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Was es bedeutet, mit bipolaren Störungen zu leben

„Alles war kaputt“, erzählt Martin Kolbe. Doch nun hat er die Krankheit im Griff und macht anderen Betroffenen Mut.

Martin Kolbe (Pressefoto: Uwe Granzow)

Martin Kolbe (Pressefoto: Uwe Granzow)

Am 30. März ist Welt-Bipolar-Tag. – Voller Power, dann wieder ohne jeden Antrieb: So leben Menschen mit sogenannten Bipolaren Störungen. Im Laufe des Lebens kann die Krankheit bei Betroffenen zwar immer wieder auftreten. Mit Medikamenten und der richtigen Therapie lässt sich aber gegensteuern.

Als er im Jahr 2003 am Tiefpunkt angekommen war, hatte die Krankheit Martin Kolbe schon mehr als zwei Jahrzehnte begleitet wie ein dunkler Schatten. Seine Ehe war zerbrochen, Schulden hatten sich angehäuft. „Alles war kaputt“, sagt Kolbe heute. Der Musiker litt an Bipolaren Störungen.

Im Jahr 1979 ging es los, da war Kolbe 22 Jahre alt. Doch erkannt wurde die Krankheit erst viel später, wie bei so vielen Menschen. „Adoleszenzkrise“, meinten die Ärzte damals zu ihm, als er in einer psychiatrischen Klinik behandelt wurde. Für Kolbe klang das naheliegend. Doch in den Jahren darauf kamen immer neue Einbrüche. Acht Jahre später bekam er die Diagnose: Bipolare Störungen. Einen Vorwurf will er den Ärzten nicht machen: „Meist muss man ein paar Episoden durchgemacht haben, bevor die Periodik erkennbar wird.“

Depressiv und manisch

Bipolare Störungen verlaufen in depressiven und manischen Phasen. Während der Depressionen sind Betroffene bedrückt, antrieblos und sehen keine Perspektive. Ganz anders während einer Manie: „Dann könnten sie die ganze Welt umarmen“, sagt Prof. Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uni-Klinikums Frankfurt. Sie seien voller Energie und optimistisch, benötigten kaum Schlaf. Sie können auch aggressiv werden und gehen unbedacht Risiken ein. Leichtsinnige Geldausgaben zum Beispiel sind typisch.

Davon kann auch Kolbe erzählen: Einmal saß er während einer manischen Phase im Hotel „Bayerischer Hof“ in München. Fünf-Sterne-Haus, beste Lage im Zentrum. „Ich dachte einfach, dass mir das jetzt zusteht“, sagt er rückblickend. Leisten konnte er sich das eigentlich nicht. Die Schwierigkeit sei, eine Manie als Problem zu erkennen, erklärt Kolbe. Man fühle sich so euphorisiert, wie auf „Kokain hoch Zehn“.

Sieben bis acht Phasen haben Betroffene durchschnittlich in ihrem Leben. Die manischen dauern zwei bis drei, die depressiven fünf bis sechs Monate. „Dazwischen sind die Menschen gesund“, sagt Reif. Doch er betont auch: Das sind Durchschnittswerte. Die Krankheit verlaufe bei jedem Einzelnen individuell. Die Phasen wechseln unterschiedlich oft, dauern unterschiedlich lang und sind unterschiedlich heftig.

Eine rasche Diagnose ist wichtig

Rund ein Prozent der Bevölkerung leiden dem Professor zufolge an Bipolaren Störungen – also einer von 100 Menschen in Deutschland. Das sei „konservativ“ geschätzt, sagt Reif. Viele bipolare Störungen blieben lange unerkannt. Gründe sieht Reif unter anderem im geringen Wissen um diese Krankheit: „Viele Patienten brauchen sehr lange, bis sie zum Arzt gehen.“ Dabei ist gerade eine rasche Diagnose wichtig: Je früher man behandelt, desto besser seien die Aussichten. Lithium etwa sei ein Medikament, dass bei rund einem Drittel der Patienten wirke und die Krankheit gewissermaßen „abschaltet“, so Reif.

