""

Weltweit erste Taubblinden-Demo in Berlin

Am 4. Oktober ziehen Betroffene mit Eisenketten durch die Straßen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

BannerTBL-Blogg_72px

Am Freitag, dem 4. Oktober 2013, werden taubblinde Menschen in Berlin demonstrieren. Sie wollen damit, wie es in einer Mitteilung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. heißt, gegen ihre unhaltbare Situation und für die Anerkennung ihrer Behinderung demonstrieren. Die Demonstration ist den Angaben zufolge die erste ihrer Art weltweit.

Sie startet um 12 Uhr am Platz der Republik (vor dem Bundestag) und führt am Bundesrat vorbei zum Potsdamer Platz. Die Demonstranten, die weder hören noch sehen können, ziehen an symbolische Eisenkugeln gekettet durch die Straßen – ein Bild dafür, dass Taubblindheit wie Isolationshaft wirkt, wenn die nötige Unterstützung fehlt. Am Potsdamer Platz geben taubblinde Menschen ab 14 Uhr Auskunft über ihre Lebenssituation und ihren Hilfebedarf. Bei dem Austausch werden sie von qualifizierten Assistenten unterstützt.

Taubblinde und Gesetzgebung

In dem Aufruf zur Demo heißt es:

„Wenn Taubblindheit in der deutschen Gesetzgebung vorkommt, wird sie definiert als die Summe von Blindheit und Gehörlosigkeit – aber das wird dieser Behinderung nicht gerecht. Wer nicht hören kann, ist extrem auf den Sehsinn angewiesen, als Blinder nutzt man sein Gehör sehr intensiv. Taubblinde Menschen müssen auf beide Hauptsinne verzichten, können also viel weniger ausgleichen als jemand mit ,nur‘ einer Behinderung. Ohne Assistenz ist beispielsweise die Ausübung des Wahlrechts nicht möglich, aber auch der tägliche Einkauf oder ein Arztbesuch werden zu unlösbaren Problemen.“

Nach Schätzungen des Gemeinsamen Fachausschusses „Hörsehbehindert/Taubblind“ (GFTB) im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband gibt es bundesweit 2.500 bis 6.000 taubblinde Menschen, die nicht angemessen mit Hilfsmitteln und Assistenzleistungen versorgt werden. Im Jahr 2007 hat der GFTB deshalb erstmals gefordert, dass die Betroffenen ein spezielles Merkzeichen „Tbl“ im Schwerbehindertenausweis erhalten. Solche Merkzeichen dienen dem Nachweis, dass man das Recht auf bestimmte Nachteilsausgleiche oder Sozialleistungen hat.

Kein eigenes Merkzeichen für Taubblinde

Bei öffentlichen Stellen, Unternehmen und Ärzten ist Taubblindheit so gut wie unbekannt. Mit einem Merkzeichen könnten die Betroffenen belegen, dass sie spezielle Hilfsmittel, Assistenz sowie Dolmetsch- und Rehabilitations-Angebote brauchen.

Nachdem es auch in dieser Legislaturperiode nicht gelang, ein eigenes Merkzeichen für Taubblindheit im Schwerbehindertenausweis einzuführen (ROLLINGPLANET berichtete), wollen die Betroffenen öffentlich auf ihre extrem schwierige Lebenssituation aufmerksam machen.

Die Veranstalter der Demo sind: die Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden (BAT), der Verein Leben mit Ushersyndrom (LMU), der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und die Stiftung Taubblind Leben.

Weitere Infos unter www.aktion-taubblind.de

Der politische Stand der Dinge

Quelle: DBSV/Irene Klein
Es schien so gut wie sicher, dass ein Merkzeichen für taubblinde Menschen noch unter der jetzigen Bundesregierung eingeführt werden würde. Doch auf Nachfrage des DBSV heißt es nun aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Nein, man sei sich mit den Ländern noch nicht einig. Die Betroffenenverbände reagieren mit Befremden und treten mit der nachfolgenden Erklärung an die Öffentlichkeit:

„Vor der Bundestagswahl wird es kein Merkzeichen für taubblinde Menschen mehr im Schwerbehindertenausweis geben. Die Verbände der Betroffenen fordern dieses Merkzeichen seit Jahren, damit Menschen mit Hör- und Seheinschränkung ihre Behinderung gegenüber Behörden nachweisen können. Nachdem es im November 2012 einen einstimmigen Beschluss der Arbeits- und Sozialministerkonferenz und einen Antrag der SPD-Fraktion im Bundestag zum Merkzeichen gab, schien das Merkzeichen greifbar nah. Im weiteren Verfahren zeigten sich aber Barrieren. Während die schwarz-gelbe Bundestagsmehrheit den erneuten SPD-Antrag im Bundestag im Juni ablehnte, waren die SPD-Länder mit dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vorgeschlagenen Verfahren nicht einverstanden.

,Taubblinde brauchen dringend eine sichtbare Anerkennung ihrer Behinderung. Wer diese Menschen zum Spielball des Wahlkampfes macht, hat überhaupt nichts verstanden‘, empört sich Dieter Zelle, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden. ‚Bleibt nur zu hoffen, dass in der Politik nach der Wahl wieder Vernunft einkehrt und den politischen Lippenbekenntnissen für ein Merkzeichen endlich Taten folgen‘, ergänzt Michael Gräfen vom Verein ‚Leben mit Usher-Syndrom‘: ‚Eine zeitnahe konstruktive Schaffung des Merkzeichens ist unsere Forderung.‘ (…)

Ein breites Bündnis von Verbänden, die im Gemeinsamen Fachausschuss Hörsehbehindert / Taubblind (GFTB) zusammengeschlossen sind, setzen sich zusammen mit der Stiftung ‚taubblind leben‘ und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) seit Jahren für das Merkzeichen ein. ‚Nach der enttäuschenden aktuellen Entwicklung erwarten wir klare und verbindliche Aussagen der Parteien zum weiteren Vorgehen nach der Wahl‘, sagt Irmgard Reichstein von der Stiftung ‚taubblind leben‘. Und der GFTB-Vorsitzende Reiner Delgado fügt hinzu: ‚Auch wenn das Merkzeichen nicht sofort kommt, wir werden uns weiter dafür einsetzen.'“

(PM)

Video

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN