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Warum der „Fall Nadia“ für viele wirklich hilfsbedürftige Menschen eine Katastrophe ist

Das miese Geschäft mit dem Mitgefühl: Der Betrugsfall um ein krankes Mädchen in Spanien schlägt weltweit hohe Wellen.

Fernando Blanco, der Vater des kranken Mädchens, wurde verhaftet. (Foto: EPA/Quique Garcia)

Fernando Blanco, der Vater des kranken Mädchens, wurde verhaftet. (Foto: EPA/Quique Garcia)

Seine Ehefrau Marga Garau wurde unter Auflagen in die Freiheit entlassen. Auch ihr droht eine Haftstrafe. (Foto: EPA/Quique Garcia)

Seine Ehefrau Marga Garau wurde unter Auflagen in die Freiheit entlassen. Auch ihr droht eine Haftstrafe. (Foto: EPA/Quique Garcia)

Mit herzzerreißenden Spendenaufrufen hatten die Eltern an das Mitgefühl der Spanier appelliert. Die Familie brauche dringend Geld, um das Leben von Tochter Nadia zu retten, die an einer seltenen Stoffwechselkrankheit leide, betonten sie und drückten seit 2008 regelmäßig auf die Tränendrüse ihrer Landsleute. Und die Spanier zeigten Solidarität, immer wieder flossen hohe Geldsummen auf das Spendenkonto (ROLLINGPLANET berichtete: Skandal in Spanien um Spendenkampagne für krankes Mädchen). Aber jetzt haben Blogger, Journalisten und Ermittler ein Netz aus Lügen und Übertreibungen aufgedeckt. Ein sorgfältig konstruiertes Kartenhaus ist eingestürzt.

Ganz Spanien ist geschockt, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, in der Solidaritätskampagnen boomen. „Dass der Vater eines kranken Kindes uns so hinters Licht führt, ist ein nationaler Skandal“, twittert ein aufgebrachter Bürger.

Konten eingefroren

Während die Ermittler jeden Tag neue schockierende Details ans Tageslicht fördern, sitzt der 52-Jährige seit Mitte der Woche ohne Möglichkeit auf Kaution im Gefängnis. Die Mutter wurde unter bestimmten Auflagen in die Freiheit entlassen, doch beiden wurde am Freitag das Sorgerecht für die kranke Tochter entzogen. Zudem hat die Justiz ihre Konten eingefroren.

Der Vater hatte zuvor behauptet, seine mittlerweile elfjährige Tochter könne durch eine kostspielige Behandlung in den USA gerettet werden. Nadia leidet an Trichothiodystrophie, einer extrem seltenen Erbkrankheit, die unter anderem zu einer frühzeitigen Zellalterung führt. Ein Spezialist namens Edward Brown in Houston stehe bereit, um das Mädchen zu kurieren. Auch in Afghanistan sei er schon gewesen, um dort nach einem Heiler zu suchen, der angeblich in einer Höhle lebe.

Als das Paar sich Ende November mit diesen Angaben erneut an die große Tageszeitung „El Mundo“ wandte, kamen innerhalb weniger Tage 150.000 Euro zusammen. Der Skandal brach unter anderem deshalb los, weil Medien aufdeckten, dass in den gesamten USA kein Spezialist namens Dr. Edward Brown zu finden war. In der Klinik in Houston wusste zudem niemand etwas von Nadias Fall.

Kritik an den Medien

Der Vater, der sich plötzlich in die Ecke getrieben sah, versuchte noch schnell, seine Aussagen zu relativieren. Er räumte ein, einiges an der Geschichte übertrieben zu haben. „Aber wir waren wirklich in Afghanistan und haben nach einem Arzt gesucht, auch wenn er nicht in einer Höhle lebt“, sagte er. Er habe ein paar Dinge dramatisiert, „weil ich ohne meine Tochter nicht leben kann“, so der Mann. „Viele Teile der Geschichte sind aber wahr.“

Im Land geht nun die Frage um, wieso die Geschichte von den zuständigen Journalisten nicht besser recherchiert wurde. „Journalisten? Und niemand hat sich die Vergangenheit des Vaters angeschaut? Ihr seid mitverantwortlich!“, wettert ein Mann auf Twitter.

Denn Nadias Vater wurde bereits im Jahr 2000 zu mehr als vier Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Gelder der Firma, für die er damals arbeitete, veruntreut haben soll. Das aber schien die gesamte spanische Presse übersehen zu haben. „El Mundo“-Redakteur Pedro Simón entschuldigte sich denn auch kleinlaut bei den Lesern. Er habe „mehrere große Fehler“ gemacht, gab er in einem schriftlichen Mea Culpa zu, die hätten einem Profi, der seit 25 Jahren diesen Beruf ausübe, eigentlich nicht passieren dürfen.

Schwerer Schaden

Nun wurde auch noch bekannt, dass der Umfang der Spenden viel größer war, als bisher angenommen. Laut den katalonischen Ermittlern haben die Eltern insgesamt Gelder in Höhe von 918.000 Euro erhalten. 600.000 Euro wurden bereits ausgegeben – aber der Großteil davon nicht für die Behandlung der Tochter, sondern für private Luxusgüter. Die Polizei fand in der Wohnung der Familie in einem kleinen Pyrenäendorf unter anderem 32 Uhren im Wert von 50.000 Euro und teure elektronische Geräte. Auch wurde offenbar die Miete mit Spendengeldern finanziert.

„Wenn der ganze Betrug bestätigt werden sollte, dann wurde damit allen Eltern, die um das Leben ihrer von seltenen Krankheiten betroffenen Kinder kämpfen, schwerer Schaden zugefügt“, sagte eine Frau, deren Tochter an einem schweren Gendefekt leidet, der Zeitung „ABC“. Auch die medizinische Forschung, die so dringend nötig sei, werde die Folgen zu spüren bekommen – „denn auch sie finanziert sich zu einem großen Teil aus privaten Geldern.“

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • Andrea Bröker

    Solch eine Entwicklung gibt es auch im Autismus-Bereich. 🙁

    10. Dezember 2016 at 17:12

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