Wegen EU-Vorgabe zur Barrierefreiheit: Tram-Betriebe fürchten um ihre Existenz

2022 müssen alle Züge auch für Menschen mit Behinderung geeignet sein – das Feilschen um Geld für Straßenbahnen im Osten hat begonnen.

In Frankfurt (Oder) wurde vom 13. bis 19. September dieser Niederflurbus vom Typ „Tramino“ getestet. Hersteller ist die polnische Firma Solaris, die wie der tschechische Anbieter Skoda ein Angebot für die Lieferung neuer Straßenbahnen abgegeben hat. (Foto: Ken Wegener, Frankfurt (Oder), Straßenbahn Frankfurt (Oder)).

In Frankfurt (Oder) wurde vom 13. bis 19. September dieser Niederflurbus vom Typ „Tramino“ getestet. Hersteller ist die polnische Firma Solaris, die wie der tschechische Anbieter Skoda ein Angebot für die Lieferung neuer Straßenbahnen abgegeben hat. (Foto: Ken Wegener, Frankfurt (Oder), Straßenbahn Frankfurt (Oder)).

Die EU-Vorgabe, dass alle öffentliche Verkehrsmittel bis 2022 barrierefrei zu sein haben (ROLLINGPLANET berichtete), bringt Brandenburger Straßenbahnbetriebe laut einem Zeitungsbericht in Existenznot. Insgesamt seien bis zu 170 Millionen Euro zu investieren – Geld was die Unternehmen nicht hätten, schreibt die „Märkische Oderzeitung“. Das Mitleid von ROLLINGPLANET hält sich wie immer in solchen Fällen in Grenzen.

Besonders betroffen sei Frankfurt (Oder): Hier seien nur acht Straßenbahnzüge behindertengerecht, 13 neue müssten neu angeschafft werden. Damit hätte die Stadtverkehrsgesellschaft rund 32,5 Millionen Euro zu investieren. In Cottbus sehe es ähnlich aus: Dort müssten 20 neue Züge zum Stückpreis von 2,5 Millionen Euro angeschafft werden, heißt es in dem Bericht unter Berufung auf das Unternehmen
Cottbusverkehr.

Feilschen und taktieren

Der Fahrgastverband IGEB sieht das Land in der Pflicht, den sieben Straßenbahnunternehmen im Land und dem O-Busbetrieb in Eberswalde finanziell unter die Arme zu greifen. Die pauschale Bereitstellung von jährlich fünf Millionen Euro für alle acht Betriebe reiche nicht aus, hieß es. Zur Problemlösung schlägt der Verband eine Finanzierungsgesellschaft vor, was das Land ablehne. Für den Nahverkehr seien die Landkreise und Städte zuständig, wird ein Sprecher des Verkehrsministeriums zitiert.

Das Feilschen ums Geld hat nun begonnen. In Frankfurt (Oder) beispielsweise sollte bereits im Juni beschlossen werden, die 13 neuen Züge zu kaufen – die Stadtverwaltung zog die Vorlage aber kurzfristig zurück, da es angeblich Signale gab, dass das Land Brandenburg möglicherweise ein Förderprogramm dafür auflegen könnte. Diese Erwartung hatte sich nicht erfüllt. Die Fraktion Grüne / Bündnis 90 / BI Stadtentwicklung / Piraten fürchtet nun, dass in der Stadt die Tram-Barrierefreiheit bis 2022 nicht gesichert werden kann.

(RP/dpa/bb)

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3 Kommentare

  • Frank F. König

    Angst war noch nie ein Guter Ratgeber!!!

    8. Oktober 2016 at 12:21
  • Wolfsspitz

    Ich habe da überhaupt kein Mitleid, ein öffentlicher Verkehrsbetrieb hat nun mal die Pflicht alle zu transportieren auch mobilitätseingeschränkte Menschen,

    8. Oktober 2016 at 16:49
  • Dani

    Auch mein Mitleid hält sich in Grenzen.
    Wer über Jahre und Jahrzehnte nicht von selbst auf die Idee kommt, dass auch Menschen mit Behinderung vollwertige Kunden sind, für die im selben Maße die Beförderungspflicht gilt, muss offensichtlich dazu gezwungen werden.

    9. Oktober 2016 at 11:07

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