Wenn der Himmel verschwindet

Rauchschwaden nebeln Südostasien ein. Millionen Menschen sind betroffen. Manche verzweifeln. Von Kirsten Han, Ahmad Pathoni und John Grafilo

Ein indonesischer Arbeiter säubert die Straße – sein Land kämpft mit den Folgen von Umweltsünden. (Foto: EPA/RONY MUHARRMAN/dpa)

Ein indonesischer Arbeiter säubert die Straße – sein Land kämpft mit den Folgen von Umweltsünden. (Foto: EPA/RONY MUHARRMAN/dpa)

Erst verschwindet der Himmel, dann sinkt die Sicht auf keine zehn Meter. Dann der beißende Geruch, der einem den Atem raubt: Mehr als 30 Millionen Menschen in Südostasien sind von Rauchschwaden durch illegale Brandrodungen eingenebelt. Mit existenzbedrohenden Folgen.

Tagelange dicke Luft mit beißendem Brandgeruch, das hat die dreijährigen Zoey im südostasiatischen Stadtstaat Singapur fertig gemacht. Es fing mit Husten an, dann hohes Fieber, dann die Diagnose: Bronchitis. Ähnlich geht es Zehntausenden Menschen in einer riesigen Region. Seit mehr als drei Wochen ziehen dicke Rauchschwaden über Tausende Kilometer hinweg, ausgelöst durch illegale Brandrodungen in Indonesien. Millionen Menschen sind betroffen. Manche verzweifeln.

Lebensbedrohliche Hustenattacken

Gut 300 Kilometer nördlich von Singapur, in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, wird es tagelang kaum noch hell. Selbst das Licht von Straßenlaternen ist durch die Rauchschwaden schummrig. Die 35-jährige Chin Wen Wen hat so lebensbedrohliche Hustenattacken, dass der Arzt ihr Antibiotika und Bettruhe verordnet hat. Die Söhne, drei und sieben, haben Asthma. Chin Wen Wen lässt die beiden nicht mehr nach draußen, selbst in der Wohnung müssen sie Masken vor Mund und Nase tragen. „Ich kann unseren Gemüsestand nicht mehr öffnen, wie sollen wir nun die Miete bezahlen?“, sagt sie. „Mein Mann macht Überstunden in seiner Telekomfirma, damit wir über die Runden kommen.“

Der 45-jährige Witwer S. Arekusamy mit sechs Kindern arbeitet in Port Klang außerhalb von Kuala Lumpur in einer Fabrik und sieht seine Existenz bedroht. Zwei seiner vier Töchter, zehn und zwölf, sind krank zu Hause. „Ich muss mich um sie kümmern, aber wenn ich nicht arbeite, bekomme ich auch kein Geld“, sagt er. „Meine Söhne, Teenager, und die ältere Tochter müssen jetzt nach der Schule in einem Supermarkt jobben, sonst hätten wir nichts.“ Jetzt muss er für die Mädchen auch noch Inhalatoren kaufen. „Wovon?“ sagt er verzweifelt. Das Gesundheitsministerium warnt, dass sich die Rauchschwaden womöglich erst im November richtig verziehen.

Was ist die Ursache?

Die Brandrodungen auf der benachbarten indonesischen Insel Sumatra und im indonesischen Teil Borneos sind schuld. Das passiert jedes Jahr, aber dieses Mal ist es besonders schlimm. Von Singapur aus liegt Jambi auf Sumatra mehr als 300 Kilometer westlich, Benjarmasin auf Borneo mehr als 1200 Kilometer östlich. Je nach Wind werden Singapur und Malaysia aus beiden Richtungen eingenebelt.

Kleinbauern, aber vor allem Plantagenbesitzer bereiten durch Abfackeln ihre Felder für Neupflanzungen vor. Durch die Dürre – in diesem Jahr verschärft durch das Wetterphänomen El Niño – geraten die Brände oft außer Kontrolle. Brandrodung ist zwar verboten. Es gibt rund 100 Verdächtige, und 17 Plantagenfirmen stehen am Pranger, sagt der Sprecher der Katastrophenbehörde, Sutopo Nugroho. Aber die Polizei bekommt die Schuldigen seit Jahren nicht zu fassen.

Mehr als 20.000 Feuerwehrleute seien im Einsatz mit Dutzenden Feuerlöschflugzeugen. Aber durch das schiere Ausmaß der Brände sind ihre Bemühungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Bei allem Einsatz entstehen immer wieder neue Brände“, sagt Nugroho.

Trauerspiel auch in Indonesien

Auch in Indonesien leiden die Menschen. 25 Millionen leben in rauchumnebelten Gebieten, sagt der Sprecher, mehr als 115.000 brauchen bereits ärztliche Hilfe. Iko Matusunia lebt in der Provinz Jambi auf Sumatra mit ihrem Mann und vier Kindern. Dasselbe Trauerspiel wie anderswo: die Kinder husten und haben Fieber. Die Schule ist mehrfach geschlossen worden, weil Kindern der Schulweg nicht zuzumuten war. Matusunia hat zu Hause die Fensterritzen mit Zeitungspapier ausgestopft, damit der Rauch nicht reinkommt. Sie wollte in die weniger betroffene Hauptstadt Jakarta, Verwandte besuchen. „Aber es gibt keine Flüge, wir sitzen hier fest“, sagt sie.

Schulen in Singapur haben alle Aktivitäten im Freien eingestellt. Für Lehrer und Kinder eine große Belastung, sagt Kinderpädagogin Rachel Zeng. „Eine Musik- und Tanzklasse hat seit Monaten an einer Choreographie gearbeitet, aber jetzt rennen die Kinder nur noch wild durcheinander“, sagt sie. „Als die Lehrerin sie schließlich beruhigt hatte und fragte, warum, sagte sie, sie wollen sich einfach nur austoben, weil sie so lange nicht mehr herumrennen konnten.“

Olivia und Irene Chiong haben ihre Tochter Zoey auch seit zwei Wochen nicht mehr zum Spielplatz gelassen. Jetzt sind sie mit der Kleinen für ein paar Tage nach Jakarta geflogen. Zum Durchatmen.

(dpa)

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