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Warum gibt es bei Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen so selten Behindertentoiletten?

Jürgen Lampe beantwortet uns diese Frage. Er muss es wissen. Er vermietet diese Dinger.

Jürgen Lampe vor seiner Mission

Jürgen Lampe

Die Situation kennen die meisten von uns: Feier auf einem großen Platz, viel Menschengewusel – und weit und breit ist keine Behindertentoilette zu sehen. Bei unseren Recherchen, warum das so ist, sind wir auf den Diplom-Wirtschaftsingenieur Jürgen Lampe aus Garthe gestoßen. Er betreibt einen Partyservice und vermietet Toilettenhäuschen, in die man als Rollstuhlfahrer hineinkommt (und die auch für Mütter geeignet sind, die ihre Babys wickeln müssen).

Firmen, die Behindertentoiletten vermieten

Lampe ist nicht der einzige Anbieter – aber einer der wenigen. Hier kann man mobile Pinkelbuden ausleihen:

Rentinorio (bundesweite Vermittlung)
rentinorio.de

Rolli WC (Jürgen Lampe), 49685 Garthe
rolli-wc.de

Strobl, 85132 Schernfeld
mms-strobl.de

Toimobil, 88255 Baindt
toimobil.de

Jügen Lampe hat „eine Mission“

„Vielleicht gehören auch Sie zu den Menschen, die eine bestehende Situation verbessern möchten. Dann haben Sie jetzt eine Mission“, fordert uns Jürgen Lampe auf, über dieses Thema zu schreiben. Er selbst sieht sich als Vorreiter auf diesem Gebiet. So streng hätte er mit uns nicht sein müssen – eine Mission haben wir zwar nicht, aber wir sind daran interessiert, uns beim nächsten Fest nicht ins nächste Gebüsch werfen zu müssen. Hier unser Interview mit Lampe.

Rolli-WC

Sie schreiben auf Ihrer Webseite, dass die behindertengerechte Toilette Pflicht bei öffentlichen Events ist. Trotzdem seien Veranstalter nur schwer davon zu überzeugen, eine solche Toilette aufzustellen. Warum?

Das ist eine gute Frage. Es ist auch vorgeschrieben, während der Autofahrt nicht zu telefonieren. Trotzdem wird dieses Gesetz jeden Tag gebrochen.

Wo kein Kläger, da auch kein Richter. Da ich kein Richter bin, kann ich selber nur begrenzt Druck ausüben. Natürlich möchte ich mir eine bestehende Geschäftsbeziehung auch nicht verderben. In den Städten und Gemeinden wird die Notwendigkeit nicht gesehen. Es gab ja nie so eine Toilette, wieso denn jetzt? Und dann lautet die Ausrede oft: „Im Übrigen haben wir auf diesem Fest noch nie bewegungseingeschränkte Menschen gesehen.“

Entscheidungsträger sitzen in den meisten Fällen auch nicht im Rollstuhl. Da ich mein Ziel immer weiter verfolge, gibt es natürlich mittlerweile viele Veranstaltungen mit einem nutzbaren Rolli-WC. Das Ziel: Verantwortliche sollen nicht mehr darüber nachdenken, ob sie eine behindertengerechte Toilette brauchen oder nicht, sondern die behindertengerechte Toilette muss ein Standard auf Veranstaltungen sein. Schließlich würde man den normalen Toilettenwagen auch nicht weglassen.

Innenleben

Offensichtlich ausreichend Platz (wir haben es nicht selbst getestet)

Wie wird das Ziel erreicht?

Mit Drohungen und ähnlichem garantiert nicht. Betroffene müssen da selber ans Werk. Wir legen nur den Grundstein – vielleicht auch etwas mehr.

Wie hoch sind die Mietgebühren für Ihre Toilette?

Jetzt kommt das Beste. Halten Sie sich fest. In vielen Gemeinden und Städten bieten wir sie kostenlos an. Aber wir haben die traurige Erfahrung gemacht: Selbst wenn wir unsere Behindertentoilette kostenlos anbieten, hören wir oft Ausreden, dass man diese nicht braucht. Ansonsten kostet das Spezial-WC inklusive Auf– und Abbau am ersten Tag 190 Euro, am zweiten Tag 120 Euro und am dritten Tag 60 Euro. Schauen Sie sich dazu www.rolli-wc.de an.

Seit wann gibt es die Toilette?

