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Weltkongress der Sterbehelfer: Wie komme ich am besten raus aus diesem Leben?

Zürich gilt vielen als lebenswerteste Stadt der Schweiz. Aber auch als Hochburg des Sterbetourismus. In der liberalen Metropole mit Alpenpanorama treffen sich ab heute Freitodhelfer aus aller Welt – und diskutieren das „Schweizer Modell“ für den Tod. Von Thomas Burmeister

Kurz vor seinem Tod: Ex-Fussballer Timo Konietzka als Bartlivater an der Brunner Fasnacht 2012

Er schoss das erste Tor der Bundesliga und noch etliche mehr. Doch nicht deswegen wird Fußball-Legende Timo Konietzka jetzt in Zürich als Vorbild genannt, sondern wegen seines Todes. Im März nahm sich der krebskranke 73-Jährige mit Hilfe der Organisation Exit das Leben, für die er auch in Werbespots aufgetreten war. Seitdem verzeichnen die Schweizer Freitod-Begleiter einen Rekord an Mitgliederanfragen. Nun richten sie einen Weltkongress für Sterbehelfer aus (12.-18.6.).

Im edlen Zürcher Swissôtel treffen sich Delegierte von 55 Mitgliedsverbänden der „World Federation of Right-to-Die Societes“ (WFRtDS). Zweck ist laut Exit „Wissensvermittlung und Austausch, auch mit Kritikern“. Dafür biete die Schweiz wegen ihres liberalen Umgangs mit der Sterbehilfe ideale Voraussetzungen, sagt Exit-Vizepräsident und Kongress-Organisator Bernhard Sutter.

Zugleich wird das 30. Gründungsjubiläum von Exit begangen. Entstanden als Reaktion auf die „Hochrüstung der Medizin“ mit knapp einhundert Unterstützern, zählt der Verein heute laut Sutter mehr als 80.000 Mitglieder.

Auch die „Szene“ hat ihre „Promis“

Angesagt haben sich etliche „Promis“ der Suizidhilfe-Szene, wie der Alzheimer-kranke Fantasy-Autor Terry Pratchett. Konietzkas Witwe Claudia ist am „Publikumstag“ (15.6.) Podiumsgast. Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch, Vorsitzender des Vereins Sterbehilfe Deutschland, hält eine Rede mit dem Titel „Auch in Deutschland ist Sterbehilfe zur Realität geworden“. So „normal“ wie in der Alpen ist sie in der Bundesrepublik jedoch nicht. Sonst würden Schweizer Sterbehelfer wohl kaum weiterhin mit Anfragen aus Deutschland überhäuft.

Exit akzeptiert nur Schweizer Antragsteller oder Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz. Offen für Sterbewillige aus aller Welt ist die Schweizer Organisation Dignitas. Beide helfen bei zunehmend mehr Selbsttötungen. 2011 waren es insgesamt 465 und damit 111 mehr als im Jahr zuvor. 72 der 160 Menschen, die sich 2011 in der Schweiz mit Hilfe von Dignitas töteten, hatten laut dem Verein ihren Hauptwohnsitz in Deutschland.

Dort laufen Ärzte-Funktionäre und die katholische Kirche Sturm dagegen, dass Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) in einem geplanten Gesetz zwar kommerzielle Sterbehilfe unter Strafe stellen will, nicht aber jene, die aus uneigennützigen Motiven erfolgt.

Wie viel Selbstbestimmung am Lebensende?

In der Schweiz ist das längst so. Wer „aus selbstsüchtigen Beweggründen“ bei einem Selbstmord hilft, muss mit fünf Jahren Gefängnis rechnen. Sterbehelfer von Dignitas deuten das so: „Wer ohne selbstsüchtige Motive Beihilfe zum Suizid leistet, kann nicht bestraft werden; er handelt legal.“ Behörden und Gerichte lassen das gelten. Niemand wird verfolgt, der Sterbewilligen auf deren Wunsch einen „Todescocktail“ beschafft und erklärt, wie er einzunehmen ist.

Die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga tritt bei dem Kongress als Gastrednerin auf. Ihre Regierung hat vor einem Jahr Einschränkungen der Möglichkeiten zur Sterbehilfe abgelehnt. Nun spricht sie zum Thema „Wie viel Selbstbestimmung am Lebensende? – Das Schweizer Modell“.

Das Recht auf Selbstbestimmung wird in der Schweiz hoch gehalten. Doch wie weit es in der Frage von Leben und Tod gehen darf, ist durchaus umstritten. Selbst manchen Befürwortern macht ein seit Jahren zunehmender „Freitod-Trend“ Sorgen: der sogenannte Bilanzsuizid, der Freitod älterer Menschen, die nicht sterbenskrank sind, aber ihr Leben als erfüllt betrachten. Forschern zufolge macht der begleitete Suizid bei nicht Todkranken ein Drittel der Fälle aus.

„Die Entscheidung darüber, ob das Leben noch wertvoll genug ist, um weitergeführt zu werden, obliegt jedem selbst“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“. Doch Selbstbestimmung dürfe nicht missbraucht werden: „Es darf nicht normal werden, durch Suizid zu sterben.“

Text: dpa. Foto: Wikipedia/Pakeha. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

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