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Wenn Eure Wahllokale nicht barrierefrei sind, hat Euch Guildo nicht mehr lieb

Interview mit Schlagersänger Guildo Horn, der mit drei behinderten Menschen als Wahllokal-Checker durch Deutschland tourt.

Guildo Horn (l.) mit seinem "A-Team" in Berlin vor dem Nachbarschaftshaus mit Petra Groß (2.v.r.), Michael Wahl (r) und Raul Krauthausen (Foto: Paul Zinken/dpa)

Guildo Horn (l.) mit seinem „A-Team“ in Berlin vor dem Nachbarschaftshaus mit Petra Groß (2.v.r.), Michael Wahl (r) und Raul Krauthausen (Foto: Paul Zinken/dpa)

Der Schlagersänger Guildo Horn (50) ist als Busfahrer unterwegs – für eine gute Sache. Er will testen, wie barrierefrei Deutschlands Wahllokale sind (also, ob sie zum Beispiel rollstuhlgerecht sind oder ob es Unterlagen für Sehbehinderte und Blinde gibt). Seit Montag tourt er für die Aktion Mensch mit drei Behinderten quer durch Deutschland (ROLLINGPLANET berichtete).

Das Thema ist angesichts der Bundestagswahl am 22. September 2013 aktueller denn je: Laut einer Umfrage finden nur zehn Prozent der Deutschen, dass Wahllokale barrierefrei sind. Unlängst hat das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit formuliert, welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten, damit Menschen mit Behinderung ohne Hürden wählen können.

Das erste Wahllokal heute im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schnitt allerdings bei Guildo Horn und seinem „A-Team“ gut ab. Nun reisen die Tester noch bis 23. August nach Hamburg, Kassel, Köln und München. Ziel sei es, auf mögliche Verbesserungen hinzuweisen – damit jeder, der wählen wolle, auch wählen könne, wie der gebürtige Trierer Guildo Horn („Guildo hat euch lieb“) im Interview sagt.

Interview: „Es geht darum, die freie Entscheidung zu haben“

Das Quartett testet im Auftrag der Förderorganisation "Aktion Mensch" bundesweit ausgewählte Wahllokale auf ihre Barrierefreiheit. (Foto: Paul Zinken/dpa)

Das Quartett testet im Auftrag der Förderorganisation „Aktion Mensch“ bundesweit ausgewählte Wahllokale auf ihre Barrierefreiheit. (Foto: Paul Zinken/dpa)

Wieso werden Sie als Schlagerstar jetzt Busfahrer?

Das liegt bei uns in der Familie. Meine Mutter ist auch Bus gefahren bei der Lebenshilfe Trier. Das Fortbewegen hat bei uns eine Riesentradition. Als ich von dieser Tour der Aktion Mensch gehört habe, bin ich da selbstständig vorstellig geworden als Busfahrer, ich war der einzige Bewerber – und dann haben die mich da genommen.

Sie sind aber nicht behindert. Wie wollen Sie dann Wahllokale auf Barrierefreiheit testen?

Aktion MenschIch habe ja meine Spezialisten – mein A-Team (Foto: Aktion Mensch) – mit im Gepäck. Das sind Petra Groß, lernbehindert, Raúl Krauthausen, mit Glasknochen im Rollstuhl, und Michael Wahl, unser Blindenexperte. Die werden die Dinge aus ihrer ganz persönlichen Sicht bewerten.

Wie muss ein Wahllokal denn sein, damit es barrierefrei ist?

Ganz wichtig ist, dass Du mit dem Rollstuhl da hochkommst. Wenn man nur Treppen hat, ist man ausgeschlossen. Wenn du blind bist, ist es wichtig, dass du eine Wahlschablone hast. Sonst bist du darauf angewiesen, dass jemand mit in die Wahlkabine geht und das Kreuzchen macht. Das hat aber nichts mehr mit geheimer Wahl zu tun. Und für Menschen mit einer Leseschwäche könnte man mehr mit Symbolen arbeiten.

Was ist das Ziel der Wahllokal-Tester?

Wir brechen nicht auf, um zu sagen, was alles schlecht ist. Unser Ziel ist, auf Dinge hinzuweisen – ist ja noch ein bisschen Zeit bis zur Wahl – die man noch verbessern kann. Ich bin total sicher, dass das keiner absichtlich tut. Wenn was nicht funktioniert, liegt das eher daran, dass die Leute nicht informiert sind.

Berlin, Hamburg, Kassel, Köln und München. Sie werden ganz schön herumkommen. Werden die gemeinsamen Erfahrungen Ihre Truppe zusammenschweißen?

