Was, der Rollmops ist Euer Neuer?

„Die Toten von Salzburg“: Florian Teichtmeister als Ermittler im Rollstuhl – wird daraus eine ZDF-Serie? Der Auftaktfilm läuft am Montag, 26. September.

Major Palfinger (Florian Teichtmeister, l.) trifft auf Kommissar Mur (Michael Fitz). (Foto: Hubert Mican/ZDF)

Major Palfinger (Florian Teichtmeister, l.) trifft auf Kommissar Mur (Michael Fitz). (Foto: Hubert Mican/ZDF)

Ein Rabe fliegt über das nebelverhangene Salzburg. Eine Friedhofsprozession stolpert kurz darauf über eine unschön aussehende Leiche – auf der gleich mehrere Raben sitzen. Derart symbolträchtig beginnt der Film „Die Toten von Salzburg“ – zu sehen an diesem Montag im ZDF (20.15 Uhr). In Österreich lief er in diesem Frühjahr mit großem Erfolg, und sollte das in Deutschland auch so sein, könnte daraus sogar eine Reihe entstehen.

ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner betonte: „Menschen mit Behinderungen gehören in unsere Realität und unseren Alltag. Die Autoren haben einen spannenden und stimmigen Charakter entwickelt, bei dem wir klischeefrei und unaufgeregt miterzählen, welche Herausforderungen ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, zu bewältigen hat. Wenn es uns dabei gelingt, ein positives Bild und Normalität zu vermitteln, dann ist das im Sinne der Aufklärung und Selbstverständlichkeit und im Sinne aller, die dieses ORF/ZDF-Erfolgsformat mitverantworten dürfen. In der Fiktion ist nicht die Behinderung das Thema und auch nicht eine Sonderstellung der Menschen mit Behinderungen zu unfehlbaren Helden oder aber der Blick auf Opfer. Die Inklusion wird abgebildet, weil sie Teil des Lebens ist.“

Die Story

Das gefesselte und übel zugerichtete und Opfer war mal Staatsanwalt in Salzburg, anschließend in Deutschland Anlageberater, nein – wohl eher ein Anlagebetrüger mit ziemlich vielen Feinden. Als Mörder kommen mehrere Personen in Frage: geschädigte Anleger, die Ehefrau, von der sich Holzer scheiden lassen wollte, ein idealistischer Anwalt sowie ein Geschäftspartner, der für den Toten als Strohmann fungierte. Dummerweise liegt die Leiche zwar auf österreichischem Grund, ist aber nur von bayerischer Seite aus zugänglich.

Das macht die Ermittlungsarbeit für den neuen Salzburger Polizeimajor Peter Palfinger (Florian Teichtmeister) nicht gerade leichter, zumal sein Chef, Hofrat Alfons Seywald (Erwin Steinhauer), das Ganze als einen Jagdunfall aussehen lassen möchte. Während Palfingers neue Kollegin Irene Russmeyer (Fanny Krausz) ihm beiseite steht, ist sein bayerischer Kollege Hubert Mur (Michael Fitz) nicht unbedingt ein Meister der Feinfühligkeit: Am Tatort begrüßt er den Kollegen, der im Rollstuhl sitzt, mit den Worten: „Was, der Rollmops ist Euer Neuer?“

Die Rollmops-Frage

Darf man so flapsig mit einem Rollifahrer sprechen? Na klar – unter Rollstuhlfahrern ist das kein Thema. Aber in der Öffentlichkeit und auf dem Bildschirm? Schauspieler Fitz wurde genau das gefragt und antwortete:

„Ich habe mal einen Film gemacht mit behinderten Kindern. In Deutschland kann man sowas nur ganz ernsthaft und politisch korrekt oder sagen wir, relativ korrekt machen. Viele Leute, auch behinderte Menschen haben mir – in Bezug auf die Figur Mur – gesagt, wie wunderbar befreiend das ist, wenn endlich mal dieses Tabu weggeschoben und Platz geschaffen wird für die Realität. Ja, so wird geredet und ja, jemand der als Kommissar im Rollstuhl an den Tatort kommt, wird unter Umständen so behandelt. Wenn die Tatsachen auf den Tisch kommen, dann ist das eine andere Basis und der bessere Weg.

