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Waschmittel im Bonbon-Look – Gift-Experten schlagen Alarm

Vor allem kleine Kinder stecken gerne Ungenießbares in den Mund. Aber auch immer mehr alte Menschen sind in Gefahr. Von Andrea Barthélémy

 Waschmittel im Bonbon-Look: Zunehmend greifen auch Ältere zu den gut duftenden und bunten Flaschen – und vergiften sich. Besonders die neuen Gel Caps sind gefährlich – sie sehen aus wie große Bonbons. (Foto: dpa)

Waschmittel im Bonbon-Look: Zunehmend greifen auch Ältere zu den gut duftenden und bunten Flaschen – und vergiften sich. Besonders die neuen Gel Caps sind gefährlich – sie sehen aus wie große Bonbons. (Foto: dpa)

Reinigungsmittel, die nach Zitrone oder Beeren duften und in poppigen Flaschen verkauft werden, sind längst nicht mehr nur für Kleinkinder eine Gefahr. Auch immer mehr alte Menschen vergiften sich durch Haushaltsmittel. „Im hohen Alter, bei bestimmten Erkrankungen und beginnender Demenz leidet der Geschmackssinn“, sagen Fachleute des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), wo seit 50 Jahren die Nationale Kommission zur Bewertung von Vergiftungen angesiedelt ist. Dort will man deshalb die Prävention nun auf Alte ausweiten.

„Weil viele alte oder demente Menschen weniger schmecken, trinken sie auch größere Mengen der Substanz. Und wenn sie Symptome entwickeln, ist oft niemand da, der Hilfe holt – ganz anders als bei Kleinkindern“, erläutert Kommissionsgeschäftsführer Axel Hahn vom BfR.

Auch Bitterstoffe, wie sie einigen fruchtig oder blumig duftenden Reinigungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln bereits zugesetzt werden, helfen in diesen Fällen deshalb wenig. „Die Bitterstoffe haben nicht den durchschlagenden Schutzeffekt, den wir uns von ihnen erhofft hatten“, sagt Hahn. Denn: Auch kleine Kinder spucken eklig Bitteres nicht unbedingt aus, sondern schlucken es manchmal auch reflexhaft schnell herunter.

Gel Caps – bunt und glänzend verpackend

Besondere Sorge bereiten den Experten in der BfR-Kommission und den neun Giftinformationszentren in Deutschland derzeit die neuen Gel-Waschmittel in Einzelportionen mit wasserlöslicher Folie, Gel Caps genannt: Bunt, glänzend verpackt und mit weicher, glatter Oberfläche wirken sie appetitlich wie Riesenbonbons. „Doch die Caps enthalten im Vergleich zu anderen Waschmitteln deutlich höhere Konzentrationen an Tensiden“, sagt Hahn. Das Gesundheitsrisiko beim Verschlucken ist also wesentlich größer.

In Frankreich, Großbritannien oder Italien, wo die Gel Caps schon länger auf dem Markt sind, steigt die Zahl der Anfragen an die Giftzentralen seitdem stetig – und auch in Deutschland sind bereits zahlreiche Fälle dokumentiert. „Wir haben vermehrte Anfragen zu diesen Waschmitteln“, sagt auch Michael Deters vom Giftinformationszentrum in Erfurt, das für Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zuständig ist. Seit 2013 wurden dort 70 Fälle gemeldet. Erste Hersteller haben jedoch bereits auf die Kritik reagiert, Produktfarben und Verschlüsse verändert.

Wem hilft der Giftnotruf?

Beim Giftnotruf (alle Adressen und Telefonnummern am Ende dieses Berichts) suchen Laien, aber mehr noch Ärzte Hilfe. Absolut gesehen gibt es mehr Anfragen zu Erwachsenen – zumeist nach Suizidversuchen. Relativ ist jedoch der Beratungsbedarf bei Kleinkindern am größten: Die meisten haben Medikamente, Chemikalien oder Pflanzen verschluckt. Bei Haushaltsprodukten liegen Grillanzünder, Spülmittel und Knicklichter vorn. Fast zwei Drittel der Erwachsenen haben Probleme durch Arzneimittel.

Das BfR schätzt, dass es etwa 200.000 Vergiftungsfälle pro Jahr gibt. Bislang werden aber nur 5000 über die behandelnden Ärzte gemeldet. Allein beim Erfurter Notruf klingelt es jährlich etwa 20.000 mal – in vier von fünf Fällen wegen einer konkreten Vergiftung.

„Wir könnten solche Trends noch viel schneller erkennen, wenn wir endlich ein nationales Vergiftungsmonitoring hätten“, sagt Hahn. Vergiftungsfälle werden in Deutschland bisher nicht systematisch erfasst und ausgewertet – weil Geld für Personal fehlt. Nur auf Nachfrage liefern die einzelnen Giftinfozentralen deshalb ans BfR zu. „Ein zentrales Register wäre sinnvoll, denn sonst stellt sich immer die Frage, ob eine Häufung nur ein regionales Problem ist“, sagt auch Deters.

