""

Was Ulrike Pohl von der Piratenpartei im Bundestag besser machen will

Versprechen im Wahlkampf muss man halten. Das gilt auch für ROLLINGPLANET. Wir veröffentlichen deshalb ein nie geführtes Interview.

Ulrike Pohl (Foto: ichkennesiedoch.blogspot.de/)

Ulrike Pohl (Foto: ichkennesiedoch.blogspot.de/)

Schon vor einigen Wochen hatte uns Ulrike Pohl, Inklusionsbeauftragte von der Piratenpartei gefragt, ob ROLLINGPLANET sie nicht zur Bundestagswahl interviewen möchte. Wir wollten. Dann allerdings blieb das Thema bei uns einfach liegen – was vielleicht auch daran lag, dass wir die Piraten für die heutige Abstimmung bereits abgeschrieben haben.

Aber im Wahlkampf gilt: Was man verspricht, muss man halten. Nun ist es allerdings bereits spät in der Nacht zum Sonntag, als uns gerade auffällt, dass wir Pohl nie unsere Fragen gestellt haben. Doch um diese Zeit können wir die Dame nicht mehr anrufen und wecken – ROLLINGPLANET veröffentlicht deshalb ein nie geführtes Interview, das trotzdem von Pohl autorisiert ist – weil es ihr Originalton aus der Bewerbung für die Landesliste Berlin der Piratenpartei ist, der von uns neu gemischt wurde.

(K)ein Interview mit Ulrike Pohl

Wahlplakat von Ulrike Pohl

Wahlplakat von Ulrike Pohl

Pohl (Geburtsjahr: „407 Jahre nach Galileo Galilei“) ist Sozialpädagogin, Projektleiterin, Bildungsbegleiterin, kleinwüchsig (1,30 Meter) und Rollstuhlfahrerin. Sie kandidiert auf Listenplatz 4 der Berliner Piraten.

Wie möchten Sie gerne am Ende einer etwaigen Mitgliedschaft im Bundestag bewertet werden?

Als die erste Frau im Bundestag mit einer angeborenen, sichtbaren Behinderung, die Teilhabe vorgelebt und dadurch vorangebracht und ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat. Die Piratin, die kompetent und engagiert an der Reform der Eingliederungshilfe, an einer Teilhabeorientierung der Pflege und an einem Gesetz zur Sozialen Teilhabe mitgewirkt hat.

Erzählen Sie uns doch etwas über Ihre Behinderung.

Manchmal werde ich gefragt: „Ist Ihre Behinderung angeboren oder erworben?“ Übrigens auch von Krankenschwestern, und die müssten es eigentlich besser wissen. Wenn dann meine Antwort „angeboren“ lautet, kommt oft die Antwort „Na, dann sind Sie ja daran gewöhnt, dann ist es ja nicht so schlimm!“

Ich finde, das ist eine ziemlich einfältige Antwort. Sicher, es gab nie diesen Tag X, aber ich bin mir der Grenzen, die mir die Behinderung auferlegt, durchaus bewusst.

Demonstrierten am  14. Juni 2013 in Berlin für die Gebärdensprache: Ulrike Pohl, geschoben von Miriam Seyffarth (Foto: Cornelia Otto)

Demonstrierten am 14. Juni 2013 in Berlin für die Gebärdensprache: Ulrike Pohl, geschoben von Miriam Seyffarth (Foto: Cornelia Otto)

Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?

Ich bin geboren in einer Zeit (in den 70ern), in der der Weg eines behinderten Kindes vorbestimmt war, vorbestimmt von Sondereinrichtungen, Therapien und Experten, Experten in weißen Kitteln, Psychologen, Therapeuten, Sonderpädagogen.

Und so kam es dann auch: Schule, Internat und beinahe noch Berufsbildungswerk – alles familien- und wohnortfern. Viel Kinderklinik, wenig Kindheit. Laufen wie alle anderen, funktionieren wie alle anderen – das war das Ziel.

