""

Warum Sie möglicherweise schon mal jemanden mit Ihren Drecksfingern getötet haben

Experten schlagen Alarm: Jährlich sterben in Deutschland 60.000 Menschen an einer Blutvergiftung. Am 13. September ist Welt-Sepsis-Tag.

Prominentes Sepsis-Opfer: Papst Johannes Paul II (18.5.1920–2.4.2005)

Prominentes Sepsis-Opfer: Papst Johannes Paul II. (18.5.1920–2.4.2005)

Eta 175.000 Menschen jährlich bekommen in Deutschland eine Sepsis, 50.000 von ihnen sterben. Die Erkrankung ist häufig Folge von Lungenentzündungen oder Infektionen nach Operationen.

In den Industrienationen steigt die Zahl der gefährlichen Entzündungsreaktionen jährlich um bis zu 13 Prozent. Ärzte und Gesundheitsinstitutionen fordern deshalb einen Nationalen Aktionsplan.

Was ist eine Sepsis?

Fieber und Schüttelfrost, ein schneller Herzschlag, allgemeine Schwäche und Verwirrung: Wer nach einer kleinen Schnittwunde, einem Infekt oder einer Verbrennung unter diesen Symptomen leidet, sollte schnellstmöglichst einen Arzt aufsuchen. Denn das können Anzeichen für eine Sepsis sein. Darauf weist die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) in Berlin hin.

Bei der im Volksmund als Blutvergiftung bezeichneten Sepsis gerät eine Entzündung außer Kontrolle, die körpereigene Abwehr schädigt das eigene Gewebe. Laut Deutscher Sepsis-Hilfe ist die Sepsis eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Ärzte gehen davon aus, dass sie für die Mehrzahl aller Todesfälle bei Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Aids oder Malaria verantwortlich ist.

Bei einer Sepsis geraten Erreger von einem Herd aus – zum Beispiel einer Wunde – in die Blutbahn. Der Blutstrom verschleppt die Keime in andere Organe, wo sie sich ansiedeln und neue Krankheitsherde bilden. Das kann zum Versagen lebenswichtiger Organe und zum Tod führen.

Die Erreger sind meist Bakterien, seltener Pilze, Viren oder Parasiten. Je früher eine Sepsis von Ärzten erkannt wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Die Diagnose ist Experten zufolge jedoch schwierig, weil die Symptome wie Fieber, Atemnot oder niedriger Blutdruck zunächst unspezifisch sind. Prominente Sepsis-Opfer sind etwa Papst Johannes Paul II. und Fürst Rainier III. von Monaco.

„Zwei Drittel der Betroffenen erwerben die Sepsis durch eine Infektion im Krankenhaus“, so der Jenaer Intensivmediziner Frank Brunkhorst. Laut einer Studie ließe sich ein großer Teil durch eine konsequentere Handdesinfektion in den Kliniken vermeiden. Im Interview beantwortet der Experte die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

„Die Ausbildung der Mediziner muss verbessert werden“

Interview mit Professor Dr. Frank Brunkhorst.

Professor Frank Brunkhorst (Foto: Uni Jena)

Professor Frank Brunkhorst (Foto: Uni Jena)

Die Sepsis gilt als eine der häufigsten Todesursachen, auch Frühchen sind häufig betroffen. Wie hoch sind die Zahlen genau?

Dazu gibt es neue Daten aus dem Jahr 2011. Demnach gab es 175.000 Sepsis-Fälle in deutschen Krankenhäusern. Bei 69.000 davon handelte es sich um eine schwere Sepsis, bei 19.000 um einen septischen Schock. Die Krankenhaussterblichkeit ist alarmierend hoch, sie lag bei 28,6 Prozent. Das sind 50.100 Todesfälle im Jahr.

Bei schwerer Sepsis und septischem Schock ist die Krankenhaussterblichkeit deutlich höher, nämlich über 40 Prozent. Die direkten Kosten für das deutsche Gesundheitssystem belaufen sich für Erwachsene über 20 Jahre auf jährlich rund 3,8 Milliarden Euro.

Wenn jemand nach der Entlassung aus dem Krankenhaus an den Folgen einer Sepsis stirbt, ist er aber in diesen Zahlen nicht enthalten?

Das ist richtig. Dazu gibt es überhaupt keine bundesweiten Daten. Wir wissen aber, das die Sterblichkeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch einmal zunimmt. Hier in Jena haben wir am Universitätsklinikum ein Zentrum für Sepsis und Sepsisfolgen mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein Register eingeführt.

Das ist bisher in Deutschland einmalig. Daher wissen wir, dass zwölf Monate nach einer solchen Infektion nur einer von drei Patienten überlebt hat.