Als ich den Vater eines schwerstbehinderten Kindes gespielt habe, war das für mich dahingehend eine Offenbarung. Seither bin ich auf diesem Gebiet aktiv, setze mich für Inklusion ein, stelle meine Nase zum Beispiel dem ,Paritätischen Wohlfahrtsverband‘ zur Verfügung. Da gibt einen ,Preis für Inklusion‘, der vom Paritätischen und von diversen Stiftungen vergeben wird. Mit Inklusion muss man in Schulen anfangen. Wenn Kinder inklusiv aufwachsen, ist das für sie Normalität und sie werden später als Erwachsene ganz selbstverständlich in allen Bereichen mit behinderten Menschen zusammenleben, zusammen arbeiten und was auch immer machen.

Aber zurück zum ,Rollmops‘ im Krimi. Die Frage ,kann man und darf man das‘ muss man klar mit Ja beantworten, denn es ist einfach eine Realität, dass man erst mal darüber amüsiert – oder befremdet – ist, dass der Kollege im Rollstuhl sitzt. Die Betroffenen selbst sagen klar, man soll sie bitte ganz normal behandeln, wie alle anderen Kollegen. Bloß kein Mitleid.“

Schauspieler Michael Fitz ist über seinen Beruf zum Thema Inklusion gekommen. (Foto: dpa)

Schauspieler Michael Fitz ist über seinen Beruf zum Thema Inklusion gekommen. (Foto: dpa)

Ein Ermittler im Rollstuhl

Das Thema Behinderung spielt durchgehend eine Rolle im Film. Gleich zu Beginn in einem gemütlichen Café – als Palfinger dort im Rollstuhl auftaucht – sagt der Herr Hofrat zu ihm: „Tut mir leid, ich spende nichts“, um gleich darauf zu betonen, dass es Diskriminierung bei der Salzburger Polizei natürlich nicht gebe.

Palfinger selbst hadert überhaupt nicht mit seiner Behinderung, sondern steht (oder besser: sitzt) ihr ziemlich selbstironisch gegenüber. So sagt er zu seinem Bruder Sebastian (Simon Hatzl): „Ich hab‘ eine Abneigung gegen professionelles Mitleid“. Dazu sei angemerkt, dass er der Sekretär des Erzbischofs ist und natürlich viel mehr weiß, als er sollte. Der Zuschauer erfährt immerhin, dass der junge Kommissar seit einem Unfall beim Gleitfliegen ein Jahr zuvor querschnittsgelähmt ist.

Absurd, wie viel ein Rollstuhl ändert

Der Fernsehfilm wird bei manchen Behindertenaktivisten wieder die Beschwerde auslösen, dass in Filmen behinderte Menschen nur von behinderten Schauspielern dargestellt werden müssen. Unabhängig davon spielt der 36-jährige Teichtmeister („Das Attentat – Sarajevo 1914“) den Ermittler im Rollstuhl souverän, einerseits forsch, andererseits zurückgenommen. Man sieht ihn, wie er sich in sein Cabrio hineinhievt, wie er munter und selbstbewusst durch die Gassen mit viel Kopfsteinpflaster und ein Sportstudio mit vielen gaffenden Menschen rollt, und wie souverän er bösen Worten wie „Krüppel“ und „Schade, dass Du Dir nicht mehr den Hals brechen kannst“ begegnet.

