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Warum Kult-Damennationaltrainer Holger Glinicki heute Bananen essen muss

Wenige Stunden vor dem EM-Finale der deutschen Rollstuhlbasketballerinnen fand Kapitän Marina Mohnen Zeit für ein schnelles ROLLINGPLANET-Interview.

Spielführerin Marina Mohnen gestern beim Halbfinal-Sieg gegen Großbritannien (Foto: Uli Gasper/uliphoto.de)

Spielführerin Marina Mohnen gestern beim Halbfinal-Sieg gegen Großbritannien (Foto: Uli Gasper/uliphoto.de)

Das Finale im Fernsehen

Das Finale zwischen Deutschland und den Niederlanden wird am Samstag (6. Juli 2013) um 15 Uhr von der ARD ausgestrahlt. Es ist damit das erste Rollstuhlbasketball-Spiel hierzulande, das bundesweit live im TV gezeigt wird, nachdem das hr Fernsehen bereits das Viertel- und Halbfinale der Damen übertragen hatte.

Die Deutschen Damen haben bei der Europameisterschaft der Rollstuhlbasketballer souverän das heutige Finale erreicht. Der Wettbewerb findet in der 7.000 Zuschauer fassenden Eissporthalle in Frankfurt am Main statt. Nach drei Pflichterfolgen gegen Frankreich, Spanien und Israel in der Vorrundengruppe A wurde im Viertelfinale auch Italien mit 93:26 deklassiert. Bei dem gestrigen Semifinale gegen Großbritannien zeigten die Titelverteidigerinnen ihre bislang einzige schwache Phase, gewannen jedoch am Schluss klar mit 71:36. Unsere Paralympicssiegerinnen von London treffen heute im Finale wie von vielen erwartet auf die Niederländerinnen.

Spielführerin Marina Mohnen (34) arbeitet bei der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung in Brühl. Für Rollstuhlbasketball entschied sie sich, als die Ärzte bei ihr vor vierzehn Jahren eine schwere Kreuzbandverletzung diagnostizierten. Sie spielt für den Bundesligisten RBC Köln 99ers (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: „Wir haben ja keine Wahl“: Marina Mohnen peilt fünften EM-Titel an“). Kurz vor dem Finale verrät Mohnen im ROLLINGPLANET-Interview, was nach dem Schlusspfiff passieren wird.

Marina Mohnen: „Es geht um Basketball, der Rollstuhl ist lediglich das Sportgerät“

Rollstuhlbasketball - Marina Mohnen

Herzlichen Glückwunsch zum Einzug ins Finale. Stört es Sie, dass das Spitzenniveau im internationalen Damen-Rollstuhlbasketball doch noch sehr dünn ist? Wir wollen keine Spielverderber sein, aber die teilweise sehr hohen Kantersiege in den bisherigen Spielen des Turniers sind einer Europameisterschaft nicht würdig – oder sehen wir das zu kritisch?

Das stimmt schon, das Niveau der Mannschaften ist in der Damenkonkurrenz sehr weit auseinander. Nichts desto trotz freuen wir uns über jede Damenmannschaft, die an der EM teilnimmt. Auch Deutschland hat irgendwann einmal klein angefangen und sich dann hochgearbeitet. Teams wie Israel und Italien brauchen noch ein paar Jahre, um weiter oben mitspielen zu können, aber es ist zumindest mal ein Anfang. Bei der EM können sie immerhin Spielerfahrung sammeln.

Wie empfinden Sie die Stimmung in der Eissporthalle?

Die Stimmung ist toll! Selbst wenn die Halle nicht komplett voll ist, sind trotzdem viele Leute da – man unterschätzt ein wenig die Größe der Halle. Natürlich hilft dabei auch der Austragungsort Frankfurt, da es im Umkreis viele Zuschauer gibt, die sich für den Rollstuhlbasketball begeistern.

Wie groß ist die zusätzliche Aufregung, dass seit Donnerstag erstmals Rollstuhlbasketballspiele live von einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender übertragen wurden und dass die ARD heute das Endspiel zeigt?

Das ist ein große Ehre für uns als „Randsportart“. Es ist schon spannend mit all den Kameras, Kameraleuten und Reportern um uns herum. Aber aufgeregter während des Spiels macht uns das eigentlich nicht.

Mal ehrlich: Ist wegen der Übertragung dieses Mal mehr Make-up und Lippenstift dabei, wenn es aufs Spielfeld geht?

Haha… also bei mir hat Make-Up während des Spiels überhaupt keine Chance, dafür schwitze ich viel zu viel. Bei der einen oder anderen Mitspielerin würde ich es aber nicht ausschließen (lacht).

Die TV-Übertragung ist ja eine große Chance für den Rollstuhlbasketball, auch Nichtbehinderten näher gebracht zu werden. Welchen Spruch würden Sie dem Kommentator heute beim Finale gerne schon mal vorab verbieten?

Verboten sind zum Beispiel Phrasen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ und alles andere, was auf die Tränendrüse drücken soll. Beim Rollstuhlbasketball geht es um Basketball, der Rollstuhl ist lediglich das Sportgerät.

Falls es mit dem EM-Sieg klappt: Die Themse ist ja weit – da kann Ihr Bundestrainer Holger Glinicki dieses Mal nicht reinspringen wie nach dem Paralympics-Erfolg. Was sollte sich Glinicki heute einfallen lassen?

Mmhh…. also den Main gibt’s ja hier auch… aber das wäre wohl etwas übertrieben. Aber Holger mag überhaupt keine Bananen, und wenn wir eine Meisterschaft gewinnen, wird er traditionell immer genötigt, eine zu essen. Ich denke, das würde bei einem EM-Sieg auch wieder anstehen (lacht).

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen viel Erfolg im Finale!

Erst wurde er gedrückt, dann sorgte er mit seinem Freudensprung in die Themse für Schlagzeilen: Holger Glinicki am 7. September 2012 nach dem Gold-Triumph in London mit Gesche Schünemann (l.), Annika Zeyen (m.) und Marina Mohnen (Fhoto: Daniel Karmann/dpa)

Erst wurde er gedrückt, dann sorgte er mit seinem Freudensprung in die Themse für Schlagzeilen: Holger Glinicki am 7. September 2012 nach dem Gold-Triumph in London mit Gesche Schünemann (l.), Annika Zeyen (m.) und Marina Mohnen (Fhoto: Daniel Karmann/dpa)

(RP/kleines Foto: dpa/Fredrik von Erichsen)


ROLLINGPLANET-SPECIAL: Eurobasketball 2013
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