Wenn die Kleinen Mamas Pille entdecken…

Für die nächsten Wochen sieht Deters vor allem wieder Anfragen zu den Frühjahrsblühern voraus – mit den typischen Verwechslungen von leckerem Bärlauch mit giftigen Herbstzeitlosen oder Maiglöckchen. „Zum Glück stellen wir im Laufe der Jahre jedoch fest, dass viele Pflanzen gar nicht so giftig sind, wie wir dachten. Es geht also in Zukunft vor allem darum, unnötige Übertherapie zu vermeiden. Denn in den meisten Fällen kann man sich entspannen“, sagt Hahn. 2015 soll eine neue Klassifizierung der Giftigkeit von Pflanzen erscheinen. Deren Ergebnisse fließen auch in die Gift-Info-App des BfR ein, die seit Sommer 2013 besorgten Eltern via Smartphone Hilfe bietet.

Die drittmeisten Anfragen zu möglichen Arzneimittelvergiftungen bei Kindern erhalten die Giftinformationszentren übrigens, weil die Kleinen Mamas Pille geschluckt haben – die beruhigende Antwort der Fachleute darauf lautet: Bis zu einer Monatspackung kein Handlungsbedarf.

Die Telefonnummern der Giftnotrufzentralen im Überblick

In Deutschland gibt es neun Giftnotrufzentralen:

Baden-Württemberg
Vergiftungs-Informationszentrale Freiburg
Mathildenstr. 1, 79106 Freiburg
www.uniklinik-freiburg.de/giftberatung
Telefon: 07 61/1 92 40

Bayern
Toxikologische Abteilung
II. Med. Klinik der Technischen Universität München
Ismaninger Str. 22
81675 München
www.toxinfo.org
Telefon: 0 89/1 92 40

Berlin
Institut für Toxikologie, Giftnotruf Berlin
Oranienburger Str. 285
13437 Berlin
www.giftnotruf.de
Telefon: 0 30/1 92 40

Brandenburg
Institut für Toxikologie, Giftnotruf Berlin
www.giftnotruf.de
Telefon: 0 30/1 92 40

Bremen
Giftinformationszentrum-Nord
www.giz-nord.de
Telefon 05 51/1 92 40

Hamburg
Giftinformationszentrum-Nord
www.giz-nord.de
Telefon: 05 51/1 92 40

Hessen
Beratungsstelle bei Vergiftungen
II. Medizinische Klinik und Polyklinik der Universität Mainz
Langenbeckstr. 1
55131 Mainz
www.giftinfo.uni-mainz.de
Telefon 0 61 31/1 92 40

Mecklenburg-Vorpommern
Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ)
Klinikum Erfurt GmbH
Nordhäuserstr. 74
99098 Erfurt
www.ggiz-erfurt.de
Telefon: 03 61/73 07 30

Niedersachsen
Giftinformationszentrum-Nord
www.giz-nord.de
Telefon: 05 51/1 92 40

Nordrhein-Westfalen
Informationszentrale gegen Vergiftungen Universitätsklinikum Bonn
Zentrum für Kinderheilkunde
Adenauerallee 119
53113 Bonn
www.meb.uni-bonn.de/giftzentrale
Telefon: 02 28/1 92 40

Rheinland-Pfalz
Beratungsstelle bei Vergiftungen der Universität Mainz
www.giftinfo.uni-mainz.de
Telefon: 0 61 31/1 92 40

Saarland
Informations- und Behandlungszentrum für Vergiftungen
Universitätsklinikum des Saarlandes
Kirrberger Straße 100
66421 Homburg/Saar
www.uniklinikum-saarland.de
Telefon: 0 68 41/1 92 40

Sachsen
Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ)
www.ggiz-erfurt.de
Telefon: 03 61/73 07 30

Sachsen-Anhalt
Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ)
www.ggiz-erfurt.de
Telefon: 03 61-73 07 30

Schleswig-Holstein
Giftinformationszentrum-Nord
www.giz-nord.de
Telefon: 0551 – 19240

Thüringen
Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ)
www.ggiz-erfurt.de
Telefon: 03 61/73 07 30

Diese Angaben braucht die Giftnotrufzentrale

1. Wer ist betroffen? Kind oder Erwachsener? Alter, Geschlecht, ungefähres Körpergewicht.
2. Was ist eingenommen worden? Zum Beispiel Arzneimittel, Haushaltsreiniger, Chemikalie, Pflanze, Pilze, Lebensmittel, Drogen. Wichtig ist die möglichst genaue Bezeichnung auf der Verpackung.
3. Wann ist es passiert und wie lange war das Kind mit der giftigen Substanz in Kontakt?
4. Wie ist es passiert? Hat das Kind die giftige Substanz geschluckt, eingeatmet oder damit Hautkontakt gehabt?
5. Wie viel? Möglichst genaue Mengenangabe, beispielsweise die Anzahl von Tabletten oder Pflanzenteilen, Flaschengröße und fehlende Menge.
6. Wie geht es dem Kind? Atmung, Kreislauf, Bewusstsein.
7. Welche Maßnahmen sind bereits unternommen worden?
8. Unter welcher Telefonnummer sind Sie jetzt erreichbar?

(RP/dpa)

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