Als Vorbereitung auf seine Rolle war Teichtmeister zwei Wochen lang mit dem Rollstuhl in Wien unterwegs und sagt dazu im Interview (siehe unten): „Erstaunlich war dabei für mich, wie viele Menschen glauben, sich irgendwie speziell verhalten zu müssen, nur weil da einer im Rollstuhl daherkommt und nicht auf einem Skateboard oder zu Fuß. Es ist absurd, dass das Mittel der Fortbewegung so viel verändert.“

Nebenher ein bisschen Aufklärung

Der Krimi des österreichischen Autors und Regisseurs Erhard Riedlsperger (55, „Soko Wien“) ist eher konventionell und behäbig erzählt. So mancher Dialog „Ihr Gatte war der Strohmann, und Sie dann also die Strohwitwe“) kommt recht platt daher. Der Mordfall – die gar nicht so traurige Witwe des Opfers spielt eine größere Rolle – wird ziemlich vorhersehbar gelöst. Aber immerhin sorgen die stimmungsvolle Musik von Dominik Giesriegl und die gute Kamera von Kai Longolius für einige unterhaltsame Momente – ebenso wie die deutsch-österreichischen Kabbeleien.

Die vielen Raben hätte es allerdings nicht gebraucht, um drohendes Unheil zu verkünden. Als Entschädigung kommen auch die Salzburger Festspiele („Jedermann“) vor, und so wird dem Zuschauer viel Lokalkolorit serviert. Und ganz nebenbei zeigt der Film relativ unaufgeregt und selbstverständlich, welchen Herausforderungen ein Mensch im Rollstuhl sich täglich stellen muss.

„Ich war zwei Wochen mit Rollstuhl in Wien unterwegs“

Interview mit Florian Teichtmeister. Die Fragen stellte Margit Preiss.

V.l.n.r.: Fanny Krausz, Florian Teichtmeister und Michael Fitz ermitteln in „Die Toten von Salzburg“. (Foto: Hubert Mican/ZDF)

V.l.n.r.: Fanny Krausz, Florian Teichtmeister und Michael Fitz ermitteln in „Die Toten von Salzburg“. (Foto: Hubert Mican/ZDF)

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Gibt es Erfahrungen im privaten oder beruflichen Umfeld? Ist man Ihnen anders begegnet?

Zur Vorbereitung habe ich mich zunächst mit Dingen beschäftigt, die Menschen lernen, die dabei sind, sich auf ein Leben mit Rollstuhl einzustellen. Welche Vorgänge in meinem Alltag muss ich adaptieren, wie zieht man sich selbst wieder in den Rolli, wie sollte man, wie in meinem Fall aus Übermut, einmal stürzen – also eigentlich alles Dinge, die den Alltag dann mitbestimmen. Dabei hatte ich wunderbare Unterstützung durch Fachleute und Freunde, die mit Rollstuhl durchs Leben fahren. Dann war ich im Anschluss beinahe zwei Wochen mit einem Rollstuhl in Wien unterwegs.

Erstaunlich war dabei für mich, wie viele Menschen glauben, sich irgendwie speziell verhalten zu müssen, nur weil da einer im Rollstuhl daherkommt und nicht auf einem Skateboard oder zu Fuß. Es ist absurd, dass das Mittel der Fortbewegung so viel verändert. Aber ich bin, bei aller Vorbereitung und Empathie, nur ein Schauspieler, man sollte diese Fragen an Menschen richten, die tatsächlich jeden Tag im Rollstuhl verbringen.

Laut deutschen und österreichischen Vorschriften ist es bisher ausgeschlossen, als Ermittler bei der Polizei im Rollstuhl arbeiten zu können. Könnte Ihre Rolle und der Film durchaus als politisches Signal zu diesen Vorschriften gesehen werden?

Es ist laut der österreichischen Vorschriften so gut wie unmöglich, als Polizist im Rollstuhl Außendienst zu versehen. Und natürlich liegen die vordergründigen Schwierigkeiten einer solchen Aufgabe auf der Hand. Auf der anderen Seite lässt man so ein gewisses Potential ungenutzt, die Stichworte lauten da „Out of the Box“ und „Diversity“. Es gab auch nach Ausstrahlung in Österreich keine öffentliche Diskussion darüber. Ich bin allerdings gar nicht sicher, ob das Ziel in einer öffentlichen Diskussion liegen muss oder ob der Film nicht jeden Zuseher direkt zur Beschäftigung mit seinem eigenen Bild vom „Rollstuhlfahrer“ und seinen Vorurteilen ihm gegenüber einladen soll. Ein Rolli-Fahrer gleicht einem anderen genauso wenig, wie ein Geher dem anderen.

