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Weder Mann noch Frau. Auch nicht behindert. Eben anders

Nach unterschiedlichen Schätzungen gibt es in Deutschland 8.000 bis 100.000 Menschen ohne eindeutige Geschlechtszuordnung. Vielen von ihnen wird die Identität wegoperiert. Das soll sich ändern.

Filmszene aus XXY (2007), einem argentinischen Film-Drama über das Leben der 15-jährigen intersexuellen Alex. Lucía Puenzo gab ihr Regiedebüt mit diesem Film. Das Drehbuch stammt ebenfalls von ihr. Die Hauptrollen in XXY spielen Ricardo Darín, Valeria Bertuccelli, Inés Efron und Martín Piroyansky.

Vermutlich nicht die einzige Stelle, an der sich das Alte Testament irrt: „Als Mann und Frau schuf er sie“ – so steht es dort. Doch es gibt auch Menschen, die sind anders. Die Länder wollen nun mehr Rechte für die Betroffenen.

Die vielen tausend Bundesbürger, die weder Mann noch Frau sind, sollen nach dem Willen der Länder künftig einen besseren Schutz und mehr Rechte bekommen. Entsprechende Forderungen hat die Gesundheitsministerkonferenz heute in Saarbrücken an die Bundesregierung gestellt (ROLLINGPLANET berichtete).

Auch die Forderung des Deutschen Ethikrats, Menschen ohne eindeutiges Geschlecht die Chance auf eine amtliche Einordnung als „anders“ zu geben, kommt über die Länder auf die Tagesordnung.

Der Bericht des Ethikrats zu diesem Thema war Ende Februar von Betroffenen positiv, jedoch auch mit kritischen Hinweisen aufgenommen worden. Lucie Veith, 1. Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. (Webseite), warnte:

Der Aufbau von europäischen Datenbanken zu Forschungszwecken ist keine Forderung der Betroffenenverbände. Wir würden uns nur dann beteiligen, wenn von staatlicher Seite sicher gestellt wird, dass wir, die Betroffenen
1. Zugang zu dieser Datenbank bekommen und
2. unsere Forderung nach patientenkontrollierten Forschungen garantiert werden.

Ein weitere Empfehlung des Ethikrates findet nicht meine Zustimmung. Intersexuellen Menschen, die den neuen Personenstand „ anderes“ wählen , sollen ,so möchte es ein Teil des Ethikrates, keinen Zugang zur Ehe haben, sondern es soll für diese Menschen nur der die eingetragene Lebenspartnerschaft möglich sein. Ich halte dies, mit Verlaub gesagt, für einen Akt von offener Diskriminierung. Stellen Sie damit den Bestand der Familien und die Ehe von intersexuellen Überlebenden von Menschenversuchen in Frage? Dadurch, dass intersexuellen Menschen die Ehe nicht ermöglicht werden soll, ist dies doch wieder ein Weg in die Unsichtbarkeitsmachung. Intersexuelle Menschen werden in ihren Höhlen bleiben und sich einer solche menschenrechtswidrigen Praxis unterziehen, um nicht erneut aufzufallen. Welche Mutter, welcher Vater würde seinem Kind einen solchen Personenunstand zumuten? Was spricht gegen die standesamtlich legitimierte Ehe?“

Gesetzgeber verlangt kurz nach der Geburt eindeutige Zuordnung

Es dürfe nicht hingenommen werden, dass Kinder operativ einem Geschlecht zugeordnet würden, weil der Gesetzgeber kurz nach der Geburt eine eindeutige Zuordnung als männlich oder weiblich verlange, sagte heute Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne).

Die Theorie, man könne Geschlecht medizinisch festlegen, führt heute noch vor allem zu genitalangleichenden Operationen. Dazu gehören die Anlage einer Neovagina im Kleinkindalter, die Beschneidung des Genitals auf eine eindeutige, meist weibliche Größe (insbesondere Klitorisverkleinerung) oder die Kastration, letztere in der Regel mit anschließender contra-chromosomaler Hormonersatztherapie.

„Wird ein Kind ohne Not durch einen nicht mehr rückgängig zu machenden operativen Eingriff körperlich einem Geschlecht zugeordnet, mit dem es sich nicht identifizieren kann, bedeutet dies lebenslanges Leid.“ Auf NRW-Initiative forderten die Länder Bund und Landesgesundheitsbehörden zu Schritten auf, um die Diskriminierung der Betroffenen zu beenden.

In der kommenden Woche soll zudem im Bundesrat ein Prüfauftrag beraten werden, um offiziell den Eintrag einer Kategorie „anders“ statt männlich oder weiblich im Personenstandsregister zu ermöglichen.

Nach unterschiedlichen Schätzungen gibt es deutschlandweit zwischen 8000 und 100.000 Menschen ohne eindeutige Geschlechtszuordnung. Der Deutsche Ethikrat hatte ein umfangreiche Besserstellung der Betroffenen verlangt: Bis heute geschehe es, dass Ärzte Babys mit unklar ausgebildeten Geschlechtsorganen per Operation ein eindeutiges Geschlecht geben wollten – oft sei dies der Beginn einer lebenslangen Leidensgeschichte.

Ein Stoff, der es in den „Tatort“ geschafft hat

Die Münsteraner Tatort-Folge „Zwischen den Ohren“ vom September 2011 thematisiert Intersexualität und die Akzeptanz- sowie Selbstfindungsprobleme, mit denen Menschen mit dieser genetischen Variation häufig zu kämpfen haben. Im Luzerner Tatort „Skalpell“ vom 28. Mai 2012 geht es um den Mord an einem auf intersexuelle Kinder spezialisierten Chirurgen.

Text: dpa/RP, Foto: Wikipedia/Me,Bledard92. GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder eine spätere Version.

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