Ein Großteil der Patienten infiziert sich erst im Krankenhaus. Gibt es an deutschen Krankenhäusern ein Hygieneproblem?

Zwei Drittel der Betroffenen erwerben die Sepsis durch eine Infektion im Krankenhaus. Die Patienten, die ins Krankenhaus kommen, sind in der Regel schwer krank, haben eine geschwächte Immunabwehr und sind deswegen besonders empfänglich für Infektionen.

Der Patient infiziert sich häufig mit seinen eigenen Keimen, die er mitbringt auf seinem Körper oder Schleimhäuten, etwa weil er große Wundflächen hat. Das lässt sich nicht immer verhindern.

Dennoch lässt sich die Zahl der Sepsis-Fälle durch verbesserte Hygiene in den Kliniken verringern.

Die übertragbaren Infektionen von Personal oder Besucher auf Patient sind vermeidbar. Das sind ungefähr 20 Prozent. Da steckt großes Präventionspotenzial. In einer Studie des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen haben wir krankenhausweit die Infektionsraten systematisch erfasst und wollen sie nun um diese 20 Prozent reduzieren.

Ein entscheidender Punkt ist die Handdesinfektion, die in Deutschland nicht ideal ist. Von 100 Momenten, wo man sich die Hände desinfizieren müsste, werden 20 bis 40 eingehalten; wenn man gut ist, sind es 60. Das muss man angehen – schauen, ob der Spender am richtigen Fleck steht, und das Personal trainieren.

Was Sie als Besucher tun müssen


20110429_Hygienetag_121
Sie besuchen einen Menschen mit geschwächtem Immunsystem im Krankenhaus? Saubere Hände können Leben retten: Benutzen Sie den Handdesinfektionsspender, der vor jedem Krankenzimmer angebracht ist. Dann können Sie sicher sein, dass Sie noch nie jemandem unwissentlich den Tod vorbeigebracht haben. Angesichts solch eines wichtigen Anliegens verzeihen Sie jetzt ROLLINGPLANET ganz bestimmt die Unterstellung in der Überschrift dieses Berichts. (Foto: Klinikum Uni Heidelberg)

Was sind aus Ihrer Sicht weitere erfolgversprechende Wege im Kampf gegen die Sepsis?

Ich sehe das größte Potenzial in der Prävention und der Früherkennung. Es gibt nicht die eine Sepsistherapie, weil es zig verschiedene Erreger gibt, die ganz unterschiedlich aggressiv sind und zudem die Patienten ganz unterschiedliche Vorerkrankungen haben.

Wir haben auch festgestellt, dass bei Patienten mit schwerer Sepsis in den vergangenen Jahren wahrscheinlich Fehler bei der Dosierung von Antibiotika gemacht wurden. Die neue Studienlage zeigt, dass bei 20 bis 30 Prozent dieser Patienten Antibiotika doppelt, drei- oder vierfach höher gegeben werden müssen als vom Hersteller geprüft.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Sepsispatienten die Wirkstoffe häufig schneller über die Nieren ausscheiden. Hierzu sind dringend klinische Studien erforderlich, eventuell lassen sich dadurch die Überlebensraten deutlich verbessern.

Empfohlen wird auch die Impfung gegen Pneumokokken.

Viele Sepsis-Fälle sind Folgen von Lungenentzündungen und davor schützt die Pneumokokken-Impfung. Vor einigen Wochen ist ein verbesserter Impfstoff, den es schon seit einigen Jahren für Kinder gibt, für Erwachsene zugelassen worden. Der ist enorm effektiv.

Seitdem ist die Rate an Pneumokokken-Infektionen bei Kindern rasant gesunken. Außer für Kinder wird die Impfung empfohlen für Bürger über 60 Jahre und Vorerkrankte.

Bekanntlich sinkt die Überlebenschance, je später eine Sepsis erkannt wird. Warum passiert das oft immer noch erst sehr spät?

Eine Sepsis zu erkennen ist nicht einfach, weil die ersten Anzeichen einer schweren Grippe ähneln. Für einen Arzt, der nicht ständig damit zu tun hat, ist das schwierig. Im Krankenhaus kommt es zwar auch mal vor, dass eine Sepsis verschlafen wird, die größten Lücken gibt es aber im ambulanten Bereich. Da muss die Ausbildung der Mediziner verbessert werden.

(dpa/Foto Papst: Wikipedia/Eric Draper. Gemeinfrei.)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Barbara Bockholt

    betreff:ambulanten Bereich,aus meiner Erfahrung und Praxis gibt es Lehrgänge, Richtlinien und Dauer der Desinfektion.

    13. September 2013 at 13:02

KOMMENTAR SCHREIBEN