Fast 30 Operationen, zirka 60 Krankenhausaufenthalte zeugen von dem zum Teil verständlichen Wunsch nach Heilung und Verbesserung. Nicht in allen Fällen war es mein Wunsch, sondern auch der von Ärzten und Therapeuten, die der medizinische Ehrgeiz packte.

Das war es, was ich „gewöhnt“ war. Das alles ist zum Glück lange her und wird auch nie wieder so sein! Für hoffentlich bald niemanden mehr.

„Ein Arbeitsvertrag über vier Jahre ist eine attraktive Vorstellung“

Weshalb kandidieren Sie?

Dafür brenne ich:
* I wie intelligente, unperfekte Lösungen zum Nutzen möglichst vieler
* N wie neugierig auf unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe
* K wie kompetente, barrierefreie Informationen und Beratung
* L wie lebenslanges, barrierefreies, gemeinsames Lernen
* U wie unabhängige Lebensführung und unabhängige Mobilität
* S wie selbstbestimmt leben können, auch mit Assistenz und Kindern
* I wie individuelle, respektvolle, hochwertige Pflege bis zum Lebensende
* O wie ortsnahe, individuelle, passgenaue Hilfsangebote
* N wie nachvollziehbare, unabhängige Begutachtung als Richtlinie, nicht als Muss

Kandidieren Sie eigentlich auch wegen der fetten Abgeordneten-Diät?

Ich arbeite in einer Branche (Soziale Arbeit, Sozialpädagogik), die geprägt ist von befristeten Arbeitsverhältnissen – abgerechnet nach Projektzeiträumen, Jahresverträgen, Fördermittelvorgaben und Schuljahren. Insofern wäre für mich ein Arbeitsvertrag über vier Jahre eine attraktive Vorstellung.

Wenn ich innerhalb dieser vier Jahre meinen Teil dazu beitragen kann, die Situation der vielen Menschen, „Aufstocker“ genauso wie Forschende, Pflegende, Erziehende, Betreuende oder Lehrende, die sich mit unsicheren und/oder prekären Arbeitsverhältnissen arrangieren müssen, zu verbessern, wäre das für mich eine lohnenswerte Aufgabe.

Ulrike Pohl (r.) bei einem Termin mit Auszubildenden des Campus Berlin

Ulrike Pohl (r.) bei einem Termin mit Auszubildenden des Campus Berlin

Was würden Sie denn tun, wenn Sie im Bundestag wären?

Ich würde Gewalt gegenüber behinderten Menschen und insbesondere Frauen und Mädchen zum Anlass nehmen, Notrufe, Beratungsstellen, Zufluchtswohnungen und Frauenhäuser barrierefrei zu gestalten.

Ich würde ich Patientenrechte stärken und in ein echtes Patienten-Rechte-Gesetz umwandeln, unter anderem durch ein barrierefreies Gesundheitswesen, Schulung von Menschen in Gesundheitsberufen und gleichberechtigten Zugang zu Prävention, Behandlung und Rehabilitation für alle. Gleiches gilt für die Erneuerung des Pflegeneuausrichtungsgesetzes.

Außerdem würde ich den Gesetzentwurf des Forums behinderter Juristinnen und Juristen unterstützen, der das Recht der Sozialen Hilfe in ein Recht der Sozialen Teilhabe überführt, die Eingliederungshilfe nach § 54 SGB XII reformiert, Persönliche Assistenz als Teilhabeleistung einführt und physische, informationelle und kommunikative Barrierefreiheit umsetzt.

Und ich würde gemeinsam mit anderen die strukturellen Voraussetzungen schaffen, damit das trägerübergreifende Persönliche Budget [8] nach § 17 SGB IX nach 8 Jahren Dornröschenschlaf als echte Teilhabeleistung wirksam umgesetzt wird.

Ganz schön viele Pläne. Ist das alles?

Ich würde die Umsetzung der inklusiven Bildung vorantreiben durch geschultes pädagogisches und sonstiges Personal und barrierefreie Kindergärten, Schulen, Ganztagseinrichtungen, Berufsschulen und Weiterbildungseinrichtungen.

