Wenn der Müll bis zum Hals steht: Neue Messie-Akademie will helfen

Michael Schröter, Inhaber einer Firma zum Räumen vermüllter Wohnungen, wagt einen großen Schritt. Er bildet Fachkräfte aus. Doch seine Initiative ist umstritten.

Der Direktor der Messie-Akademie Michael Schröter steht in einem für Schulungs- und Anschauungszwecken nachgebauten Messie-Zimmer. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Direktor der Messie-Akademie Michael Schröter steht in einem für Schulungs- und Anschauungszwecken nachgebauten Messie-Zimmer. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Helfer können ein Lied davon singen: Sie sperren eine Wohnung auf und stoßen meterhoch auf Müll. Oft krabbelt Ungeziefer zwischen Essensresten und Papierbergen herum. Meistens zeugt ein unausstehlicher Gestank von der totalen Verwahrlosung. In solchen Wohnungen hausen seelisch kranke Menschen, genannt Messies. Sie können nichts wegwerfen, müssen alles zwanghaft horten. Am Ende sind sie in einer ausweglosen Situation und brauchen Hilfe. Experten gehen davon aus, dass an die zwei Millionen Menschen in Deutschland unter dem Messie-Syndrom leiden.

Die Zahl der Hilfsangebote ist überschaubar. Michael Schröter will das ändern. Der 64-Jährige hat 14 Jahre Erfahrung mit vermüllten Wohnungen und deren Inhabern. An diesem Freitag (14. Oktober) ist die Gründungsfeier seiner Messie-Akademie in Gauting bei München, in der künftig sogenannte Messie-Hilfe-Fachkräfte ausgebildet werden. Die Vision des gelernten Altenpflegehelfers: „Eines Tages soll jeder Betroffene des Messie-Syndroms professionelle und einfühlsame Hilfe erhalten.“

„Schneise durch den Müll schlagen“

Michael Schröter vor seiner Messie-Akademie, die morgen offiziell eröffnet wird. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Michael Schröter vor seiner Messie-Akademie, die morgen offiziell eröffnet wird. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Schröter geht es dabei um praktische Hilfe, um Wohnraumarbeit, wie er es nennt. „Wenn wir Zutritt in die Wohnung eines Messies haben, geht es erst einmal darum, Platz zu schaffen, uns regelrecht eine Schneise durch den Müll zu schlagen.“ Der nächste Schritt sei, die Böden freizubekommen, um Durchgänge zu schaffen und danach Zimmer für Zimmer aufzuräumen. Manchmal stapelt sich Angesammeltes bis fast unter die Decke.

Ein weiteres Problem sei die „schlimme Atemluft“ in vermüllten Wohnungen. „Zu den seelischen Problemen der Messies treten oft körperliche Beschwerden, vor allem Atemwegserkrankungen“, weiß der 64-Jährige zu berichten. Denn Messies lüften nicht, sie können es oft gar nicht, weil alles in der Wohnung zugestellt ist. Dazu kommt nicht selten der Gestank von verdorbenen Lebensmitteln.

Und natürlich spielt Ungeziefer eine Rolle. Kakerlaken sind noch das geringere Problem. Vor allem in Erdgeschosswohnungen werden auch Mäuse und Ratten Mitbewohner. Schröter erinnert sich an eine Räumaktion, bei der ein Messie mit rund 50 toten und 50 lebenden Mäusen hauste. Die Nagetiere waren vom bestialischen Gestank im Haus angelockt worden. Bei derartigen Extremfällen setzt Schröters Team schon einmal Atemschutzmasken auf.

Vereinsamte und ausgegrenzte Menschen

Doch mit dem Wegbringen von Unrat ist es nicht getan. Zu Schröters Arbeit gehört auch, zusammen mit dem Messie ein Konzept zu entwickeln, damit sich nicht wieder Papierberge und Gegenstände aller Art ansammeln. Ohnedies weiß er, dass hinter dem Messie-Syndrom eine seelische Krankheit steckt. Meist seien die Betroffenen vereinsamt und fühlten sich ausgegrenzt.

