Was die Paralympics für Brasilien bedeuten

Das südamerikanische Land will eine der Top-5-Nationen im Behindertensport werden – mit deutscher Unterstützung. Von Georg Ismar

Jeter de Freitas, der Leiter eines Kurses für angehende Behindertensport-Trainer, hofft auf einen positiven Paralympics-Effekt. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Jeter de Freitas, der Leiter eines Kurses für angehende Behindertensport-Trainer, hofft auf einen positiven Paralympics-Effekt. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Der Alltag sieht manchmal so aus: Die Metro hält, 20 Zentimeter Unterschied zwischen Einstieg und Bahnsteigkante. Das ist mit einem Rollstuhl nicht zu schaffen. Aufzüge, Rampen oder abgesenkte Bordsteinkanten? Oft Fehlanzeige. Entsprechend selten sind Rollstuhlfahrer in Rio de Janeiro zu sehen. Daher kommen die ersten Paralympics in Südamerika wie gerufen. Es tut sich was in Brasilien, das fängt schon bei der Ausbildung von Behindertensport-Lehrern an.

Unterrichtsmodule aus Deutschland

An einem Samstag in Rio: 55 Sportlehrer, Fitnesstrainer und Physiotherapeuten büffeln in einem Kurs für eine Zusatzqualifikation als Behindertensport-Trainer. Die Unterrichtsmodule wurden von der Deutschen Sporthochschule in Köln entwickelt und ins Portugiesische übersetzt – Köln ist übrigens die Partnerstadt Rio de Janeiros. Das Ausbildungsprogramm Pulsar wird mit 300.000 Reais (82.000 Euro) von der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer gefördert.

Der kostenlose Kurs soll später auch an Universitäten Anwendung finden. Dabei geht es in neun Modulen mit 120 Unterrichtsstunden um Grundlagen in Sportarten für Menschen mit körperlichen Behinderungen, Hör- oder Sehschäden. Aber auch um Themen wie die richtige Ernährung.

Die Teilnehmer lernen zum Beispiel, wie man ohne Beine schwimmen kann – und wie hierfür das richtige Training aussieht. Und in einer Pause steht ein Praxistest im „Goalball“ an. Wie kann es anders sein, das ist in Brasilien eine der beliebtesten Behindertensportarten.

Die Kursteilnehmer setzen sich abgedunkelte Brillen auf, Bälle werden mit viele Tempo in ihre Richtung gerollt, sie müssen versuchen, den Ball zu halten. Durch ein kleines Glöckchen im Ball können sie die Richtung des Balles erahnen. Bei dieser Ballsportart für Blinde holte Brasiliens Männerteam 2012 in London Silber. „Wir sind noch nicht sehr viele Behindertensport-Lehrer in Brasilien“, sagt einer der Referenten in dem Kurs, Jeter de Freitas. Er hofft auf eine Trendwende. „Die Paralympics sind eine große Chance, hier ein Umdenken zu erzeugen, Druck für Verbesserungen zu erzeugen.“ Auch im Alltag: „Es fehlt an einer behindertenfreundlichen Infrastruktur.“

Goalball: Die Teilnehmerin eines Ausbildungskurses für Behindertensport-Trainer spielt mit abgedunkelten Brillen, um die Blinden-Sportart selbst zu erfahren. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Goalball: Die Teilnehmerin eines Ausbildungskurses für Behindertensport-Trainer spielt mit abgedunkelten Brillen, um die Blinden-Sportart selbst zu erfahren. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Ein brasilianischer Michael Phelps

Was wenig bekannt ist: Brasilien ist eine aufstrebende Macht im Behindertensport. Das Paralympische Komitee (CPB) hat als Ziel Platz fünf im Medaillenspiegel bei den Wettkämpfen vom 7. bis 18. September ausgegeben. Nachdem dank einer Finanzspritze von Regierung und Stadt von bis zu 80 Millionen Euro die Finanzierung zwar gesichert ist, hoffen die Organisatoren, dass auch das Interesse weiter anzieht.

Insgesamt stehen knapp 2,4 Millionen Tickets zur Verfügung. Nach dem in Rio als Erfolg empfundenen Verlauf der Olympischen Spiele zog der Verkauf deutlich an, vor allem Familien sollen mit reduzierten Preisen angelockt werden. Die Hoffnung: dass die Spiele auch der besseren Integration von Menschen mit Behinderung im Alltag dienen.

2012 in London landete Brasilien auf Platz 7 im Medaillenspiegel, deutlich besser als damals der 22. Platz bei den Olympischen Spielen. Der größte Medaillenbringer ist die Leichtathletik, hier hat Brasilien nach Angaben der Nachrichtenagentur Agência Brasil seit 1984 109 Medaillen gewonnen. Im 5er-Fußball, wo Blinde gegeneinander antreten und der Ball ähnlich wie beim Goalball akustische Signale liefert, hat Brasilien seit 2004 immer Gold gewonnen. Der Wettbewerb wird im Tennis-Stadion im Olympiapark im Stadtteil Barra ausgetragen.

Und im Schwimmen haben sie mit Daniel Dias einen brasilianischen Michael Phelps. Der mit Fehlbildungen an Armen und Beinen zur Welt gekommene 28 Jahre alte Dias gewann in Peking 2008 und London 2012 insgesamt elf Goldmedaillen. Für die Spiele in der Heimat bereitete er sich extra in der Höhe der spanischen Sierra Nevada vor, er hat für seine Leistungen auch schon den Sport-Oscar, den Laureus Award bekommen. Brasilianer entscheiden sich auch beim Ticketkauf oft auf den letzten Drücker – die Organisatoren hoffen auf eine volle Arena wenn er schwimmt. Das haben die Olympischen Spiele gezeigt: Gerade wenn Brasilianer um Gold kämpfen, ist die Stimmung enthusiastisch.

(dpa)

Zum ROLLINGPLANET-Special Paralympics Rio 2016
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