Zur Behandlung erweise sich eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie als besonders wirksam – und zwar nicht nur während einer Phase, sondern auch darüber hinaus, sagt Tomislav Majic von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin. Das gelte auch für Medikamente, deren Dosis während der Behandlung einer Phase höher ist und danach entsprechend reduziert wird.

Eine „Lifetime-Diagnose“

Bipolare Störungen zählen laut Majic zu den „Lifetime-Diagnosen“. Das bedeutet: Man hat sein Leben lang ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut an einer Manie oder Depression zu erkranken. Andererseits ist es Majic zufolge durchaus möglich, dass Betroffene trotz einiger manischer und depressiver Phasen irgendwann für lange Zeit nicht mehr erkranken.

Die meisten Menschen erkranken im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Suizidrate unter Betroffenen sei so hoch wie bei keiner anderen psychischen Erkrankung, sagt Reif. Am Uni-Klinikum in Frankfurt wird zu Bipolaren Störungen geforscht. Dafür wird auch eine App genutzt: Im April soll eine neue Anwendung in Frankfurt sowie an weiteren Forschungsstandorten an 200 Probanden getestet werden. Sie misst passiv Daten, indem sie Bewegungs- und Sprachmuster erstellt. So wollen Forscher erkennen, wann und wie sich Phasen ankündigen.

Ein Frühwarnsignal für eine Phase sind laut Majic Schlafstörungen. „Bei einer Depression sind Betroffene häufig früh wach und haben ein Morgentief.“ Bei einer Manie schlafen sie mitunter gar nicht und sind dennoch voller Kraft und Tatendrang. Generell können Stimmungsschwankungen ein Anzeichen sein. Betroffene sollten solche Anzeichen nicht ignorieren. Schnelle Hilfe gebe es bei Psychiatern, in Kliniken oder in Institutsambulanzen, sagt Majic.

Zusammenhang von Krankheit und Kreativität

Wer schon Depressionen hat, besitzt ein höheres Erkrankungsrisiko. Häufig sind Bipolare Störungen genetisch bedingt. Es gebe außerdem einen statistischen Zusammenhang zwischen Krankheit und Kreativität, erklärt Reif. Martin Kolbe reiht sich als Musiker in das Schema ein: In den 1970er und 1980er Jahren war er Teil des Gitarrenduos „Kolbe & Illenberger“, spielte mehr als 1000 Konzerte in 40 Ländern. Bis es 1987 nicht mehr weiterging. 25 Jahre musste seine Karriere ruhen, bis er vor einigen Jahren wieder die Kraft fand, kreativ zu sein.

In einem vor drei Jahren veröffentlichten Album verarbeitet Kolbe seine Erfahrungen mit der Krankheit. Er will aufklären und ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS). Zuletzt initiierte Kolbe zusammen mit anderen betroffenen Künstlern ein Musik- und Literaturevent zum Welt-Bipolar-Tag am 30. März in Frankfurt (ROLLINGPLANET berichtete). Weitere Events sind im Herbst in Berlin und Neubrandenburg geplant. Zwar geht es um die Krankheit, aber vor allem um Unterhaltung, sagt Kolbe: „Das soll kein schwerer Abend sein.“

Martin Kolbe kann mit der Erkrankung leben. Seit 2003 ist er von neuen Phasen verschont geblieben. Er kann gut in sich hineinhorchen und weiß, wie er Rückfälle vermeidet. Viele schaffen es jedoch nicht zurück in die Spur – „die fahren ihr Leben an die Wand.“ Häufig ziehen sich Freunde und Familie zurück, weil sie den Menschen einfach nicht mehr erreichen und seine Launen nicht mehr aushalten können. Diese Menschen, sagt Kolbe, sterben dann einen „sozialen Tod“.

(dpa/tmn)

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