Die beiden Kollegen gehen nicht übermäßig freundlich miteinander um – gemäß dem Klischee „typisch deutsch“ und „typisch österreichisch“.

Auch wenn es sehr verführerisch scheint, den Konflikt zwischen Mur und Palfinger auf ein Österreich/Deutschland-Konflikt zu reduzieren, so muss man doch ehrlicherweise auch fragen: Was unterscheidet denn zum Bespiel einen Bayern von einem Berliner? Denn die sind beide Deutsche und pflegen doch wohl nicht zuletzt aus dieser Gemeinsamkeit heraus mit umso größerer Hingabe ihre Unterschiede. Und so verhält es sich auch mit diesen beiden Kollegen, die aber sogar über die Landesgrenze hinweg eines vereint: eine Hingabe zu Ihrem Beruf und der Wunsch, einen Verbrecher zu schnappen. Dass die beiden einen auf den ersten Blick nicht gerade freundlichen Umgang pflegen, ist vielleicht sogar eine bayrisch-österreichische Form der Liebeserklärung? Urteilen Sie selbst.

Der flapsige Umgang scheint nichts mit dem Rollstuhl zu tun zu haben. Zeigt sich darin, dass es irgendwann selbstverständlich werden kann?

Ich hoffe, dass der Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen für uns alle selbstverständlich ist oder zumindest baldigst wird. Man kann das aber nicht wie selbstverständlich voraussetzen, man muss den Menschen Erfahrungen ermöglichen und Hemmungen und Ängste abbauen helfen. Interessant ist, dass Rollstuhlfahrer wohl manchmal viel ernster genommen werden, als sie sich das wünschen. Ich meine damit, dass im Umgang mit Menschen mit anderen Bedürfnissen manchmal eine schier unerträgliche Ernsthaftigkeit im Raum steht, deren Ursache wohl einzig in der Unsicherheit und Erfahrungsarmut der Menschen ohne Behinderung liegt.

Paragliding ist ein Adrenalin-Sport. Haben Sie auch riskante Hobbies als Ausgleich zum Beruf?

Die riskanten Hobbies begleiten mich schon seit der Zeit, da ich noch kein Schauspieler war und ich habe sie mir auch durch den Beruf nicht nehmen lassen. Das Glück, die Freiheit und das bewusste „Er-Leben“, das ich beim Fallschirmspringen, Motorradfahren oder Klettern finde, füllt das Reservoir, aus dem sich meine Figuren bedienen können. Die „riskanten“ Sportarten sind in diesem Sinne für mich kein Ausgleich, kein Gegengewicht, sondern ein Motor, eine Tankstelle für das kreative Zentrum.

(RP/PM/Klaus Braeuer/dpa)

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3 Kommentare

  • Uwe Schneider

    Ja! Ich bin auch ein Rollmops!

    25. September 2016 at 20:10
  • Sammy

    hab ihn gestern gesehen und fand ihn ganz gut, endlich mal ein Rollstuhlfahrer (in einer Hauptrolle) der nicht auf Mitleid macht/ausgelegt ist

    27. September 2016 at 07:50
  • Handbiker

    Mir ist wichtig das der Rollstuhl in den Medien als echte Hilfe und nicht als Lebensqualitätbremse dargestellt wird. Schließlich hat der Mensch die Behinderung und nicht der Rollstuhl. Der Darsteller könnte zwar noch ein bisschen mehr Rolli fahren lernen, aber im Großen und Ganzen ging der Film schon in die richtige Richtung. Das zeigen von Alltagsselbstständigkeit erhöht die Wertschätzung und veringert das Mitleid.

    27. September 2016 at 10:45

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