Warum wir über die Zukunft der Werkstätten sprechen müssen

Deutsches Institut für Menschenrechte fordert inklusiven Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen. UN empfiehlt schrittweise Abschaffung der WfbM.

Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention (Foto: DIMR/U. Sonnenberg)

Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention (Foto: DIMR/U. Sonnenberg)

Das Deutsche Institut für Menschenrechte fordert die Bundesregierung auf, den allgemeinen Arbeitsmarkt für behinderte Menschen zugänglicher zu machen und über die Zukunft der Werkstätten offen zu diskutieren. „Die Prioritäten der Arbeitsmarktpolitik müssen verschoben werden: weg von der Förderung von Sonderstrukturen, hin zum gleichzeitigen Ausbau inklusiver Beschäftigungsmodelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, erklärte Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention des Instituts anlässlich der heutigen Veröffentlichung des Positionspapiers „Inklusiver Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen“.

Die Zukunft der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM) müsse offen diskutiert und ein Konzept entwickelt werden, wie diese Sonderstruktur langfristig in einem inklusiv gestalteten Arbeitsmarkt aufgehen könne. Dabei müssten die Werkstattbeschäftigten von Anfang an einbezogen werden. Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass dies nicht zulasten der Betroffenen und ihrer Sozial- und Alterssicherung gehe. „So lange Menschen mit Behinderungen in gesonderten Werkstätten arbeiten müssen, weil sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Chancen haben, kann von einer vollen Verwirklichung des Rechts auf Arbeit und Beschäftigung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention nicht die Rede sein“, so Aichele weiter.

Monatsgehalt rund 181 Euro

Auch die Vereinten Nationen haben das Werkstattsystem in seiner heutigen Form gerügt. Sie kritisierten 2015, dass die Werkstätten Menschen mit Behinderungen absondern und keinen Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen würden. Die Vereinten Nationen empfehlen daher die schrittweise Abschaffung der Werkstätten.

300.000 Menschen arbeiten in Deutschland in Werkstätten für behinderte Menschen. Sie haben kaum Chancen auf einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, weil die Arbeitsplätze dort nicht inklusiv gestaltet sind und es an passenden Unterstützungsangeboten fehlt. Auch unflexible Organisationsstrukturen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen erschweren den Zugang zu einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Das durchschnittliche Monatsentgelt eines Werkstattbeschäftigten betrug 2014 rund 181 Euro.

Das Institut ist mit dem Monitoring der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention betraut worden und hat hierfür die Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention eingerichtet. Es hat gemäß der UN-Konvention (Artikel 33 Abs. 2 UN-BRK) den Auftrag, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und die Umsetzung der Konvention in Deutschland zu überwachen.

Weitere Informationen

Deutsches Institut für Menschenrechte (2016): Inklusiver Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen. Warum wir über die Zukunft der Werkstätten sprechen müssen. Position Nr. 2. Berlin.
Deutsches Institut für Menschenrechte (2016): Wie soll die Arbeit sein für Menschen mit Behinderung? Darüber müssen wir nachdenken. Position Nr. 2 in Leichter Sprache. Berlin.

(RP/PM)

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9 Kommentare

  • Michael Ziegert

    Zur ganzen Wahrheit, zu den Aussagen in der UN-BRK und zur Qualität des Monitoring gehört dann auch dieses Interview:
    http://www.53grad-nord.com/663.html

    6. Juni 2016 at 14:47
  • Gisela Maubach

    „Die Zukunft der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM) müsse offen diskutiert und ein Konzept entwickelt werden, wie diese Sonderstruktur langfristig in einem inklusiv gestalteten Arbeitsmarkt aufgehen könne.“

    Zitat- Ende

    Leider verschweigt Herr Aichele, wie diejenigen Menschen ihre Tage verbringen sollen, die aufgrund der Schwere ihrer geistigen Behinderung definitiv nicht in einem „inklusiv gestalteten Arbeitsmarkt aufgehen“ können.
    Der BTHG-Entwurf schließt diese Menschen von der Sozialen Teilhabe aus, sofern sie dem Grunde nach einen Werkstatt-Platz in Anspruch nehmen können.
    Eine „schrittweise“ Abschaffung der Werkstätten, welche für die behinderten Menschen nur den Arbeitsmarkt als Ausweg vorsieht, würde zwangsläufig dazu führen, dass die verbleibenden Werkstätten zu Auffangbecken für Schwerstbehinderte werden.
    Das Reduzieren auf das Thema Arbeit bei der Tagesstruktur führt daher zu einer Spaltung zwischen arbeitsfähigen und arbeitsunfähigen Menschen mit Behinderungen.

