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Wenn der Arzt das Vertrauen seiner Patienten ausnutzt

Eine bundesweit einmalige Beratungsstelle in Hessen deckt Missbrauchsfälle in der Medizin auf. Eine erste Bilanz nach zwei Monaten. Von Sandra Trauner

Dieser Anästhesist aus  Amberg wurde 2009 wegen Missbrauchs an neun Mädchen in insgesamt 13 Fällen - einige der Taten filmte er mit versteckter Kamera - verurteilt: Dreieinhalb Jahre Gefängnis (Foto: dpa)

Dieser Anästhesist aus Amberg wurde 2009 wegen Missbrauchs an neun Mädchen in insgesamt 13 Fällen – einige der Taten filmte er mit versteckter Kamera – verurteilt: Dreieinhalb Jahre Gefängnis (Foto: dpa)

Ein Frauenarzt filmt heimlich seine Patientinnen, ein Therapeut begrapscht sie bei Entspannungsübungen – Fälle wie diese sind spektakulär, aber selten. Missbrauch in der Praxis oder der Klinik fängt allerdings viel früher an: etwa, wenn ein Arzt eine Handwerkerleistung günstiger bekommt oder privat Kontakt zu einer Patientin sucht.

Zu klären, wo die Grenze verläuft, ist eine der Aufgaben der Ombudsstelle für Fälle von Missbrauch in ärztlichen Behandlungen der Landesärztekammer Hessen. Sie ist die erste ihrer Art in Deutschland.

Spektakuläre Fälle von Missbrauch durch Ärzte

Wenn es zu einem Prozess kommt, erregen Missbrauchsfälle in Arztpraxen oder Krankenhäusern stets großes Aufsehen. Einige große Verfahren gegen Mediziner, die sich an Patienten vergangenen haben, aus den vergangenen Jahren:

> Ein Frauenarzt aus der Pfalz soll Hunderte von Frauen während der gynäkologischen Untersuchung fotografiert und gefilmt haben. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal wirft dem Mann neben sexuellem Missbrauch die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“ der Frauen vor und hat ein Berufsverbot beantragt.

> Ein 74 Jahre alter Medizinprofessor hat eine 54-Jährige in einer Klinik Thüringen vergewaltigt. Das Landgericht Meiningen verurteilte ihn zu zwei Jahren und drei Monaten Haft und verhängte ein dreijähriges Berufsverbot.

> Ein Therapeut aus Baden-Württemberg hat fünf Patientinnen während Entspannungsübungen oder unter Hypnose unter die Kleidung gefasst und ihre Brüste berührt. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten auf Bewährung verurteilt.

> Ein Narkosearzt aus Bayern hat neun Mädchen sexuell missbraucht. An einigen der zehn bis zwölf Jahre alten Opfern verging er sich im Klinikum, einige der Taten filmte er mit versteckter Kamera. Er wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

„Viele Patienten haben große Schwierigkeiten, mit Erfahrungen von Missbrauch in einer Behandlung umzugehen“, begründet die Kammer ihre Initiative. „Oft werden solche Vorkommnisse verschwiegen.“ Viele betroffene Patienten glaubten, sofort Strafanzeige stellen zu müssen, könnten sich aber nicht zu diesem Schritt entschließen. Die Ombudsstelle bietet „eine vertrauliche Beratung mit einem neutralen Gesprächspartner“.

Klarer Missbrauch lag bisher nur selten vor

Etwa 25 Mal haben Patienten seit Mitte März Kontakt zum Ombudsmann Meinhard Korte aufgenommen. „Ein klarer Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses lag nur in wenigen Fällen vor“, sagt der Hanauer Psychotherapeut und Allgemeinmediziner.

Die meisten Patienten beklagten sich, der Arzt sei nicht einfühlsam gewesen oder habe sie menschlich schlecht behandelt. Einige berichteten von einem tatsächlichen, aber länger zurückliegenden Missbrauch. Eine Mutter bat um Rat, weil sie das Gefühl hatte, der Arzt ihrer behinderten Tochter verhalte sich „irgendwie nicht korrekt“.

