Was das „Wutbärchen Jogi“ und seine Kicker wirklich sagen

Die gehörlose Aktivistin und Lippenleserin Julia Probst sieht, was anderen verborgen bleibt. Den Spielern ist das nicht unbedingt recht.

Heute ohne Hand an der Nase, aber mit Wut: Jogi Löw (Foto: dpa)

Heute ohne Hand an der Nase, aber mit Wut: Jogi Löw (Foto: dpa)

Fußball ist Kommunikation. Manuel Neuer ruft Thomas Müller zu: „Thomas, block, block!“ Aufgeschnappt hat das kein Mikrofon, sondern das wachsame Auge von Julia Probst bei der Fernsehübertragung des EM-Spiels Deutschland-Polen. Die gehörlose Internet-Aktivistin ist von klein auf darin geübt, Wörter von den Lippen abzulesen. Ihr „Ableseservice“ bei Fußballspielen auf Twitter findet inzwischen so viel Beachtung, dass einige beim Sprechen manchmal die Hand vor den Mund halten.

„Ich bin wohl daran schuld, dass die Fußballer und Trainer dies vermehrt tun“, schreibt die für Inklusion und Barrierefreiheit eintretende Aktivistin auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Ich nehme das einfach als Kompliment, denn wer kann schon von sich als Fußballfan behaupten, dass er den Fußball etwas beeinflusst hat?“

Überzensiert

Julia Probst (Foto: privat/twitter)

Julia Probst (Foto: privat/twitter)

Beim Ablesen von aufgeregten Sätzen oder Flüchen erkennt Julia Probst, „dass da keine Roboter auf dem Feld sind“. Der heutige Fußball sei so überinszensiert, so dass er sonst fast steril wirken würde. „Die echte Emotionalität ist aber ein wichtiges Markenzeichen für den Fußball und das Gesagte auf dem Platz ist ja sehr oft von Emotionalität geprägt, so dass Fußballer und Trainer dadurch authentischer und nicht so abgehoben wirken.“

Auch den Bundestrainer Joachim Löw erlebt die Lippenleserin anders als die Fernsehzuschauer in den besonnenen Interviews vor laufender Kamera – Julia Probst nennt den authentischen Löw deswegen „Wutbärchen Jogi“.

Bei dieser EM vermisst die 34-Jährige „diese gewisse spielerische Leichtigkeit“ im deutschen Team. Aber auch andere Mannschaften wie etwa Österreich wirken auf sie von der Körpersprache her „ziemlich verkopft und unentspannt“. Und es fehlen ihr die herausragenden Einzelspieler wie einst Zinedane Zidane – „er war so begnadet darin, den Ball mit den Füßen zu streicheln und Räume zu finden, die sich dann plötzlich auftaten.“

Die Aktivistin nutzt die Aufmerksamkeit für den Ableseservice auch dazu, um auf die Bedürfnissen von gehörlosen und schwerhörigen Menschen aufmerksam zu machen. Seit Anfang dieses Monats arbeitet Julia Probst als Assistentin des Vorstands beim Hamburger Gehörlosenverband.

(RP/dpa)

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