notwendig, um Kleinwüchsigen das Leben zu erleichtern.

Etwa 100.000 Menschen sind kleinwüchsig

In Deutschland leben schätzungsweise rund 100.000 erwachsene Menschen, die unter 1,40 Meter groß sind. Ihr Selbsthilfeverband trifft sich von Mittwoch bis Sonntag (6. – 10. Juni) im thüringischen Heilbad Heiligenstadt zu seinem Bundeskongress. Der Verband hat rund 400 Mitglieder – das sind nicht allzu viele.

Noch nicht einmal Arztpraxen und Krankenhäuser seien baulich auf deren Belange eingestellt, kritisiert Stengritt. „Es kann zum Beispiel nicht sein, dass das Wasser im Reha-Becken einer Klinik 1,25 Meter tief ist.“ Busse und Bahnen seien von Barrierefreiheit für Kleinwüchsige zumeist weit entfernt. Es mangele etwa an Einstiegshilfen wie Stufen zum Ausklappen. „Auch die Sitze sind zu hoch.“

Kleinwüchsige brauchen mehr Wohnfläche

Hersteller von Möbeln, Küchenmaschinen oder Kleidung sind nach den Erfahrungen des Verbandschefs kaum auf die Belange Kleinwüchsiger eingestellt. „Hängeschränke in der Küche nützen Kleinwüchsigen gar nichts, genormte Herde oder Arbeitsplatten sind ohne Umbauten völlig ungeeignet.“ Deswegen benötigten Kleinwüchsige meist mehr Wohnfläche. „Das kostet natürlich auch mehr.“ Viele Betroffene hätten aber nur ein geringes Einkommen. „Vor allem die Älteren sind häufig auf Sozialhilfe angewiesen.“

Kleinwuchs tritt laut Verband in mehr als 100 verschiedenen Formen auf, beispielsweise als hormonell bedingte Wachstumsstörung oder auch als Fehlbildung von Gliedmaßen. Die geringe Körpergröße führt bei den Betroffenen oft zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, etwa zu Gehbehinderungen. „Die meisten haben deswegen einen Schwerbehindertenausweis“, erläuterte der Verbandschef.

Stell Dir vor, Du kommst nicht an die Pizza

Trotz aller Kritik – der Selbsthilfeverband macht die Probleme nicht größer, als sie sind, und zeigt Selbstbewusstsein. Stengritt hat meist einen Klapphocker dabei, wenn er in seiner Heimatstadt Osnabrück unterwegs ist. Der 1,35 Meter kleine Diplom-Pädagoge musste in seinen 50 Lebensjahren viel Einfallsreichtum und etliche Hilfsmittel entwickeln, um den Alltag zu meistern. „Selbst meine Wunsch-Pizza kann ich allein aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt angeln“, berichtet Stengritt. „Ich komme gut klar.“

Auch Sabinne Popp, Pressesprecherin des Verbandes, lässt sich im Alltag nicht unterkriegen. Sie braucht einen Hocker, um die Knöpfe im Fahrstuhl zu drücken. Die 48-Jährige Heidelbergerin reicht mit ihren 1,26 Metern nicht an den Handtuchspender in der öffentlichen Toilette, kann die Stufen in den Bus nur mit Hilfe erklimmen und ist bei der Bedienung von Geldautomaten hilflos. Trotzdem kommt die studierte Sozialarbeiterin mit ihrem Leben gut zurecht. „Ich muss nicht normal groß sein“, sagt sie.

„Hänseleien kenne ich nur aus der Kindheit“

Kleinwüchsige haben es heute besser als früher, sind sich Popp und Stengritt einig. „Heute ist es undenkbar, dass Kleinwüchsige in Sonderschulen abgeschoben werden“, sagt Stengritt. Wegen der angeblich großen körperlichen Belastungen durfte er nicht auf ein Gymnasium, sondern musste die Hauptschule absolvieren. Später holte er das Abitur nach und studierte.

Bei Sabine Popp verhinderte nur der Protest ihrer Eltern, dass sie in eine Sonderschule mit geistig Behinderten abgeschoben wurde. Heute reagieren die Mitmenschen gelassener auf den Größenunterschied. „Hänseleien und scheele Blicke kenne ich nur noch aus meiner Kindheit“, sagt Stengritt. „Wenn mich jetzt Kinder fragend anschauen, gehe ich auf sie zu“, sagt Popp.

Verband will Schwerbehindertenstatus ausweiten

Treppen sollten einen zweiten, niedrigeren Handlauf haben. In Gaststätten müsste es Kindertoiletten und -waschbecken geben. Ein Teil der Garderobenhaken sollte tiefer angebracht werden. In Supermärkten würden abgesenkte Theken das problemlose Einkaufen ermöglichen. Die Verbesserungsvorschläge übermittelt der Verband regelmäßig an die Landesbehindertenbeauftragten.

„Die Integration der Kleinwüchsigen ist mittlerweile größtenteils erreicht“, sagt Stengritt. Jetzt gehe es darum, den Verband an die neue Situation anzupassen. Wichtigstes Anliegen des Kongresses in Thüringen sei daher die Verabschiedung eines neuen Grundsatzprogramms. Zudem sollen die veränderten Interessen der Mitglieder besser berücksichtigt werden. So könnte sich die Organisation künftig verstärkt als Kontaktbörse und Bildungseinrichtung engagieren.

Dürfen es 10 Zentimeter mehr sein?

Andere Wünsche erfordern dagegen mehr Kampf. So setzt sich der Verband für die Anerkennung des Schwerbehindertenstatus‘ für Kleinwüchsige bis 1,50 Meter ein. Laut Gesetz gelten nur Menschen unter 1,40 Meter wegen ihrer Größe als schwerbehindert. Der Verband will auch, dass Kleinwüchsige früher als mit 60 Jahren ohne Abzüge in den Ruhestand gehen können. Ihre Arbeitsfähigkeit sei wegen gesundheitlicher Probleme frühzeitiger verschlissen.

Der 50-jährige Stengritt erlebt das am eigenen Leib. Seine Gelenke sind abgenutzt, die Kniegelenke müssen demnächst durch Prothesen ersetzt werden. An den Hüften trägt er seit 20 Jahren Prothesen. Schmerzen begleiten ihn sein Leben lang.

Bei Sabine Popp bedeutet der Kleinwuchs vor allem den Verzicht auf ein eigenes Kind. Ihr Körper würde die Strapazen einer Schwangerschaft nur schwer verkraften. Außerdem hätte sie Angst vor den Vorwürfen des Kindes. „Was, wenn sie nicht so gut zurechtkommen würde mit ihrem Leben wie ich?“

Webseite: www.kleinwuchs.de

( dapd-lth/dpa/RP)

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