Zwischen Missbrauch und Grenzverletzung

Die Bilanz des Ombudsmannes nach zwei Monaten: „Es gibt großen Gesprächsbedarf“. Dass bislang keine strafrechtlich relevanten Übergriffe darunter waren, bedeutet nicht, dass Korte wenig zu tun hat – im Gegenteil. Seine Hauptaufgabe sieht er darin, mit den Patienten zu erörtern, ob es sich um einen Missbrauch oder eine Grenzverletzung handelt oder nicht.

Seine Definition: „Missbrauch ist, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis ausgenutzt wird, um ein persönliches Bedürfnis zu befriedigen. Die Trennlinie ist: Dient das Handeln des Arztes der Behandlung oder widerspricht es diesem Ziel?“

Auch wenn es sehr selten vorkomme: Ein Patient könne die Beziehung zum Arzt ebenso missbrauchen wie umgekehrt. Ein Psychotherapeut berichtete Korte von einer Patientin, die ihn des Missbrauchs bezichtigte, nachdem er ihren Wunsch nach einer privaten Beziehung nicht erfüllt hatte. Sie zeigte ihn an und erzwang Verfahren durch drei Instanzen, das mit einem endgültigen Freispruch endete.

Alternative zum Rechtsweg?

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Wolfram-Arnim Candidus, findet die Ombudsstelle „eine gute Initiative“. Er äußerte aber auch den leisen Verdacht, dass sie eine „Schaufensterveranstaltung“ der Landesärztekammer sein könnte – vielleicht sogar mit dem Hintergedanken, Patienten davon abzuhalten, zur Polizei oder zum Anwalt zu gehen.

Absicht sei das nicht, sagt Korte, aber dennoch oft die Folge der Beratungsgespräche: „Wenn Ratsuchende die Erfahrung machen, dass sie und ihr Anliegen ernst genommen werden, können auch Alternativen zur juristischen Aufarbeitung ins Blickfeld rücken.“ Als Alternative zum Rechtsweg bietet Korte auch an, einen Kontakt zu dem betroffenen Arzt herzustellen, falls der Patient das möchte.

Unabhängigkeit gefordert

An sich seien Ombudsstellen eine gute Sache, sagte Candidus. Damit sie Patienten wirklich helfen, müsse sie aber völlig unabhängig sein: angesiedelt bei einer nicht-ärztlichen Stelle, nicht von einem Arzt geleitet und aus Steuermitteln finanziert.

Besser als Insellösungen für Missbrauchsfälle oder Behandlungsfehler fände Candidus eine Ombudsstelle „für alle Probleme in der medizinischen Versorgung“, etwa auch, wenn man trotz akuter Beschwerden keinen Termin bekomme.

Die Ombudsstelle ist telefonisch erreichbar unter 069/97672-347, per Mail unter [email protected] (für blinde Menschen/Braille-Zeile: Ombudsstelle-Missbrauch at laekh dot de) oder schriftlich unter: Ombudsstelle der Landesärztekammer Hessen, Im Vogelsgesang 3, 60488 Frankfurt am Main

Der rechtliche Rahmen für das Arzt-Patienten-Verhältnis

Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist heikel. Was erlaubt ist und was nicht, erklärt die Berufsordnung. Bei besonders schweren Verstößen greift das Strafrecht.

In der Berufsordnung für Ärzte in Hessen steht, dass jede ärztliche Behandlung „unter Wahrung der Menschenwürde und unter Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte des Patienten, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts“, zu erfolgen hat.

Der sexuelle Kontakt zu Patienten während einer Psychotherapie wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft, wobei schon der Versuch strafbar ist.

Ein Verstoß kann berufsrechtliche Folgen haben (Entzug der Approbation), im Fall eines sexuellen Kontaktes gibt es strafrechtliche Konsequenzen (bis hin zur Haft), möglich sind auch zivilrechtliche Forderungen (Schadensersatzansprüche).

(dpa)

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