Ich würde für eine menschlichere, individuellere Arbeitsmarktpolitik eintreten, ohne Sanktionen, aber auch ohne Zwangsberentung oder die Abschiebung in eine Werkstatt für behinderte Menschen, zum Beispiel durch Anwendung eines Budgets für Arbeit.

„Alles andere ist Verschwendung von Arbeitskraft und Kompetenzen“

Was müsste sonst noch geschehen für Menschen mit Behinderung?

Wir müssen Lösungen erarbeiten, um die durchschnittliche Erwerbsquote erwerbsfähiger behinderter Menschen von derzeit zirka 30 Prozent signifikant zu erhöhen und für eine nachhaltige, inklusive Teilhabe an Erwerbstätigkeit möglichst vieler zu sorgen. Durch Barrierefreiheit, einen durchlässigen Übergang Schule-Beruf, Unterstützte Beschäftigung und Arbeitsassistenz. Alles andere ist Verschwendung von Arbeitskraft und Kompetenzen in Zeiten des Fachkräftemangels!

Sie wären im Bundestag nicht nur Abgeordnete, sondern auch Arbeitgeberin. Inwieweit haben Sie sich auf diesen Aspekt vorbereitet?

Von 2002 bis 2008 habe ich als Stellvertretende und dann als Projektleiterin Projekte innerhalb europäischer Entwicklungspartnerschaften und Projekte auf Landesebene geleitet und dabei Verantwortung für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, kurzfristig Beschäftigte und geringfügig Beschäftigte getragen. Ich habe dabei Projektmittel, Drittmittel und Kofinanzierungen von bis zu 800.000 Euro innerhalb eines Projektes umgesetzt und abgerechnet.

Als behinderter Mensch sind mir ebenso die Modalitäten der Persönlichen Assistenz innerhalb des sogenannten Arbeitgebermodells vertraut. Als dritten Aspekt für meine Arbeitgeberkompetenz kann ich noch auf Erfahrungen in der Abrechnung von persönlichen Arbeitsassistenten nach § 102 Abs. 8 SGB IX verweisen. Das war sozusagen eine Vorstufe zum Umgang mit einem Trägerübergreifenden Persönlichen Budget.

Mit welchen drei aktuellen Bundestagsabgeordneten würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Mit Markus Kurth (Bündnis 90/Grüne), Silvia Schmidt (SPD) und Dr. Ilja Seifert (Linke). Alle drei sind behindertenpolitische Sprecher der Fraktionen.

Herrn Kurth kenne ich von mehreren Veranstaltungen, zum Beispiel zu barrierefreiem Gesundheitswesen. Silvia Schmidt ist unter anderem Schirmherrin der Initiative „Daheim statt Heim“, die sich für mehr ambulante Wohnformen für Menschen mit Behinderung und oder Pflegebedürftigkeit einsetzt.

Dr. Ilja Seifert ist selbst Rollstuhlfahrer und auch wenn ich nicht alles vertrete, was er politisch vertritt, wertschätze ich ihn dafür, dass er Erwerbstätigkeit und Leben mit Assistenz vorlebt. Außerdem kennen wir uns von verschiedenen Demos (lacht).

Wen im Bundestag finden Sie sonst noch kompetent?

Katja Kipping (Linke), Birgitt Bender (Grüne), und Hubert Hüppe, (CDU, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung).

Wo wird die Piratenpartei in fünf Jahren stehen? Gibt’s die dann überhaupt noch?

Das kann im Moment so oder so ausgehen: als politische Bewegung ohne Mandat oder als politische Kraft mit Mandat in Landtagen, Kommunen und im Bund. Es wird auch davon abhängen, wie es uns gelingt, uns auf Inhalte und Programmatik zu konzentrieren und diese zu transportieren.

Danke, dass wir Sie nicht wecken mussten und alles kopieren konnten.

(RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Ulrike Pohl

    🙂 Danke für das nie geführte Interview! Ihr habt Recht, das ist alles so nachlesbar und gemeint. Einen schönen Sonntag euch und danke für die Überraschung!

    22. September 2013 at 03:36

KOMMENTAR SCHREIBEN