Seit Ende 2009. Die Toiletten werden in unserem Auftrag gefertigt.

Wie viele dieser Toilettenhäuschen haben Sie im Angebot?

Im Moment drei.

Wie oft im Jahr verleihen Sie die Toilette?

Mittlerweile sind wir bei zirka 30 Einsätzen pro Jahr.

Für Kunden aus welchem Einzugsgebiet lohnt es sich, Ihre Toilette zu mieten?

Eigentlich von überall. Jedoch werden irgendwann die Transportkosten für den Mieter zu hoch. Pro gefahrenen Kilometer sind das 0,35 Euro. Gibt es aber aus einer Region genügend Anfragen, werden wir versuchen, dort eine Lösung zu finden.

Wie lange dauert es, diese Toilette aufzubauen? Welche technischen Besonderheiten muss man beachten?

Der Auf- und Abbau dauern jeweils zirka 45 Minuten. Man braucht nur einen Wasseranschluss und eine Kanalisation, also einen Gulli, im näheren Umkreis.

Zum Themenschwerpunkt Interviews

Lampes Werbevideo auf YouTube

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4 Kommentare

  • Jürgen Lampe

    Hallo.

    Ja toller Bericht.

    Gefällt mir im Grunde gut.

    Habe jedoch auch eine Anmerkung dazu, welche nicht abwertend gemeint ist.
    ________________________
    „So streng hätte er mit uns nicht sein müssen – eine Mission haben wir zwar nicht, aber wir sind daran interessiert, uns beim nächsten Fest nicht ins nächste Gebüsch werfen zu müssen.“
    ___________________

    Dieser Satz sagt viel aus und spiegelt punkgenau meine Erfahrungen wieder. Wie Sie es schon schreiben, Sie haben keine Mission. Die Bemühungen der letzten Jahre zeigen mir – auch viele Betroffene (z.B. Rollstuhlfahrer) haben keine Mission. Es wird schon ein Anderer richten. Nein. Andere, also wir werden im besten Fall den Weg ebnen und mit unseren Erfahrungen die richtigen Produkte am richtigen Ort zur Verfügung stellen. Ich kann es nur noch mal wiederholen: Nur Betroffene können die aktuelle Situation ändern. Im altbekannten Leben gibt es häufig Unterschriftensammlungen ( z.B. wenn ein Kindergarten geschlossen werden soll ) die den Verantwortlichen vorgelegt werden, um eine bevorstehende Entscheidung in die richtige Richtung zu lenken. Bei unserer Unterschriftensammlung braucht der oder die Betroffene nicht einmal das Haus zu verlassen. Wir haben die Vorbereitungen mit dem Video getroffen. Interessierte bräuchten nur noch einen Kommentar verfassen. Diese könnten schreiben, ob so eine Toiletteneinrichtung auf Veranstaltungen sinnvoll ist, was daran gut ist oder auch was daran verbessert werden könnte und und und. Einfach einen kleinen Kommentar oder einfach einen Satz. Anhand der Klicks, Likes und Kommentare lassen sich die Wünsche der bewegungseingeschränkten Menschen sehr schnell und gut ablesen. Nicht nur für uns, sondern vor allen Dingen für die relevanten Ämter der Städte und Gemeinden. Unsere Aufgabe sehe ich in der Verbreitung des Videos unter den richtigen Entscheidungsträgern.

    Was würden Sie als Entscheidungsträger über die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung denken, wenn Sie das Video sehen und es gibt nur vereinzelte Kommentare und wenig Klicks. Genau.

    Ihre Webseite sieht professionell aus und ich denke Sie kennen sich mit der Zielgruppe aus.

    Deshalb meine Wette:
    Ich Wette, dass nicht einmal nach Ihrer tollen Berichtserstattung, in den nächsten 30 Tagen, 30 Kommentare (von unterschiedlichen Personen ) zu dem Video gepostet werden. Also nur einer am Tag.
    Sollte dieser unwahrscheinliche Fall dennoch eintreten, schicke ich Ihnen eine Flasche Sekt und stoße virtuell mit Ihnen an und behalte das gute Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein.

    Nehmen Sie die Wette an ????? (Alleine in Ihrem Team befinden sich ja schon drei Menschen im Rollstuhl)

    Viele liebe Grüße unter weiterhin viel Erfolg mit Ihrer tollen Webseite.

