Was eigentlich ist Tinnitus – und welche Therapien helfen?

Der Leidensdruck kann enorm sein, auch weil Familie und Freunde oft nicht nachvollziehen können, was die Betroffenen so quält. Von Eva Dignös

Prominentes Tinnitus-Opfer: Der Sänger Rea Garvey leidet seit 2006 an einem Ohrensausen  (Foto: Peter Steffen)

Prominentes Tinnitus-Opfer: Der Sänger Rea Garvey leidet seit 2006 an einem Ohrensausen (Foto: Peter Steffen)

Am schwersten ist Stille zu ertragen. Denn dann ist nur noch der Tinnitus da. Dieses Geräusch im Ohr, für das es keine Schallquelle gibt und dessen Entstehung der Wissenschaft Rätsel aufgibt. „Wir kennen zwar mittlerweile eine Reihe von Auslösern für einen Tinnitus, aber die genauen Entstehungsmechanismen sind noch nicht komplett geklärt“, sagt Prof. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums des Universitätsklinikums Charité in Berlin.

„Tinnitus ist ein Symptom, eine Fehlfunktion, keine eigene Krankheit“, erklärt die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Lärm kann das Pfeifen, Brummen oder Summen im Ohr ebenso auslösen wie eine Durchblutungsstörung im Innenohr oder eine Blockade an der Halswirbelsäule. Dadurch gerät irgendwo auf dem Weg vom Ohr zum Gehirn die Kommunikation zwischen den Nervenzellen aus dem Takt.

Höreindrücke werden falsch weitergegeben oder verselbstständigen sich. Störende Geräusche werden nicht mehr gefiltert oder Nervenzellen reagieren besonders sensibel, um eine Schwerhörigkeit nach einem Hörsturz auszugleichen.

Wann zum Arzt gehen?

Auch Stress spielt eine Rolle. „Je emotional erschöpfter ein Mensch ist, desto häufiger ist eine Hörminderung und desto häufiger tritt ein Tinnitus auf“, sagt Mazurek. Zugleich verändert sich bei Stress die Bewertung von Geräuschen im Gehirn: Was sonst überhört wird, erscheint plötzlich bedrohlich. „Gefährdet sind vor allem Menschen, die Lärm und Stress ausgesetzt sind, viel Verantwortung tragen und oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben“, ist auch die Beobachtung von Klaus Hausmann, Gründer und Leiter der Tinnitus-Selbsthilfegruppe in Celle.

Untersuchung des Innenohres im Tinnituszentrum der Berliner Charite. (Foto: Jochen Eckel dpa/lnw)

Untersuchung des Innenohres im Tinnituszentrum der Berliner Charite. (Foto: Jochen Eckel dpa/lnw)

Nicht jeder Tinnitus wird chronisch. Oft verschwindet das Geräusch im Ohr wieder. Ein ernstzunehmendes Symptom ist es allemal. „Hält es einen Tag lang an, sollte der Betroffene immer zum HNO-Arzt gehen“, sagt Mazurek. Manchmal liegt eine Entzündung vor, die mit Kortison behandelt wird, manchmal helfen durchblutungsfördernde Infusionen.

„70 bis 80 Prozent der akuten Ohrgeräusche bilden sich wieder zurück“, sagt Mazurek. Auch der Patient selber könne mithelfen. „Wichtig ist, Ruhe zu bewahren, sich abzulenken, um einer Verstetigung der Geräusche vorzubeugen.“ Hausmann von der Selbsthilfegruppe empfiehlt Ratsuchenden mit akutem Tinnitus oft, Dinge zu tun, die Freude bereiten und gut tun.

Wann ist ein Tinnitus chronisch?

Hält ein Ohrgeräusch drei Monate lang an, gilt der Tinnitus als chronisch. Viele Betroffene haben da schon eine Odyssee durch verschiedene Arztpraxen hinter sich. „Ich war bei so vielen Ärzten, aber die sagen, dass man nichts machen kann“ – das ist eine Aussage, die Hausmann oft hört. Tinnitus-Patienten passen nicht in das Behandlungsraster vieler Praxen: „Man muss ihnen die Angst nehmen, das kostet sehr viel Zeit.“ Rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an einem chronischen Tinnitus.

Das Gefühl, bei der Schulmedizin keine Hilfe zu finden, lässt viele Betroffene auch alternative Therapien ausprobieren, deren Nutzen zum Teil sehr umstritten und deren Wirksamkeit oft in keiner Weise erprobt ist. „Es gibt sehr viele unseriöse Angebote auf dem Markt“, sagt Prof. Gerhard Goebel, Vizepräsident der Deutschen Tinnitus-Liga und Sprecher des fachlichen Beirats der bundesweit tätigen Selbsthilfeorganisation. Er rät Betroffenen deshalb, den Therapeuten zu fragen, ob er entsprechend den von einer wissenschaftlichen Kommission erstellten Leitlinien zur Tinnitusbehandlung arbeitet.

Retraining-Therapie empfohlen

Bei einem chronischen Tinnitus gilt derzeit die sogenannte Retraining-Therapie als die erfolgversprechendste Methode. Sie kombiniert verschiedene Bausteine wie Hörtraining, Verhaltenstherapie, Entspannungsmethoden und umfassende Aufklärung über die Mechanismen, die den Tinnitus entstehen lassen. Ziel ist, dem Pfeifen, Brummen oder Rauschen seine Bedeutung zu nehmen. „Das Ohrgeräusch wird durch die Retraining-Therapie nicht weggehen. Aber der Patient merkt, dass er es aktiv beeinflussen kann“, sagt Mazurek.

Das Training erfordert Geduld: „Mit ein bis zwei Jahren muss man rechnen“, sagt die Tinnitus-Expertin. „Es bringt nur dann etwas, wenn der Patient die Strategien selbst ständig trainiert.“ Ob der chronische Tinnitus erst seit kurzem oder schon seit Jahren besteht, spielt dagegen keine Rolle. Gute Ansprechpartner sind spezialisierte Tinnituszentren oder -kliniken. „Allerdings sind die Wartezeiten zum Teil sehr lang“, ist Hausmanns Erfahrung.

Ihn selbst begleitet der Tinnitus seit bald 15 Jahren. Mittlerweile arbeitet er auch als Therapeut für Retraining- und Hörtherapie. „Es ist ein mühsamer Weg mit vielen Tiefs, aber man kann lernen, mit Tinnitus zu leben“, sagt er. Noch besser ist es natürlich, wenn es erst gar nicht so weit kommt. Das ist der Tenor seiner Vorsorgeveranstaltungen.

Zum Beispiel in Schulen versucht er, Jugendliche für das „Hin-Hören“ und „Zu-Hören“ zu sensibilisieren. Denn am Anfang eines Tinnitus steht oft einfach zu viel Lärm: „Kopfhörer, die direkt im Ohr stecken, geben den Schall unmittelbar in den Hörkanal“, sagt Tinnitus-Experte Goebel, „die empfindlichen Haarzellen im Innenohr mögen das überhaupt nicht.“

(dpa)

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