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Was Lehrer wirklich über Inklusion denken

Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) gibt der Politik schlechte Noten.

Noch längst nicht in jedem Unterricht Alltag: Ein Rollifahrer in einer fünften Klasse der Waldschule in Mannheim (Baden-Württemberg). (Foto: Uwe Anspach/dpa)

Noch längst nicht in jedem Unterricht Alltag: Ein Rollifahrer in einer fünften Klasse der Waldschule in Mannheim (Baden-Württemberg). (Foto: Uwe Anspach/dpa)

Eine Mehrheit der Lehrer in Deutschland hält einer Umfrage zufolge den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung für grundsätzlich sinnvoll. In einer Forsa-Befragung für den Lehrerverband VBE sprachen sich 54 Prozent der Pädagogen dafür aus, berichtete der Verband am Montag. Wegen Schwierigkeiten in der Umsetzung der Inklusion, sprechen sich aber 59 Prozent für den Erhalt spezieller Förderschulen für Kinder mit Behinderungen aus. Weitere 38 Prozent seien dafür, die Förderschulen teilweise zu erhalten.

Von den Befragten meinen 42 Prozent, dass Kinder mit Behinderung besser in Förderschulen unterrichtet werden können. Die Umfrage zeige, dass bei der Inklusion „Anspruch und Wirklichkeit nicht im Einklang sind“, sagte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Es seien „massive Investitionen“ erforderlich, damit der gemeinsame Unterricht gelinge.

„Nicht genügend Sonderpädagogen“

Ein großes Problem beim gemeinsamen Unterricht ist aus Sicht der Lehrer die fehlende Unterstützung der Fachlehrer durch Sonderpädagogen. Eine solche Doppelbesetzung müsse es aus Sicht von 86 Prozent der Befragten immer und nicht nur zeitweilig geben. Aber nicht einmal in jeder dritten inklusiven Lerngruppe seien für gewöhnlich zwei Personen eingesetzt.

„Die stundenweise Unterstützung muss ein Auslaufmodell werden“,

forderte Beckmann.

Neben der Personalausstattung ist laut Umfrage die Eignung der Schulgebäude für den gemeinsamen Unterricht ein großes Problem. Obwohl es mittlerweile an über der Hälfte der Schulen inklusive Lerngruppen gebe, sei fast jede zweite Schule überhaupt nicht barrierefrei.

„Wer Inklusion will, muss die Schulgebäude entsprechend gestalten“,

forderte Beckmann.

Erste Reaktion

Aus Baden-Württemberg wurde bereits die Forderung nach einer permanenten Doppelbesetzung an allen Schulen als nicht zielführend zurückgewiesen: „Wir wenden das Zwei-Pädagogen-Prinzip dort an, wo es pädagogisch sinnvoll ist“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg hagelte es dafür Kritik: „Die Landesregierung hält nicht einmal mehr am Ziel fest, dass zwei Pädagogen für den gemeinsamen Unterricht verantwortlich sein müssen.“

Forsa hat vom 4. April bis 9. Mai 2017 insgesamt 2050 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland mithilfe computergestützter Telefoninterviews befragt. 747 der befragten Lehrer unterrichten derzeit selbst in inklusiven Klassen. Die ermittelten Ergebnisse können den Angaben zufolge mit einer Fehlertoleranz von ± 3 Prozentpunkten auf die Gesamtheit der Lehrer an allgemeinbildenden Schulen übertragen werden.

(dpa)

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1 Kommentar

  • Gabriela

    Eine Doppelbesetzung, nicht unbedingt mit Sonderpädagogen, finde ich auch sinnvoll. Mich macht die Forderung nach den Sonderpädagogen aber skeptisch. Aus der Praxis weiß ich, daß sowas oft zu Segregation führt: Die Fachlehrer wollen jetzt schon meistens nichts mit den Kindern mit Behinderung zu tun haben und dulden die Kinder oft nur im Klassenraum, ohne sie mit ihrem Unterricht zu adressieren. Bei einer Vollzeitanwesenheit von Sonderpädagogen fürchte ich, würden sie sich gar nicht mehr zuständig fühlen und die Verantwortung für alles an die Sonderpädagogen abgeben. Die sind laut Gesetz aber nur für die behinderungsspezifischen sonderpädagogischen Inhalte, nicht für den ganz normalen Unterricht zuständig. Im schlimmsten Fall, und das ist heute oft schon so, sobald eine Doppelbesetzng da ist, wird der Schüler mit Behinderung sogar regelhaft aus der Klasse genommen und separat unterrichtet werden. Das ist keine Inklusion.

    30. Mai 2017 at 09:10

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