Warum lassen sich kleinwüchsige Menschen durch Discos jagen?

Woher kommt der Hype, uns Menschen als Attraktion auszustellen? Gibt es dieses Problem erst seit heute? Von Michel Arriens

Empörung ausgelöst: „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ in der Disco „Bel Air“ in Cloppenburg

Empörung ausgelöst: „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ in der Disco „Bel Air“ in Cloppenburg.

Die Diskussion über Veranstaltungen und Partys, bei denen auf menschenverachtende Weise kleinwüchsige Menschen als Beschauungsobjekt vorgeführt werden, wird derzeit in aller Munde geführt. Der Artikel „It’s time dwarfs stopped demeaning themselves in public“ des Soziologen Tom Shakespeare hat mich zum Nachdenken gebracht. Haben wir kleinwüchsigen Menschen selbst schuld daran, dass wir teilweise auf der Straße ausgelacht werden, kleinwüchsige Schauspieler fast keine Chance haben „normale“ Rollen zu bekommen oder wir noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben?

Ich bin ehrenamtlich im Bundesverband kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V. tätig. Wir haben in den letzten Wochen für großen Pressewirbel gesorgt, weil es durch unsere Stellungnahmen und den starken Druck der Gesellschaft auf die Städte zu Verboten und schlechter Kritik für einige Veranstalter gekommen ist. Aber woher kommt der Hype, kleinwüchsige Menschen als Attraktion auszustellen? Gibt es dieses Problem erst seit heute?

Die Darstellung kleinwüchsiger Menschen im Wandel

Im Alten Reich, vor mehr als 4500 Jahren also, genossen kleinwüchsige Ägypter oft eine besondere soziale Stellung am Hof. Die Ägypter sahen den Kleinwuchs als besondere Gabe und sagten den Betroffenen magische oder zumindest wohltuende Kräfte zu. Sie waren am Hof als Hofzwerge, Hofnarren oder Tanzzwerge tätig, waren Ausdruck für den Wohlstand des Herrn und dienten gleichzeitig als Glücksbringer.

Sie durften, wie jeder andere Bürger auch, eine Familie gründen, hatten Aufstiegschancen in ihrem Beruf und führten somit ein besonderes aber durchaus normales Leben. Die ersten Anzeichen von Ausgrenzung und menschenverachtender Darstellung kleinwüchsiger Menschen sind uns aus dem Neuen Reich, also 1550-1070 v. Chr., bekannt. Aus dieser Zeit stammen erste Mahnschriften, die an die einstmalige Hochachtung erinnerten und zu mehr Toleranz aufriefen. Es vergingen die Jahre und immer neue Formen der Diskriminierung entstanden.

So wurden im 19. Jahrhundert Menschen mit Behinderung als Launen der Natur in Kuriositätenkabinetten vorgeführt. Nicht selten traten kleinwüchsige Menschen zu dieser Zeit auch in Zirkussen auf und belustigten mit ihren nicht „normgerechten“ Körpern die Menge.

Bis in die Neunzigerjahre wurden kleinwüchsige Menschen im rheinland-pfälzischen „Holiday-Park“ zur Beschauung ausgestellt. Sie lebten den Tag über in Wohnwagen einer „Liliputaner-Stadt“ und die Besucher des Parks konnten die „Kuriositäten“ durch ein Schaufenster bei ihrem Alltag beobachten.

Die Zurschaustellung ist also keinesfalls ein Problem, was erst in der heutigen Zeit entstanden ist. Lediglich die Plattformen und somit die Art der Darstellung haben sich verändert.

„Liliputaner-Action“ als Wunderpille der Partyszene

Das sogenannte „Zwergenwerfen“, was 1980 ursprünglich als Jahrmarktattraktion in den USA entstand, sorgt bis heute für Streitigkeiten zwischen Fürsprechern und Gegnern des umstrittenen „Sports“. Hierbei werden kleinwüchsige Menschen, die mit einem Schutzanzug bekleidet sind, möglichst weit auf eine weiche Unterlage geworfen. Diese Veranstaltungen, die noch heute teilweise in Bars stattfinden, fanden so großen Anklang, dass ganze Meisterschaften ausgetragen wurden. Diese sind mittlerweile aber in den meisten Ländern verboten.

