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Weltreise mit Endstation Liebe: Warum Erich Hubel trotzdem immer noch schmachtende Liebeslieder singt

Erich Hubel als Zuschauer bei einem Heimspiel des USC München

Erich Hubel ist in Australien eine Legende in der Behindertenbewegung und im Behindertensport. Längst lebt er jedoch als Übersetzer in Deutschland – und verstärkt ab sofort das ROLLINGPLANET-Team. Er betreut unsere neue Rubrik „Englisch lernen“. Zum Einstand haben wir Erich ausgefragt.

Er ist einer agilsten Sechzigjährigen, den ROLLINGPLANET bisher getroffen hat: Erich Hubel hat immer noch den Oberkörper eines Bodybuilders, singt wie ein junger Elvis und weiß, wie junge Mädchen ticken (dank zweier Töchter). Er ist fachlicher Berater unseres neuen Englischkurses für Einsteiger, der morgen beginnt (siehe Editorial: You can’t beat the wheeling: Warum ROLLINGPLANET ab morgen Englisch unterrichtet)

Erich wurde am 10. März 1951 in München geboren – und erkrankte als Siebenjähriger an Kinderlähmung. Fünf Jahre später wanderte er mit seinen Eltern nach Australien aus. An der Uni Melbourne studierte er Philosophie und Sprachen und machte seine Ausbildung zum Lehrer. Neun Jahre lang unterrichte er an Gymnasien, ehe er seinen Beamtenstatus aufgab, um sich in der australischen Behindertenbewegung beim Verein „Paravics“ zu engagieren. Zwischendurch tourte Erich durch Neuseeland und Australien – als Baladensänger für das Goethe Institut.

Sportler des Jahres 1979

Während dieser Zeit war Erich bereits ein australischer Spitzensportler: Von 1974 bis 1988 spielte er für den Rollstuhl-Basketballverein in Melbourne, den vielfachen australischen Meister, wurde 1979 zum Sportler des Jahres gewählt. Er war Kapitän der australischen Basketball-Nationalmannschaft („wie viele Länderspiele?“ – „Keine Ahnung!“).

Bei den Paralympics 1980 in Holland erzielte er beim Schnellfahren (Bike) zwei Mal Silber über 1.500 und 800 Meter und Bronze über 100 Meter. „Nebenbei“ nahm er bei diesem Turnier auch bei den Wettbewerben der Fünfkämpfer und Basketballer teil.

Als erster Rollstuhlfahrer gewann er 1981 den Melbourne Marathon (Zeit: 2 Stunden 3 Minuten) und wurde mit 160 Kilometern in 24 Stunden auf der Bahn Mitglied des „100 Meilen Clubs“.

Aus Liebe einfach mal da geblieben

1989 besuchte Erich Deutschland – aus der ursprünglich nur für ein Jahr geplanten Rundreise wurde ein Daueraufenthalt: Er lernte seine große Liebe, Christine, kennen und blieb kurzerhand in München. Er hat drei Kinder. Und machte auch in Deutschland eine steile Karriere: Nach einer Umschulung als staatlich geprüfter Übersetzer arbeitet Erich seit 1994 als Englisch/Deutsch- Übersetzer bei der Allianz Deutschland. Musik ist sein großes Hobby geblieben: Er ist Sänger der Allianz Musikband “Blue Eagles”.

Das Interview: Erfolglose Annäherungsversuche bei seinen Töchtern

Du hast gar keine Sehnsucht mehr nach Australien?

So richtige Sehnsucht nicht, da ich hier sehr glücklich mit meiner Familie lebe. Aber klar würde es mich reizen, wieder mal meine alten Freunde zu besuchen und auch an einige Orte zu reisen, die mir besonders viel bedeuten. Auch wenn ich schon viel in Australien herumgekommen bin, würde ich gerne noch mehr von dem Land entdecken. Aber das werde ich wahrscheinlich erst machen können, wenn alle Kinder aus dem Haus sind. Bis dahin bin ich dann auch schon längst im Ruhestand.

Worin unterscheiden sich die Deutschen und Australier?

Um das mal klischeehaft und verallgemeinert darzustellen – was auch im Großen und Ganzen stimmt –, sind Australier lockerer drauf, haben weniger Scheu im Umgang mit Fremden, sind spontaner und hängen nicht so viel an Regelwerken. Man fühlt sich sehr schnell als Teil einer Gruppe, was anfänglich sehr angenehm ist. Auf Dauer muss man sich aber doch, wie überall, seinen Stand und Ansehen selbst erarbeiten.

Wie würdest du den unterschiedlichen Sportsgeist der Deutschen und Australier beschreiben?

Rein auf individueller Ebene gibt es da so gut wie keine Unterschiede. Im Mannschaftssport, glaube ich, haben die Australier ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl. Das hängt sicherlich auch mit dem Mythos des australischen Sporthelden sowie mit einem gesteigerten Nationalitätsbewusstsein zusammen. Im Verhältnis zu der Bevölkerungszahl haben die Australier tatsächlich eine unglaubliche Siegerstatistik in sehr vielen Sportarten.

Gehen Australier mit behinderten Menschen anders um als die Deutschen?