    Jürgen Lampe
    P.s. Würde mich über die Annahme der Wette sehr freuen.

    10. Februar 2012 at 11:39
  • Rollingplanet

    Hallo Herr Lampe, ein guter Verkäufer sind Sie, das muss man Ihnen lassen. Vielleicht wollen Sie ja die Vermarktung von ROLLINGPLANET übernehmen?

    Top, die Wette gilt! Wir nehmen sie natürlich an – auch wenn wir wissen, dass Sie diese gewinnen werden. Nicht zuletzt deshalb, weil Ihr Video auf YouTube, wie wir finden, nicht besonders prickelnd gemacht ist. Nein, eigentlich ist er ziemlich zum Gähnen. Wir haben ihn hier trotzdem online gestellt, weil wir uns auch ohne Mission für sehr viele Themen engagieren.

    Wir bieten Ihnen eine Gegenwette an: Falls Sie die 30 Kommentare nicht bekommen, lassen Sie mal ROLLINGPLANET ran und einen Videoclip zum Thema mobile Behindertentoilette machen. Sie zahlen nur die Produktionskosten für den Schnitt. Alle anderen Kosten für Drehbuch, Schauspieler, Spesen etc. übernehmen wir. Videocam haben wir auch. Wir blenden dann sogar Ihr Logo neben dem unsrigen ein und stellen das Ganze auf YouTube und ROLLINGPLANET. Und wenn unser Video innerhalb von 30 Tagen keine 30 Kommentare findet, gibt es für Sie eine zweite Sektflasche obendrauf.

    Nehmen Sie an?

    10. Februar 2012 at 12:07
  • Jürgen Lampe

    Hey ich noch mal.:-)

    Was ist die Botschaft von dem Video?
    (das mit Ihrem Portal war ja nicht geplant – Sie haben die Anfrage bei mir gemacht Aber trotzdem DANKE dafür.)

    Dieses Video soll kein Blockbuster und auch kein Youtube Star werden.
    Es soll weder witzig sein noch irgendwelche Menschen belustigen oder gar Personengruppen veralbern.

    Eigentlich sollte es nur informativ für interessierte Menschen sein. (Aha, so ein Produkt gibt es doch.)

    Das Video soll in erster Linie den Veranstaltungsorganisatoren verdeutlichen, wie einfach man die Lebensumstände einzelner Personen verbessern kann.
    Wie man diese Personen mit einer simplen kleinen Toilette Freude bereitet und in den normalen Veranstaltungsablauf integrieren kann.
    Ich denke, auch Rollstuhlfahrer und andere bewegungseingeschränkte Menschen würden gerne Veranstaltungen besuchen und in geselliger Runde das eine oder andere Bier trinken.
    Schade nur, wenn man vorher schon planen muss, nach welcher Anzahl von Bieren (oder auch anderen Getränken) man das Fest verlassen muss, damit kein drückendes Bedürfnis aufkommt.

    Die Nachfrage bestimmt das Angebot und deshalb gibt es auch so wenige mobile Rolli Wc`s in Deutschland. Wenn wir diesen kaufmännischen Grundgedanken treu bleiben, müssten wir das Angebot beenden. Denn bei dem Rolli-Wc müssen wir nicht nur das Angebot bereitstellen, sondern auch noch die Nachfrage erhöhen. Jedoch glaube ich fest daran, dass ein Umdenken in der Bevölkerung irgendwann einsetzt und dass betroffenen Menschen nicht durch eine fehlende Toilette von vielen tollen Veranstaltungen ausgeschlossen werden.

    Viele liebe Grüße
    Jürgen Lampe

    10. Februar 2012 at 13:46
  • Dorena

    Also mein Mann und ich,wir haben schon häufig Behindertentoiletten auf Grossveranstaltungen vorgefunden. Aber man muss oft danach suchen. Ausserdem sind sie oft nicht so schön wie hier auf dem Foto. Allgemein kann man sagen,dass Menschen mit Rollstuhl durchaus viele behindertengerechte Toiletten finden in der Grossstadt. Man muss aber wissen,wo sie sind. Wie es in kleineren Städten aussieht,weiss ich allerdings leider nicht. Nur in den Gaststätten oder auf alten Bahnhöfen ist es manchmal schwierig mit Behindertentoiletten,wenn die allgemein zugänglichen WC im Kellergeschoss sind.

    29. März 2013 at 18:42

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