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Wenn es den Bewohnern stinkt: Duschen verboten

In einem Hochhaus in Neu-Ulm brodelt es: Seit drei Monaten gibt es dort ein offizielles Duschverbot – wegen Keimen in den Wasserleitungen. Viele Senioren sind davon betroffen und besonders gefährdet. Von Özlem Yilmazer (Text und Fotos)

In diesem Hochhaus im schwäbischen Neu-Ulm (Bayern) darf nicht geduscht werden

In diesem Hochhaus im schwäbischen Neu-Ulm (Bayern) darf nicht geduscht werden

Mehrere Bewohner des Hochhauses Donaucenter in Neu-Ulm stehen am Freitag vor dem Hauseingang und ärgern sich gewaltig. „Jetzt passiert schon wieder nichts“, meckert eine Mieterin, die den Aushang sieht, dass die Desinfektion der mit Legionellen befallenen Wasserleitungen um eine Woche verschoben wird.

Schon seit Dezember 2012 gilt in dem größten Hochhaus der bayerischen Donaustadt Duschverbot. Eine hohe Zahl an Keimen war festgestellt worden. Viele der gut 500 Bewohner sind entnervt. Eine 69-Jährige geht zum Duschen ins Hallenbad. „Es tut sich nichts, es gibt wieder Verzögerungen“, sagt sie. Von eingeleiteten Akutmaßnahmen, spricht der Eigentümerbeirat. Eine schnelle Lösung scheint nicht in Sicht.

“Ich habe halt Angst“

„Die Mieter sind schlimm dran“, sagt die 69-Jährige. Ihr Mann ist Eigentümer der gemeinsamen Wohnung und anderer Meinung als sie. „Mann kann doch nicht alles unter den Teppich kehren“, betont die Frau vor dem Haus am Donauufer jedoch. „Ich habe halt Angst und stehe dazu.“ Einige Mieter hätten wegen des Duschverbots die Nebenkosten gesenkt. Ihren Namen will sie nicht nennen. Es werde viel geredet unter den Nachbarn.

„Das ärgert uns auch“, sagt eine 84-Jährige. Sie ist Eigentümerin ihrer Wohnung seit 37 Jahren. Um das Duschverbot schert sie sich nicht. Dabei zählt sie mit ihrem Alter zu den Gefährdeten. Sie könnte die Keime über warme Wassertropfen einatmen. Wenn sie Pech hat, lösen diese eine Lungenentzündung aus (siehe Info-Box unten).

Der Priester duscht im Büro

Den Trubel um die Legionellen versteht sie nicht. Das Donaucenter sei doch nicht das einzige Gebäude mit diesem Problem. Verärgert ist sie auch, dass die geplante Fassadenerneuerung wegen der nun notwendigen Sanierungsmaßnahmen platzt. „Das Wasserproblem kostet uns bestimmt bald eine Million“, schimpft die Frau, die als Eigentümerin auch in der Pflicht ist.

„Ich dusche im Büro“, sagt ein Mieter, der Priester in einer kroatischen Kirche ist. „Ich finde das alles komisch“, sagt er. Würden Prominente hier wohnen, würde man sich eher um das Problem kümmern. Er schleppt zwei Kisten stilles Wasser in seine Wohnung.

Anzeige wegen Körperverletzung

Friedrich Mayer-Reiter ist Mieter und hat Anzeige erstattet

Friedrich Mayer-Reiter ist Mieter und hat Anzeige erstattet

Friedrich Mayer-Reiter ist sauer – auf die Hausverwaltung, die Eigentümergemeinschaft und auf das Gesundheitsamt des Landkreises Neu-Ulm. Alle drei hat er bei der Staatsanwaltschaft Memmingen wegen des Verstoßes gegen die Hygiene- und Wasserordnung und wegen des Verdachts der fahrlässigen versuchten Körperverletzung angezeigt. Ein Sprecher der Kriminalpolizei Neu-Ulm bestätigt das, der Ermittlungsauftrag der Staatsanwaltschaft liege vor. Das Gesundheitsamt sei um eine Stellungnahme gebeten worden.

„Was mich ganz massiv stört, es fühlt sich keiner zuständig“, beklagt der 60-Jährige Mayer-Reiter. „Ich möchte gerne wissen: wer ist verantwortlich für diese Situation.“ Deswegen habe er die Anzeige erstattet. In dem Wohnhaus teilt sich die Meinung der Bewohner über seine Reaktion. „Endlich mal einer, der was tut“, heißt es aus der Ecke der Mieter, wer Eigentümer ist, wettert eher gegen ihn. „Soll er doch gehen, wenn es ihm hier nicht passt“, sagt eine Eigentümerin.

Manch Eigentümer will gar nichts machen

Aus Sicht der Eigentümergemeinschaft könnte Abhilfe durch Selbsthilfe geschaffen werden. „Es gibt für jeden Mieter und Eigentümer Möglichkeiten, ganz normal weiterzuleben, sprich: Duschfilter einbauen oder selber die Leitungen desinfizieren“, sagt Eigentümerbeirat Jochen Sporhahn, der auch die Apotheke im Donaucenter leitet.

Die Anzeige von Mayer-Reiter sieht er als haltlos. Die Komplexität des Gebäudes sei allerdings eine Herausforderung. Bis über das Duschverbot erneut entschieden werden könne, werde es noch mehrere Wochen dauern.

Infos Legionellen

Legionellen sind weltweit verbreitet. Sie gedeihen in warmem Süßwasser und können die Lungen von Menschen befallen, wenn zerstäubtes Wasser eingeatmet wird. Infektionsquellen sind daher Klimaanlagen, Duschen, Whirlpools und andere Warmwassereinrichtungen, in denen Dampf oder Sprühnebel entsteht. Die Infektion beginnt meist mit Husten, Durchfall und Fieber. Später kann es zu schweren Lungen- und Rippenfellentzündungen kommen. Legionellen im Magen-Darm-Trakt sind dagegen in der Regel harmlos. Eine Übertragung der Legionellen von Mensch zu Mensch ist unmöglich.

Die Legionellose hat zwei Krankheitsbilder: Das weniger gefährlichen Pontiac-Fieber und die Legionärskrankheit. Letztere wurde 1976 wegen zahlreicher Erkrankungen bei einem Treffen von Kriegsveteranen in einem Hotel in Philadelphia in den USA bekannt und erhielt so ihren Namen. Das Robert Koch-Institut hat 2012 in Deutschland 649 Legionellose-Fälle offiziell registriert. Die Dunkelziffer sei jedoch hoch. Es geht jährlich allein von etwa 15.000 bis 30.000 Fällen der Legionärskrankheit aus.

(dpa)

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