In den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen haben sich Veranstalter von Partys dazu entschieden, kleinwüchsige Menschen für ihre Besucherakquise zu missbrauchen. So bewarb die Diskothek Bel Air aus Cloppenburg eine Party mit dem Namen „Schneewittchen und die 7 Zwerge“. Angekündigt waren anfangs „7 echte Liliputaner“. Nach Kritik an der diskriminierenden Veranstaltung wurden die kleinwüchsigen Darsteller als „7 Zwerge“ angekündigt. Auf der Party konnte man sich mit den nur bedingt verkleideten und sichtbar auf den Kleinwuchs reduzierten Darstellern fotografieren lassen.

Die Meller Diskothek NAAVA warb unterdessen für ihre Veranstaltung „Project NAAVA“ mit einem „Crazy Liliputaner“. Die Ankündigung versprach: „Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt eine Lounge inkl. Eintritt für 5 Personen GRATIS! Außerdem: Unser Liliputaner versorgt euch mit Alkohol ;)“ Die Stadt Melle untersagte der Diskothek – aus Gründen der Sittenwidrigkeit nach §33a GewO – diesen Programmpunkt. Diese Art von Veranstaltungen, angelehnt an die US-amerikanische Teeniekomödie „Project X“, bei dem der kleinwüchsige Schauspieler Martin Klebba in einen Backofen gesperrt wird, sorgte bereits 2013 für große Aufmerksamkeit.

Werbung von Janssen’s Tanzpalast aus Cuxhaven

Werbung von Janssen’s Tanzpalast aus Cuxhaven

Damals stürzte der kleinwüchsige Animateur des Janssen’s Tanzpalast aus Cuxhaven, der unter anderem für den Programmpunkt „Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!“ gebucht war, bei einer Tanzeinlage von einer Bühne und wurde dabei schwer verletzt.

Doch warum lassen sich Menschen auch heute noch zu Beschauungsobjekten degradieren? Ist es der stille Drang nach Aufmerksamkeit und Gehör? Sind die Berufsmöglichkeiten für kleinwüchsige Menschen so gering, dass sie keine andere Wahl haben, als sich zum Gespött Anderer zu machen? Oder ist es der Kick, einmal in der Öffentlichkeit zu stehen?

Warum ist unsere Gesellschaft daran interessiert, Menschen mit Kleinwuchs auf erniedrigende Weise als „Liliputaner“ durch Diskotheken zu jagen oder sie in der Rolle von Zwergen auf Veranstaltungen auszulachen? Fehlt es hier noch an Aufklärung oder gehört diese Gier nach Verachtung zu unserem menschlichen Dasein?

Um nicht nur „über“, sondern „mit“ den Menschen zu schreiben, die sich für oder gegen den Beruf des Darstellers bzw. der Darstellerin entschieden haben, möchte ich in meinem nächsten Artikel einige Kommentare von euch veröffentlichen. Wer dies nicht möchte, beginnt seinen Kommentar bitte mit einem „X“.
Schreibt mir deshalb bitte auf Facebook, per Twitter, per Kommentar auf diesen Post, oder gerne auch eine E-Mail.

Ich freue mich über eine angeregte Diskussion!

Michel Arriens

Michel Arriens lebt mit Kleinwuchs, Roller und Freundin in Hamburg. Er studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften, bloggt, fotografiert, filmt, macht PR- und Öffentlichkeitsarbeit des BKMF e.V., ist ISL e.V. Inklusionsbotschafter, twittert als @RollerUndIch & liebt gutes Essen. Mehr über Michel unter: www.michelarriens.de

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10 Kommentare

  • dasuxullebt

    Ich finde es zwar ein wenig verwerflich, dass Leuten heutzutage sowas spaß macht, aber nicht wirklich verwunderlich. Ich sehe auch nicht groß den Unterschied, ob jemand mit seiner Kleinwüchsigkeit Geld verdient, oder mit seiner Attraktivität, wie es herkömmliche Fotomodelle tun, oder Stripper.

    Niemand sollte gezwungen werden, das zu tun, aber es sollte auch niemand gezwungen werden, das nicht zu tun.

    24. Oktober 2015 at 14:35
  • Lothar Epe
    stigmaman

    Zur Selbstbestimmung gehört dazu, dass z. B. auch Kleinwüchsige selbst entscheiden, welche Jobs sie annehmen und welche nicht, vor allem wenn sie keine Möglichkeit haben, andere Jobs zu bekommen. Inwieweit das moralisch verwerflich ist, dürfte eine ganz andere Frage sein, über die man trefflich streiten kann. Das aber z. B. gesetzlich zu regeln, in dem man den kleinwüchsigen Menschen verbietet, in dieser Form tätig zu werden, halte ich für fragwürdig.

