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Wenn die Krankenkasse Angst macht – Patienten suchen verzweifelt Rat

Die Unabhängige Patientenberatung erhebt schwere Vorwürfe. Von Basil Wegener

Patientenbeauftragter Karl-Josef Laumann (CDU) ermahnt die Krankenkassen (Pressefoto)

Patientenbeauftragter Karl-Josef Laumann (CDU) ermahnt die Krankenkassen (Pressefoto)

Die 48-Jährige fühlte sich, als säße sie in einem tiefen Loch fest. Diagnose: schwere Depression. Eigentlich war sie als Sozialarbeiterin in einem sozialen Brennpunkt für Probleme anderer da, doch seit zwölf Wochen war sie krankgeschrieben. Plötzlich, innerhalb von wenigen Tagen, sollte sie nach dem Willen ihrer Krankenkasse wieder arbeiten – obwohl sie sich nicht dazu in der Lage sah. Laut Unabhängiger Patientenberatung Deutschland (UPD) ist es kein Einzelfall – Krankenkassen verweigern Versicherten nach dem neuen UPD-Jahresbericht immer wieder Krankengeld und andere Leistungen.

Im Fall der 48-Jährigen war das Vorgehen der Kasse formal wohl korrekt. Sie schickte ihre Versicherte zur Begutachtung der Arbeitsfähigkeit zum Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Doch der Termin war sehr kurz, der Gutachter kannte die Akten, hörte der Patientin aber angeblich noch nicht einmal richtig zu – und schon am nächsten Tag, einem Freitag, teilte die Kasse ihr mit, dass sie ab Montag wieder arbeitsfähig sei. Das Krankengeld werde dann eingestellt.

Oft geht es um die Existenz der Betroffenen

Beim Thema Krankengeld hätten Patienten oft Angst vor ihrer Krankenkasse, heißt es bei der UPD. „Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass der MDK prüfen und die Arbeitsfähigkeit feststellen kann.“ Die Entscheidung liegt dann bei der Kasse. Oft gehe es um die wirtschaftliche Existenz der Betroffenen. „Am Ende steht nicht selten der soziale Abstieg, das Haus ist weg und die Familie geht kaputt. Es ist teilweise sehr dramatisch, was da abläuft.“

Doch schalten die einzelnen Kassen nach den Erfahrungen der Berater gar nicht immer den MDK ein – ihre Mitarbeiter greifen auch selbst zum Telefon und erkundigen sich mit offenbar teils bohrenden Fragen nach dem Gesundheitszustand. Dabei gehe die Kassen das gar nichts an, schimpft der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann (CDU) – und fordert die Versicherungen auf, das zu lassen.

Allerdings: Wenn Patienten vorher ihr Einverständnis erklären, haben die Kassen das Recht auf solche Anrufe. Dabei wüssten die Versicherten bei der Einwilligung oft gar nicht, dass sie das besser nicht tun sollten, meinen die Berater.

Psychisch Kranke werden hingehalten

Deutschlands Psychotherapeuten sind alarmiert. „Krankenkassen lassen nichts unversucht, die Kosten für Krankengeld zu senken“, kritisiert der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Rainer Richter. Die Kassen sollten psychisch Kranken lieber die Therapie bezahlen – stattdessen warteten diese Patienten in Deutschland mehr als drei Monate auf einen Termin beim Psychotherapeuten.

Nun ist die Kritik an den Kassen nicht neu – schon der UPD-Bericht 2013 griff entsprechende Fälle auf. Im Bundestagswahlkampf fühlte sich sogar die Bundeskanzlerin bemüßigt, Abhilfe wegen verweigerter Kassenleistungen zu versprechen. „Wir gehen solchen Vorwürfen nach“, sagte Angela Merkel im Herbst. Auch Laumann will Drängeleien von Kassenmitarbeitern nicht dulden. Doch ist es wirklich so schlimm?

Telefon- und Onlineberatung soll ausgebaut werden

Der Krankenkassen-Verband verweist darauf, dass knapp 1400 Hinweise zu Problemen aus dem UPD-Bericht angesichts von 1,77 Millionen Krankengeldfällen nicht viel ist. Doch weiß niemand, wie klein oder groß die Probleme wirklich sind.

Eine andere Zahl deutet darauf hin, dass es zumindest viel öfter nicht nach Wunsch der Versicherten läuft: Bei rund 230.000 Patienten kamen MDK-Gutachter 2012 zu dem Ergebnis, dass aus medizinischer Sicht kein Grund für die weitere Bescheinigung von Arbeitsunfähigkeit gegeben sei. Der MDK versichert, die Gutachter ließen es an Sorgfalt nicht mangeln – und wer psychische Leiden hat, dem könne es auch helfen, wieder zur Arbeit zu gehen.

Auch andere Sorgen lassen die Telefone der UPD heiß laufen. Der Verdacht auf Behandlungsfehler zählt dazu, nicht bewilligte Reha-Maßnahmen oder schlechte Infos in Praxen oder Kliniken. Mehr als die Hälfte der Anrufer pro Stunde erreichten wegen des Andrangs gar keinen Berater, räumt UPD-Geschäftsführer Sebastian Schmidt-Kaehler ein. Die Koalition erhöht die Förderung durch die Kassen nun von 5,6 auf 9 Millionen Euro pro Jahr. Telefon- und Onlineberatung im immer verschachtelter werdenden Gesundheitswesen solle kräftig ausgebaut werden, verspricht Laumann.

(dpa)

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