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Welche Filme, bitteschön, sind blinden oder hörgeschädigten Zuschauern nicht zumutbar?

Ab 2014 sollen mehr deutsche Filme und Kinos barrierefrei zugänglich sein. Es gibt nicht nur Applaus.

Mathäser Kino in München

Mathäser Kino in München

Der Bundestag befasst sich heute in erster Lesung mit dem siebten Gesetz zur Änderung des Filmförderungsgesetztes. Ein wesentliches Ziel ist es, die Teilhabe behinderter Menschen zu verbessern. Zukünftig muss von jedem geförderten Film sowohl eine Fassung für Sehbehinderte als auch eine Fassung für hörgeschädigte Menschen hergestellt werden.

Zudem erhalten die Kinos bessere Förderung für Modernisierungsmaßnahmen, um ihre Gebäude barrierefrei zu machen – damit dann künftig hoffentlich möglichst wenige Menschen mit Behinderung abgewiesen werden. So wie es den beiden Rollstuhlfahrern Frank Beele aus Wehringhausen und Achim Gentz aus Volmarstein erging, die vom Kino-Komplex Hagen ausgerechnet bei dem Film „Ziemlich beste Freunde“ weggeschickt wurden, weil es nicht genügend Plätze für Rollis gibt.

Das neue Filmförderungsgesetz soll zum 1. Januar 2014 in Kraft treten. Das klingt gut. Die gehörlose Julia Probst ist jedoch nicht dem allgemeinen Applaus gefolgt (der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe: „Das Gesetz schafft endlich Verbindlichkeit“), sondern hat etwas genauer hingeschaut. In einer ersten Reaktion zeigte sie sich enttäuscht und befürchtet eine „Hintertür“ aufgrund der vorgesehenen Ausnahmeregelungen. Diese sind so formuliert:

„Der Vorstand kann nunmehr im Einzelfall auch Ausnahmen (…) zulassen, wenn die Gesamtwürdigung des Films dies rechtfertigt. Ausnahmen von dem Erfordernis der Erstaufführung in deutscher Sprache im Inland oder der Erstaufführung als deutscher Beitrag auf einem Festival (…) sind insbesondere denkbar, wenn der Film auch ohne dieses Erfordernis zu erfüllen, zur Unterstützung der deutschen Kultur bzw. des deutschen Kulturkreises beiträgt. Ausnahmen von der Herstellung einer barrierefreien Fassung des Films sind insbesondere in Fällen denkbar, in denen die Herstellung einer barrierefreien Fassung unzumutbar erscheint. Als unzumutbar könnte die Herstellung einer barrierefreien Fassung beispielsweise dann einzuordnen sein, wenn die dem Filmhersteller gewährte Förderungshilfe so gering ist, dass es unverhältnismäßig wäre, die Förderung von der Herstellung einer barrierefreien Endfassung des Films abhängig zu machen. Die Kosten für die Audiodeskription eines 90-minütigen Films liegen nach Angaben aus der Branche derzeit bei ca. 5.000 Euro. Die durchschnittlichen Kosten für die Untertitelung eines Films für hörgeschädigte Menschen betragen etwa 1.000 Euro. Als unzumutbar könnte die Herstellung einer barrierefreien Fassung im Einzelfall auch dann einzustufen sein, wenn sich der Film aufgrund seiner Machart nicht für eine Audiodeskription oder Untertitelung für hörgeschädigte Menschen eignet.“

Insbesondere der letzte Satz veranlasste Probst auf twitter zu dem Kommentar: „Bin fassungslos über einige Passagen im Filmförderungsgesetz. Oh Mann!“

(RP/HH)

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