Was Julia Probst tun würde, wenn sie Bundeskanzlerin wäre

Vorurteile, Gebärdensprache, „Tatort“ – ein Interview mit der Behindertenaktivistin und Lippenleserin zum Tag der Gehörlosen.

Kämpft für Barrierefreiheit: Julia Probst (Foto: twitter)

Kämpft für Barrierefreiheit: Julia Probst (Foto: twitter)

Ungefähr 80.000 Menschen in Deutschland sind gehörlos. Auf sie soll der Tag der Gehörlosen am Sonntag (25. September) aufmerksam machen. Für ihre Belange und Rechte setzt sich die Behindertenaktivistin und Bloggerin Julia Probst ein.

Die 34-Jährige lebt in Hamburg. Seit Juni 2016 arbeitet sie als Referentin des Vorstands vom Gehörlosenverband Hamburg. Bis Juni 2014 war sie Mitglied der Piraten-Partei.

Probst wurde bei der WM 2014 bekannt, weil die Lippenleserin auf Twitter verriet, was Joachim Löw der Nationalelf zurief. Im Interview erzählt sie, was die Politik für Gehörlose tun kann, über welche Vorurteile sie sich ärgert und welche sie zum Lachen bringen. Die Fragen stellte Anna Kristina Bückmann.

„Ach, Sie sind gehörlos?

Frau Probst, über welche Vorurteile gegenüber Gehörlosen ärgern Sie sich?

Ich ärgere mich immer wieder, wenn Leute sich wundern: „Ach, Sie sind gehörlos? Wieso können Sie dann sprechen?“ Die allermeisten Gehörlosen können sprechen, die meisten wollen es aber nicht, weil sie ihre eigene Stimme nicht mögen und zudem die Gebärdensprache als Muttersprache haben. Aber am meisten tut mir das Vorurteil weh, dass Gehörlose zurückgeblieben seien. Das ist nicht der Fall, denn Gehörlosen wird durch die schlechte Schulpolitik der Zugang zum normalen Erwerb von Bildung entzogen.

Können Sie auch über gewisse Vorurteile lachen?

Am meisten kann ich darüber lachen, wenn man mich fragt: „Gehst du überhaupt auf Konzerte?“ Klar tue ich das, warum auch nicht? Die von meiner Lieblingsband kennen das schon, wenn ich ganz vorne stehe in der Nähe des Basses. Oder wenn man mich fragt, ob ich überhaupt tanzen kann. Klar kann ich das. Mir sagte mal ein Mann, ich wäre die beste Tanzpartnerin, die er je hatte – ich ließe mich so schön führen und schaffe es, irgendwie im Takt zu bleiben, was er sich nicht erklären könne.

Wenn Sie Bundeskanzlerin wären: Wo sehen Sie Handlungsbedarf, um die Lage von gehörlosen Menschen zu verbessern?

Es sollte jede Nachrichtensendung, egal auf welchem Programm, mit Gebärdensprache sein. Ich fände es gut, wenn alles eins zu eins im Fernsehen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern untertitelt wird. Außerdem sollte jede Debatte im Bundestag barrierefrei mit Gebärdensprache und Untertitel gesendet werden.

Bisher wird nur die Kerndebattenzeit barrierefrei gesendet. Alles andere nicht. Das ist so, als würde man Hörenden einfach während einer Sitzung den Ton ausdrehen.

Berücksichtigt das derzeit diskutierte Bundesteilhabegesetz die Rechte von Gehörlosen ausreichend?

Das Gesetz ist kein Quantensprung. Es ist ein Spargesetz, weil es die Rechte von Menschen mit Behinderung massiv einschränkt statt sie im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention vollumfänglich zu gewährleisten. Die 5/9-Punkte-Regelung sagt, dass man fünf von neun Kritikpunkten erfüllen muss, um Leistungen zu kriegen. Aber wir Gehörlosen sind eigentlich nur in einem Punkt betroffen: Kommunikation. Wir brauchen Gebärdensprachdolmetscher oder Kommunikationsassistenten. Nach dem Gesetz haben wir bei besonderen Anlässen einen Anspruch darauf. Letztendlich entscheidet ein Sachbearbeiter darüber, was ein besonderer Anlass ist.

Welche Bedeutung hat der Tag der Gehörlosen für Sie persönlich?

Er soll Bewusstsein schaffen, aber so richtig hat er noch nicht gezündet. Ich habe noch nie einen Hörenden sagen hören: „Hey, heute ist der Tag der Gehörlosen!“ Ich vermisse eine Aktion der Fernsehsender oder der Öffentlichkeit zum Tag der Gehörlosen – zum Beispiel alle Nachrichtensendungen bei den Hauptsendern mit Gebärdensprache und Untertitel.

Was machen Sie am Sonntag?

Erfreulicherweise fällt der Tatort Münster dieses Jahr mit dem Tag der Gehörlosen zusammen, also werde ich am Abend ganz sicher auf meinem Sofa sitzen und allen sagen: „Ich bin von 20.15 Uhr bis 21.45 Uhr nicht ansprechbar.“ Aber das wissen vermutlich inzwischen alle, was für ein Tatort-Junkie ich bin.

Vielen Dank für das Interview!

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • André Rabe

    @Julia, ich würde mich genre mit gehörlosen via Gebärdensprache unterhlaten. Aber zum einen behersche ich sie nicht und zum anderen würde ich die Antworten nicht verstehen, da ich sie nicht sehen / wahnehmen könnte.

    26. September 2016 at 08:55

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