    6. Juni 2016 at 15:12
  • Gregor Schlicksbier

    Das wird ein dickes aber Nötiges Brett

    6. Juni 2016 at 17:57
  • Marc Wiesenkämper

    Das wäre ein weiterer Schritt zur Inklusion ! 🙂

    6. Juni 2016 at 21:30
  • Sabine Mueller

    Absolut nötig! Nach meiner Vorstellung sollte an jeden Menschen den es betrifft, ein Buzdget geknüpft sein. Mit diesem Budget, kann man sich nach eigenen Vorstellungen einen Arbeitsplatz suchen, ob das der lokale Bäcker, eine Kita oder Schreinerei – dann kann derjenige sein Budget mitbringen für die Minderleistung die er erbringt. Der Weg dieses Budget in der Werkstatt einzubringen steht dann natürlich frei, nur wäre dieser Weg dann selbstbestimmter und die Menschen hätten eine Alternative und eine Wahl. Ich meine neulcih habe ich irgendwo gelesen, dass nur 0,7% der menschen die irgendwann in einerWerkstatt landen es schaffen, da wieder heraus zu kommen. Besonders stolz bin ich, dass mein Sohn bald einer von denen ist, aber es war ein sehr schwerer Weg!

    7. Juni 2016 at 15:12
  • Sabine

    Mein Sohn hätte gleich nach der Schule einige Optionen gehabt. Kleine Betriebe die ihn gerne eingestellt hätten, allerdings nicht ohne einen Ausgleich für seine Minderleistung. Und dieses Konzept fehlt mir eindeutig. Wo Werkstätten im Gießkannensystem finanziert werden, ist der Mitarbeiter mit Behidnerung dort leider komplett unmündig, weiterhin beim Sozialamt auf Leistungen angewiesen, hat keien freie Berufswahl und zumindest in usnerem Fall gab es keinerlei Bildungsangebote, wie Alphabetisierung bspw.

    Ich finde es müsste zumindest differenziert werden und für die Leute die sich das wünschen, sollte es Wege geben wie sie mithilfe eines Budgets in einem kleinen bis mittelständigen unternehmen mitarbeiten können.

    7. Juni 2016 at 15:24
  • Gabi Bornheimer

    Als Ersatz darf es dann aber nicht die sogenannten Integrationsbetriebe geben. Einige, vor allem Betreiber von Integrationsbetrieben, meinen ja, dass das schon Inklusion ist.

    7. Juni 2016 at 18:02
  • Ingrid

    Ärger über Wertmarke..
    Seit nunmehr 15 Jahren kaufe ich beim Freistaat Bayern eine Wertmarke für den öffentlichen Nahverkehr. Ich bin zu 80% behindert und lebe von einer äußerst mickrigen Erwerbsunfähigkeitsrente.
    Bis vorletztes Jahr hat diese Wertmarke immer 60€ im Jahr gekostet, letztes Jahr plötzlich 72€ und siehe da, dieses Jahr wollen sie 80€.
    Unverschämt finde ich diese Preissteigerung, die heimlich still und leise beschlossen wurde. Da ist meine diesjährige Rentenerhöhung ja schon gut angelegt……wieder mal sehr sozial. Schade, daß sich die Menschen nicht wehren und alles als gegeben hinnehmen.

    8. Juni 2016 at 14:43
  • achim morina

    Einerseits ist das System so, wie es ausgerichtet ist, nicht mal verkehrt, aber die Riesengroße Sauerei ist die, das es zu permanenten Depressionen führt und die Werkstatt-Betreiber haben keinerlei Interesse daran, jemanden zu fördern, geschweige denn diesem zu helfe; denn schließlich verdienen sie kräftig an eben diesen Beschäftigten. Eigene Angestellte der Werkstatt betonen ja mitunter, das es derzeit so, wie es läuft, nicht richtig sein kann. Das sollte einem zu denken geben bzw. aufhorchen lassen. Und diejenigen, welche an der desaströsen Situation mancher Beschäftigter etwas verändern könnten, also die der Politik, tun überhaupt nichts. Schrecklich, das viele Länder außerhalb Deutschlands, wo gleichfalls Werkstätten etabliert sind, wie z.B. in Frankreich, finanziell wesentlich besser aufgestellt sind. Das, was hier bei uns im reichen Deutschland passiert, grenzt an Volksverarschung. Sozial und Christlich geht anders. Auch die Kirchen sind Mitschuldig, da sie in den meisten Fällen die Träger des Ganzen sind, zumeist aber wenig dafür tun, das sich etwas ändert

    12. August 2016 at 14:41

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