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Was ist denn da los? Bei der Lebenshilfe kracht es mächtig

Ausflug einer Lebenshilfe-Gruppe (Foto: Presse)


Jeder gegen jeden: Bei der Selbsthilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Familien ist der vorweihnachtliche Frieden mehr als gestört. Im nordrhein-westfälischen Troisdorf tobt ein hässlicher Führungskampf, in Spremberg (Brandenburg) wehrt sich ein Sozialarbeiter gegen den Verein.

Am vergangenen Freitag ist der Versuch, in Troisdorf (zwischen Bonn und Köln gelegen) einen seit Monaten schwelenden Streit um den Vorsitzenden aus der Welt zu schaffen, missglückt. Für die nicht-öffentliche Mitgliederversammlung waren Neuwahlen des Vorstandes angekündigt worden. Diese ist – aus bislang nicht eindeutig geklärten Gründen – ausgefallen. Damit bleibt der Vorstand der Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen im Rhein-Sieg-Kreis rrh. e.V. weiter im Amt – vorläufig zumindest.

Der Alte soll weggeputscht werden

Der 75-jährige Vereinsvorsitzende Herbert Manz gilt als Mann mit großen Verdiensten. Doch nun möchte ihn einige loswerden, allen voran sein Vorstandskollege Klaus Ringhof. Grund: Manz habe sich zu sehr in die Belange der Rhein-Sieg-Werkstätten gGmbH eingemischt, deren alleiniger Hauptgesellschafter die Lebenshilfe ist. Die gemeinnützige Gesellschaft beschäftigt 1100 behinderte und 300 nichtbehinderte Mitarbeiter.

Ringhof attackiert seinen Vorsitzenden: Die Beschäftigten wüssten nicht, wie es weitergehe, sie hätten Angst, etwas zu sagen, und Angst um ihren Arbeitsplatz. „Jeder, der dem Vorsitzenden nicht zu Willen ist“, werde „abgestraft“. Auslöser für die Vorwürfe ist ein Machtkampf zwischen Manz und dem im Juli 2010 eingestellten Geschäftsführer der Rhein-Sieg-Werkstätten, Hartmut Treder. Ende September 2011 erhielt dieser die Kündigung zum Jahresende – verbunden mit der sofortigen Freistellung. Manz soll wiederholt in die Geschäftsführung der Werkstätten eingegriffen haben. Zum endgültigen Bruch sei es gekommen, als Treder sich geweigert habe, eine Mitarbeiterin auf Verlangen von Manz zu entlassen. Nun will Treder gegen seine Kündigung klagen.

Strafanzeige gegen Manz wegen Untreue

Manz verteidigt sich: „Das Klima ist in Ordnung, bei uns wird niemand entlassen, da braucht auch keiner Angst haben.“ Ringhof unterstellt er „Bösartigkeit“. Bodo Rosner, Vorsitzender des Betriebsrats der Rhein-Sieg-Werkstätten, kommt Manz zu Hilfe: „Ein Klima von Angst und Schrecken könnte ich nicht bestätigen.“ Die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung sei bislang sehr harmonisch. „Wie weit der Arm des Vorstands in die Werkstatt hineinreicht“, könne er allerdings nicht beurteilen.

Erste Ermittlungen wegen des Tatvorwurfs der Untreue hat die Staatsanwaltschaft Bonn aufgenommen. Ein Behördensprecher bestätigte den Eingang einer Strafanzeige gegen den Vereinsvorsitzenden Herbert Manz. Dabei gehe es um Geldtransfers zwischen den Rhein-Sieg-Werkstätten und dem Verein. „Die Staatsanwaltschaft prüft das mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln“, so die Behörde.

20 Jahre lang vorbildlich gearbeitet – dann rausgeworfen

Juristen müssen auch in Spremberg, 20 Kilometer von Cottbus entfernt, ran. Dort führt die Lebenshilfe einen hässlichen Streit gegen einen früheren Mitarbeiter – möglicherweise, weil dieser einen Betriebsrat initiieren wollte.

20 Jahre lang hatte Markus Weiß bei der Spremberger Lebenshilfe den Jugendklub „Null Problemo“ betreut. Probleme hat der Sozialarbeiter nun mehr als genug. Ihm wurde mit der Begründung gekündigt, dass er vor einer Gruppenfahrt in die Türkei mehreren Teilnehmern ein falsches Alter zuordnete. Doch nach den Worten seines Rechtsanwalts Volker Thummerer spielt bei diesem Konflikt ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle. So habe Geschäftsführer Jörg Paukstadt nach einer von Markus Weiß initiierten Betriebsratswahl gesagt: „Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt.“

Lebenshilfe bleibt unnachgiebig

Kollegen waren Weiß vergeblich beigesprungen. In Facebook hatten sie eine Solidaritätsseite eingerichtet und in einem offenen Brief geschrieben: „Wir, die Jugendsozialarbeiter der verschiedensten Einrichtungen der Stadt Spremberg, mussten zur Kenntnis nehmen, dass unserem langjährigem Kollegen Markus Weiß zum Ablauf des Jahres 2011 aus innerbetrieblichen Gründen gekündigt wurde. Diese Entscheidung des Trägers bedauern wir außerordentlich und wünschen uns dass dieser Schritt noch einmal überdacht wird. Integrative Jugendsozialarbeit wie sie im Jugendclub ’nullproblemo‘ geleistet wird, ist regional einzigartig und unbestritten von allen Seiten inhaltlich wie fachlich hoch geschätzt. Diese Arbeit steht aber auch in einem untrennbaren Zusammenhang mit den handelnden Personen. Nur das langjährige intensive und facettenreiche Engagement der Mitarbeiter im Jugendclub um den Sozialarbeiter Markus Weiß machen diesen Jugendclub so einzigartig und wichtig für unsere Stadt“.

Doch die Lebenshilfe ließ sich nicht beirren. Weiß verlangt nun eine Abfindung von 20.000 Euro, die Lebenshilfe bietet 5.000 Euro. Bei einem Gerichtstermin am Dienstag konnten sich beide Seiten nicht einigen. Voraussichtlich, so Prozessbeobachter, wird ein Urteil des Arbeitsgerichts ergehen, das die Kündigung als nicht rechtmäßig erklärt. Gegen dieses Urteil können beide Parteien in Berufung gehen. Zugleich bedeutet das jedoch: Womöglich ist dieser Rechtsstreit zwischen der Lebenshilfe und ihrem Sozialarbeiter noch nicht ausgestanden. Der Vorstand des Spremberger Vereins will sich zum Arbeitsgerichts-Prozess derzeit nicht öffentlich äußern.

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