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Wenn der Typ doch nicht der Vater meines Kindes werden soll: Wie klappt es mit der „Pille danach“?

Das Notfallverhütungsmittel wirkt umso besser, je schneller es nach dem Sex eingenommen wird. Doch so einfach ist es mit der Eile nicht: Frauen müssen sich erst ein Rezept besorgen. Von Hannah Loeffler

(Foto: Stephan B./pixelio.de)

(Foto: Stephan B./pixelio.de)

Wenn das Kondom reißt oder die Pille vergessen wurde, ist die „Pille danach“ oft die letzte Rettung vor einer unerwünschten Schwangerschaft.

Anders als in vielen anderen europäischen Ländern, wo es die Notfallverhütung einfach in der Apotheke zu kaufen gibt, benötigen Frauen in Deutschland ein Rezept für das Medikament. Das kostet oft Zeit, wertvolle Zeit. Denn die „Pille danach“ wirkt laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln umso besser, je schneller eine Frau sie nach dem Geschlechtsverkehr einnimmt.

Die „Pille danach“ wird nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF) in Deutschland jährlich rund 400.000 Mal verschrieben – in 29 Prozent der Fälle Frauen unter 20 Jahren.

Zwei Wirkstoffe erhältlich

Derzeit sind zwei Wirkstoffe zugelassen: Levonorgestrel (LNG) und Ulipristalacetat (UPA). Mit beiden Wirkstoffen gilt die „Pille danach“ als Verhütungsmittel, weil sie keine Abtreibung bewirkt, sondern lediglich den Eisprung verzögert oder unterdrückt.

Daher können Spermien, die nach dem Sex eine maximale Überlebenszeit von drei bis fünf Tagen im Körper einer Frau haben, die Eizelle nicht befruchten – eine Schwangerschaft bleibt aus. Wurde die Eizelle jedoch befruchtet und hat sie sich bereits in der Gebärmutter eingenistet, wirkt das Notfallmedikament nicht mehr.

Die „Pille danach“ mit dem Wirkstoff LNG verhindert laut BZgA mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schwangerschaft, wenn sie spätestens 72 Stunden, also drei Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen wird. Bei der neueren „Pille danach“ mit dem Wirkstoff UPA dürfen nicht mehr als 120 Stunden, also fünf Tage vergehen.

Möglichst schnell nach dem Sex einnehmen

Beide Mittel sollten immer so schnell wie möglich nach dem Sex genommen werden, weil die Wirksamkeit mit der Zeit sinkt. So verhindert die „Pille danach“ mit dem Wirkstoff LNG 24 Stunden nach dem Sex noch zu 95 Prozent eine ungewollte Schwangerschaft. Am dritten Tag, also 48 bis 72 Stunden danach, nur noch zu 58 Prozent, wie die BZgA angibt.

Die Kosten für die „Pille danach“ werden bis zum 20. Geburtstag von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Ab 18 Jahren kann eine Zuzahlung anfallen. Mit dem 20. Geburtstag müssen betroffene Frauen die Kosten in jedem Fall selbst übernehmen.

„Nicht sehr diskret – das war irre peinlich“

Tanja Meier* aus Hamburg kennt die Probleme mit der „Pille danach“: Nachdem sie vergessen hatte, die reguläre Pille einzunehmen, riss beim Sex auch noch das Kondom – ausgerechnet an einem Sonntag. Sofort fuhr die damals 22-Jährige mit ihrem Freund ins Krankenhaus. „Die waren dort nicht sehr diskret – das war irre peinlich“, berichtet sie. Mit einem Heft über korrekte Verhütung in der Hand musste das Paar auf eine Frauenärztin warten.

Um betroffenen Frauen den Weg zum Arzt oder ins Krankenhaus zu ersparen und so eine schnellere Einnahme der „Pille danach“ zu ermöglichen, drängt die Organisation pro familia auf eine Rezeptfreiheit für die „Pille danach“ in Deutschland. Auch die World Health Organisation (WHO) und die US-Arzneimittelbehörde FDA plädieren dafür. Der BVF hält dagegen: Eine ärztliche Beratung vorab sei dringend nötig, um mögliche Risiken auszuschließen.

Streit um Rezeptfreiheit – worum geht es?

Beim Streit um die Rezeptfreiheit für die „Pille danach“ geht es ausschließlich um den Wirkstoff LNG. In 28 europäischen Ländern können Frauen laut pro familia die „Pille danach“ mit LNG ohne Rezept bekommen – darunter in der Schweiz und in Österreich. UPA hingegen ist europaweit rezeptpflichtig. Der Hintergrund: Der Wirkstoff kann in seltenen Fällen Einfluss auf eine bestehende Schwangerschaft haben. Deshalb muss ein Arzt vorab ausschließen, dass die Patientin bereits schwanger ist.

Der BVF hält UPA für das bessere Medikament, weil es nach neuen Studien wirksamer sei als LNG und so mehr Schwangerschaften verhindern könnte. Der Verband spricht sich daher vehement dagegen aus, dass die „Pille danach“ mit LNG rezeptfrei über die Theke geht. Frauen, die sich in einer Notlage befinden, würden dann das weniger wirksame Präparat wählen und sich vorab auch nicht mehr untersuchen lassen, befürchtet BVF-Präsident Christian Albring.

Wann ist ärztliche Beratung erforderlich?

„Eine ärztliche Beratung ist wichtig, um zu beurteilen, ob die Pille danach überhaupt gegeben werden kann und welche Risiken es gibt“, sagt Albring. Neben einer bestehenden Schwangerschaft müsse beispielsweise ein Thromboserisiko ausgeschlossen werden. Auch das Gewicht der Patientin sei entscheidend, da die Wirkung beider Wirkstoffe mit zunehmenden Körpergewicht abnimmt.

Tanja wurde im Krankenhaus nicht von der Frauenärztin untersucht. Ihr wurden auch keine Fragen gestellt, beispielsweise nach ihrem Gewicht. Sie musste nur schildern, was passiert war. Die Ärztin zeigte sich verständnisvoll und stellte ihr das Rezept aus. „Wozu hätte ich mich denn auch untersuchen oder lange beraten lassen sollen? Ich wollte doch nur ein Rezept haben“, erzählt Tanja.

Genauso sieht es pro familia, zumindest bezüglich des Wirkstoffes LNG. „Levonorgestrel wurde weltweit schon millionenfach genutzt, und es gab bisher keine schwerwiegenden Komplikationen“, argumentiert die Frauenärztin Ines Thonke vom pro-familia-Bundesverband.

Am Wochenende besonders problematisch

Besonders in strukturschwachen Gegenden von Deutschland sei es für Frauen schwierig, rechtzeitig an ein Rezept zu kommen. Frauenarztpraxen seien gerade nach einem Wochenende oft überfüllt. Außerdem würden einige Klinikärzte das Rezept aus moralischen oder religiösen Gründen nicht ausstellen, berichtet Thonke.

Oft kommen Frauen deswegen am Wochenende nur über Umwege an die „Pille danach“: über bekannte Ärzte, den Notfalldienst, Krankenhäuser oder sehr kulante Apotheker.

Nach der Einnahme beginnt die Regelblutung meist zum gewohnten Zeitpunkt. Wenn die Periode eine Woche später als üblich eintritt oder deutlich schwächer ist, sollte ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden, rät der BVF. Frauen, die mit der regulären Pille verhüten, sollten diese wie gewohnt bis zum Zyklusende weiternehmen. Allerdings sollten Paare in dem Zyklus zusätzlich mit einem Kondom verhüten.

(dpa/tmn)

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