Warum viele moderne Hausgeräte behindertenfeindlich sind

IFA 2016 in Berlin: Hersteller wollen mit Innovationen und Design glänzen, aber schaffen Hürden für Millionen Kunden.

Küchenherd mit Touchscreen. (Pressefoto)

Küchenherd mit Touchscreen. (Pressefoto)

Auch bei Waschmaschine, Radio oder Backofen sind Sensortasten und Touchscreens auf dem Vormarsch. Der technische Fortschritt hat jedoch seine Schattenseiten: Immer mehr Geräte der Haushalts- und Unterhaltungselektronik sind für blinde, sehbehinderte und ältere Menschen nicht bedienbar. Für sie wird die Neuanschaffung eines barrierefrei nutzbaren Elektrogerätes zum nervenaufreibenden und kräftezehrenden Hindernislauf.

Darauf weisen der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO) hin. Sie organisieren deshalb auf der morgen beginnenden IFA 2016 eine Sonderausstellung sowie eine Fachveranstaltung zum Thema „Nutzbarkeit und Barrierefreiheit von Haushalts- und Unterhaltungselektronik“.

Die IFA ist die weltweit führende Messe für Consumer Electronics (zu Deutsch: Unterhaltungselektronik) und Home Appliances (Hausgeräte). Auf 10.000 Quadratmetern zeigen über 300 Aussteller unter anderem aus China, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Japan, Korea, Österreich, Polen, Slowenien, Taiwan und der Türkei vom 2. bis 7. September in Berlin ihre neuesten Produkte und Dienstleistungen.

Kein Drehen und Einrasten mehr

„Früher gab es Dreh- und Druckknöpfe, Kipp- und Schiebeschalter“, berichtet DBSV-Präsidentin Renate Reymann. „Die waren leicht zu finden, beim Einstellen hörte ich das Drehen und Einrasten und dann wusste ich, ob die Waschmaschine mit 60 oder 90 Grad wäscht.“ Moderne Sensortasten, Menüs und berührungsempfindliche Flächen bzw. Touchscreens setzen dagegen allein auf den Sehsinn und sind inzwischen auch bei den Küchen- und Wohnzimmerhelfern der Mittelklasse Standard.

Auf der Sonderausstellung vom 2. bis 7. September 2016 in Halle 6.2, Stand 113, werden Unternehmen wie Miele, Samsung, Bosch und Siemens ihre barrierefreien Produkte präsentieren. Am Montag, 5. September 2016, wird Brigitte Zypries, parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeswirtschaftsminister, die Ausstellungsfläche besichtigen und am Dienstag, 6. September 2016, werden der BAGSO-Vorsitzende Franz Müntefering und Renate Reymann die Ausstellungsfläche im Rahmen eines gemeinsamen Presserundgangs besuchen.

Hintergrund-Infos
Hintergrund: Barrierefreie Haushalts- und Unterhaltungselektronik
Mit dem demografischen Wandel steigt die Zahl von Menschen mit Behinderungen und mit dauerhaften oder zeitweiligen Einschränkungen. Dies betrifft auch Fälle von Sehbehinderungen und Blindheit. Nach Schätzungen von Augenärztinnen und Augenärzten leben in Deutschland etwa sieben bis zehn Millionen Menschen mit einer gravierenden Augenerkrankung, die zum Verlust von Sehkraft führen kann oder bereits geführt hat.
entsprechenden Anforderungen müssen dann von allen Herstellern umgesetzt und auch von allen Händlern beachtet werden.
Blinde und sehbehinderte Menschen werden allerdings bei der Entwicklung von Haushalts- und Unterhaltungselektronik, insbesondere im Hinblick auf die Bedienbarkeit, immer wieder übersehen. Aktuell erhält dieses Thema neue Brisanz, denn auf europäischer Ebene liegt der erste Entwurf einer Richtlinie zur Regelung der Konformität bezüglich Barrierefreiheit von Waren und Dienstleistungen auf dem Europäischen Binnenmarkt vor. Die entsprechenden Anforderungen müssen dann von allen Herstellern umgesetzt und auch von allen Händlern beachtet werden.
Unter http://elektrogeraete.dbsv.org ist das Anforderungspapier „Sehbehinderten- und blindengerechte Gestaltung von Haushalts- und Unterhaltungselektronik“ zu finden.

(RP/PM)

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