Sie lassen aus Scham über ihre Unordnung niemanden mehr in ihre Wohnung. „Es braucht oft erst einen Zwischenfall, etwa einen Wasserrohrbruch, damit jemand die Räume des Messies betritt“, weiß der 64-Jährige. „Die Betroffenen empfinden es dann als Erleichterung,
wenn ihr Schicksal bekannt wird.“

Seine ersten Erfahrungen mit Messies sammelte der Altenpflegehelfer bei der Caritas. „Ich war erschrocken, als ich die ersten Messie-Wohnungen sah, aber dann wurde ich neugierig“, erinnert er sich. So entstand sein Dienstleistungsbetrieb zur Räumung von vermüllten Wohnungen. Schröter arbeitet dabei mit Sozialbehörden zusammen. Bis zu 10.000 Euro kostet das Aufräumen einer total verwahrlosten Wohnung. In gut der Hälfte der Fälle können Messies das Geld selber aufbringen, andernfalls springt der Staat ein.

Deutschlandweit Kurse geplant

Der Gründer und Leiter der Messie-Akademie will die Hilfe für Betroffene nun auf ganz Deutschland ausweiten. In mehrwöchigen Kursen bildet er Messie-Hilfe-Fachkräfte aus. Er will dazu in größere Städte kommen und die Seminare dort abhalten. „Wir haben die Messie-Akademie als Reise-Akademie konzipiert“, erläutert Schröter. Die Helfer sollen in Messie-Wohnungen aktiv werden. „Es geht nicht um Therapie, die wir gar nicht leisten können, es geht um praktische Unterstützung in der Wohnung selbst“, bekräftigt er. Für die Therapie seien Psychotherapeuten gefragt.

In den Gautinger Räumen der Messie-Akademie vor den Toren der bayerischen Landeshauptstadt gibt es ein Messie-Apartment. Schröter hat dort Gegenstände gesammelt, die nur in den vergangenen vier Wochen bei der Räumung von Messie-Wohnungen angefallen sind. Das Apartment dient auch Schulungszwecken.

Barmherzigkeit allein dürfte es nicht sein, die Schröter antreibt. Auf der Webseite der Messie-Akademie heißt es: „Die Kosten für die 12 tägige Ausbildung und die anschließende Unterstützung bei dem Start in die Selbstständigkeit betragen 4.280,- Euro inkl. MwSt. Eine Teilzahlung ist möglich. Bitte sprechen Sie uns diesbezüglich an. Aufgrund des großen Bedarfs an Messie-Hilfe-Fachkräften ist davon auszugehen, dass diese ausreichend viele Aufträge erhalten. Abhängig von der Zeit die eine Messie-Hilfe-Fachkraft für seine Tätigkeit aufwendet und von seinem Engagement ist die Höhe der Einnahmen. “

„Wie kann er es wagen?“

Schröters Akademie-Gründung stößt nicht überall auf Gegenliebe. Die nicht mit Michael Schröter verwandte Veronika Schröter etwa, die in Freiburg das Institut für Messie-Therapie und in Stuttgart ein Messie-Kompetenz-Zentrum betreibt, fragt: „Wie kann er es wagen, eine Akademie zu gründen?“ Dafür fehle dem 64-Jährigen schlichtweg der wissenschaftliche Hintergrund. Der Name sei zu hoch gegriffen.

Denn letztlich sei Schröters Unternehmen nichts anderes als ein Entrümpelungsdienst. „Vielleicht braucht man diesen Mut“, argwöhnt die Expertin, die von 2010 bis 2012 maßgeblich an einer wissenschaftliche Studie der Uni Freiburg zum Messie-Syndrom beteiligt war. Trotz aller Skepsis sagt die Inhaberin einer sozialpsychologischen Praxis aber an die Adresse ihres Namensvetters gewandt: „Ich wünsche ihm alles Gute.“

(RP/Paul Winterer/dpa)

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