    26. Oktober 2015 at 15:49
  • Feinschliff

    Selbstbestimmung? Freie Berufswahl? Ich finde das erniedrigend. Hier bleibt die Menschenwürde auf der Strecke.

    26. Oktober 2015 at 18:08
  • Spielverderber

    Ein Peter Dinklage würde über diesen larmoyanten Artikel mitleidig lächeln – und sich dann wieder seinem Kontoauszug widmen. Falls Sie nicht wissen, wer das ist: Das Internet ist ihr Freund.

    27. Oktober 2015 at 10:14
  • Stigmaman

    Ist es nicht irgendwie auch so, dass jeder zumindest für einen großen Anteil seiner Menschenwürde selbst verantwortlich ist, auch wenn die Grundbedingungen individuell sehr verschieden sind? Ein weitere Teil davon definiert sich auch über den Grad der persönlichen Selbstbestimmtheit.

    27. Oktober 2015 at 12:20
  • Stigmaman

    und noch eins: Erwähnter Peter hat vermutlich nur ziemlich viel richtig gemacht.

    27. Oktober 2015 at 12:21
  • Michel Arriens

    Es geht hier nicht um das Recht auf freie Berufswahl, sondern um sittenwidrige und menschenrechtsverletzende Darstellungsformen. Man findet für alle Formate immer Menschen die für Geld, teilweise auch aus Perspektivlosigkeit, alles machen würden. Dass jeder Mensch leben kann wie er möchte entschuldigt nicht die Gesellschaft die ÜBER Menschen lacht, sie ausnutzt und nicht als Teil unserer Gesellschaft sieht sondern als Beschauungsobjekt.

    27. Oktober 2015 at 15:22
    • dasuxullebt

      Ob man jetzt Toiletten putzt oder sowas macht dürfte in Sachen Würde doch ziemlich gleichauf sein. Nur dass Toiletten putzen schlechter bezahlt wird.

      28. Oktober 2015 at 12:13
  • Zanele

    Ich bin wirklich hin und hergerissen und kann mich nicht recht entscheiden, was ich davon halten soll. Es erinnert mich ein wenig an die Debatte um Sexworker/innen, in dem Sinne, dass es auch darum geht, ob 1. die Menschenwürde in Gefahr ist, 2. es wirklich Selbstbestimmung ist, oder äußerer Zwang durch Lebensumstände, 3. ein Verbot es wirklich besser machen würde.
    Zu Punkt 1: Ich finde es schwierig zu definieren, was menschenwürdig ist und was die Würde verletzt, denn das ist eine sehr persönliche Sache. Ich muss dabei an BDSM-Beziehungen denken: Wenn jemand freiwillig entscheidet, sich demütigen zu lassen, dann ist das vollkommen in Ordnung. Also kann man zusammenfassen: Menschenwürdig ist, was man aus freien Stücken entscheidet und wo kein Zwang hinter steht. Und damit kommen wir auch gleich zu 2.: Ist es wirklich Selbstbestimmung? Und das kommt dann auf die Beweggründe jedes einzelnen Menschen an, der diese Jobs annimmt. Wenn er es aus freien Stücken tut, er es gar nicht als demütigend empfindet (oder die Demütigung vielleicht sogar mag, denn auch das gibt es), dann gibt es wenig einzuwenden. Einen Punkt gibt es da aber schon: Dadurch, dass er sich selbst auf diese Weise darstellt, trägt er dann dazu bei, dass man sich auch über andere Menschen, die körperlich ähnlich gebaut sind, lustig macht. Zu 3: Sollte man diese Shows also verbieten? Einerseits ist es eine diskriminierende Darstellung einer Gruppe von Menschen. Ich bin da nicht so bewandert, wisst ihr, ob und inwiefern das bereits gesetzeswidrig ist? Andererseits geht es schon auch um freie Berufswahl, denn wenn jemand sich wirklich freiwillig entscheidet diesem Beruf nachzugehen, dann wird derjenige daran gehindert, wenn es ein Verbot geben sollte. Für die, die dies jedoch aus äußerem Zwang machen muss eine Lösung gefunden werden. Und zwar nicht mithilfe eines Verbots dieser Shows, sondern durch Schaffung vieler beruflicher Alternativen und Barrierefreiheit in anderen Berufen.

    4. November 2015 at 15:22

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