Zunächst einmal muss man die Größe des Landes sehen. Die Vororte der Großstädte, die so genannten „suburbs“, dehnen sich ins Unendliche aus, sie bestehen zumeist aus Einfamilienhäusern mit mehr oder weniger großen Grundstücken. Dazu kommt ein insignifikantes öffentliches Transportsystem. Vor diesem Hintergrund gibt es viel weniger Kontakte zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Dagegen ist die Spendenfreudigkeit – hauptsächlich angestachelt durch die Medien – für Behinderteneinrichtungen und speziell für den Behindertensport sehr groß. Das ist auch gut so, denn die staatliche Unterstützung ist viel geringer im Vergleich zu Deutschland. Ich denke auch, dass die Integration des Behindertensports mit nichtbehinderten Sportlern weiter fortgeschritten ist. Schon in meiner aktiven Zeit, also vor mehr als zwanzig Jahren, spielten Rollstuhlbasketball-Mannschaften öfters Demos vor Fußgänger-Bundesligaspielen.

Familie Hubel. Nun gut, wir haben ein wenig übertrieben: Ein kleines Bäuchlein hat Erich doch.

Deine Kinder hast du zweisprachig erzogen? War das schwierig?

Ich habe zumindest versucht, meine Kinder zweisprachig zu erziehen. Das ist mir bei unserem Ältesten einigermaßen gelungen. Er konnte zumindest das meiste verstehen, auch wenn er nicht auf Englisch antwortete. Bei meinen beiden Töchtern war das schwieriger. Auf meine englischen Annäherungsversuche erwiderten sie häufig kurz und trocken: „Papa, sprich unsere Sprache!“

Du träumst auf Deutsch oder Englisch?

Beides, je nachdem, von wem ich träume. Manchmal ist es auch durcheinander.

Seit wann spielst du in der Musik Allianzband?

Seit elf Jahren. Mit 50 hörte ich auf, für den USC München in der Basketball-Liga zu spielen. Im selben Jahr fing ich in der Band an.

Was spielt Ihr, wie oft tretet Ihr auf, wer bucht Euch?

Wir sind in erster Linie eine Rockband und spielen Lieder von Elvis, den Beatles bis hin zu Status Quo, Deep Purple, ZZ-Top, aber auch von deutschen Bands wie die Spider Murphy Gang. Für ruhigere Anlässe haben wir auch ein „unplugged“-Repertoire. Ich habe anfänglich Gitarre gespielt und gesungen.

Heute konzentriere ich mich aufs Singen. Im Schnitt treten wir vier bis sechs mal im Jahr auf – nicht so häufig, da wir alle Vollzeit bei der Allianz beschäftigt sind, und die meisten auch Familie haben. Am häufigsten sind unsere Auftritte innerhalb der Firma, zum Beispiel bei Betriebsfesten, wo dann schon mal 2000 bis 3000 Leute da sind. Wir haben auch bei Allianz-Sportfesten in Mailand, Paris und Budapest gespielt. Ab und zu treten wir bei Hochzeiten oder Geburtstagen auf.

Gucken die Leute, wenn da ein behinderter Sänger auf der Bühne ist?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht – ich bin zu konzentriert auf meine Musik. Wenn, dann sprechen mich Leute nur auf meine oder unsere Leistung an, nie auf meinen Rollstuhl. Aber die werden sicherlich das ihre denken.

Was hört sich in deinen Ohren besonders grausam an, wenn ein Deutscher Englisch spricht?

Ja, das kann sich wirklich grausam anhören. Aber als ehemaliger Englischlehrer bin ich da abgestumpft. Außerdem hatte ich auch einen fürchterlichen australischen Akzent, als ich wieder nach Deutschland kam. Was ich aber noch viel irritierender finde, ist die Verwässerung und Verarmung der Deutschen Sprache durch Anglizismen, angefangen beim „Sorry“.

Wie unterscheidet sich australisches Englisch von US- und britischem Englisch?

Es gibt zwar innerhalb und zwischen Großbritannien und den USA verschieden Dialekte, aber die schränken das gegenseitige Verstehen nur unwesentlich ein. Da ist das Nuscheln der Australier schon etwas schwieriger zu verstehen. Was die schriftliche Sprache betrifft, basiert das australische Englisch auf dem britischen Englisch. Die Amerikaner haben versucht, die Schreibweise etwas zu vereinfachen, beispielsweise „night“ (Nacht) zu „nite“, aber auch das nur zu einem unerheblichen Ausmaß.

Was findest du am mühsamsten an der deutschen Sprache?

Die Schachtelsätze – besonders in der Amtssprache. Das bereitet einem oft Schwierigkeiten, etwa bei der Übersetzung von Versicherungspolicen.

Welchen Tipp gibst du jemand, der Englisch lernt?

Genauso wie man seine eigene Muttersprache durch tägliches Hören, Sprechen, das heißt durch ständiges Wiederholen erlernt, sollte man, wenn möglich, die Fremdsprache auch jeden Tag anwenden. Das versuche ich, meist mit wenig Erfolg, immer wieder meinen Kindern klar zu machen: also nicht nur kurz vor Schulaufgaben zu pauken, wie bei den meisten Fächern, sondern immer am Ball bleiben.

Zwar nicht täglich, aber ein bis zwei mal pro Woche können Sie hier am Ball bleiben: Mit ROLLINGPLANET, Erich Hubel und viel Musik – in unserem neuen Englisch-Kurs, der morgen startet. Folge 1: Watching the wheels

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