Uns gibt es bereits jetzt nur noch in der „Wir-Form“. Eine konzentrierte, vierköpfige Spezialeinheit, fit auf den Punkt mit nur einer Mission: Testen! Testen! Testen!

Was packen Sie in Ihr Reisegepäck?

Die Zahnbürste wird nicht fehlen, sonst fällt man recht schnell in Ungnade bei den Kollegen. Außerdem ausreichend Wechselwäsche mit eingenähtem Namensschild, damit wir damit nicht durcheinanderkommen. Wie bereits gesagt, wir sind sehr engmaschig aufgestellt.

Sie sind ein großer Entertainer: Womit können Ihre Passagiere auf den langen Busfahrten durch die Republik rechnen?

Mit allem.

Menschen mit Behinderung können aber doch auch problemlos Briefwahl zu Hause machen, oder?

Es geht darum, die freie Entscheidung zu haben, was man möchte. Wählen zu gehen ist ja auch ein schöner Event. Man geht dorthin und zelebriert seine Wahl. Ich mag das ganz gerne. Das hat ein bisschen was Gemeinschaftliches. Wenn du zu Hause bist und Briefwahl machst, dann geht dir ein bisschen was flöten.

Wieso sind Behinderte Ihnen so wichtig?

Das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten in unserer Gesellschaft ist noch so speziell – so viele Menschen haben noch nie Kontakt mit einem geistig oder körperlich Behinderten gehabt – und auch ein bisschen Angst davor. Ich will Geschmack darauf machen, dass ein Miteinander mit Andersartigkeit ein total spannendes Ding ist, und dass jeder voneinander lernen kann. Auch von Menschen, von denen man denkt, die haben Defizite. Keiner hat nur Defizite.

Danke für das Interview.

Das ist Guildo Horn

Guildo Horn setzt sich seit Jahren für Menschen mit Behinderung ein (siehe auch Links ganz unten). Horst Köhler, wie er bürgerlich heißt, wurde in Trier (Rheinland-Pfalz) geboren. Er ist ausgebildeter Musiktherapeut. Nach seinem Abitur absolvierte er zunächst ein soziales Jahr in einer Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe in Trier. Er studierte Pädagogik.

Seine Karriere als Schlagersänger begann 1991 in Trier, wo er von Oktober 1992 bis 1994 fast jeden Sonntagabend mit ironisch gefärbten Schlagertexten im Kölner Musikclub „Luxor“ auftrat. 1994 sang er zum ersten Mal in der „ZDF-Hitparade“, wo er den dritten Platz belegte. Erfolgreich war er mit seiner Gruppe „Guildo Horn & die Orthopädischen Strümpfe“. Mit dem Titel „Guildo hat euch lieb!“, einer ironisch überzeichneten Interpretation deutscher Schlagerseligkeit, trat er beim Eurovision Song Contest 1998 für Deutschland an. Geschrieben wurde der Song von Stefan Raab, Horn belegte den siebten Platz.

Guildo-hat-die-Behinderten-lieb lebt in Much im Bergischen Land (Nordrhein-Westfalen).
Quelle: Wikipedia)

(RP/Birgit Reichert/Interview: mit Zitaten von Aktion Mensch/dpa)

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4 Kommentare

  • Uschi Schaub

    Könnt ihr bitte mal auflisten, wie oft euch gesagt wird: „dafür gibt es Briefwahl“ ? Bevor ich diesen Vorschlag mit der Begründung ablehnte: „ich möchte selbst bestimmen, wann ich wo wähle“, habe ich diesen Spruch oft gehört, oder man hat mir die Papiere und die Urne mit all seinen Wahlhelfern vor das Wahllokal in eine ungestörte Atmosphäre gebracht. Heiße Diskussionen unter den Beteiligten, ob das legal sei, ließen meinen Vorschlag umsetzen . Seither kann ich einen barrierefreien Seiteneingang nutzen und es wird das teure Parkett meines Wahllokales an diesem Tag mit Filzläufern ausgelegt, damit wir zur Urne rollen können.

    19. August 2013 at 16:24
  • Claudia Pfeffer

    es ist eigentlich eine echte frechheit, wenn auf der wahlbenachrichtungskarte auch noch steht, der wahlraum sei barrierefrei, im gebirge oder im 1. stock ohne aufzug, also guildo hat uns offenbar wirklich lieb, uns ALLE.danke.

    20. August 2013 at 08:09
  • Monika Jäger

    Auf meiner Wahlkarte steht, dass mein Wahlraum NICHT barrierefrei sei, ich weiß aber, dass er das ist!!! – Vielleicht haben sie ja extra für mich Treppen gebaut… 😉

    20. August 2013 at 08:24
  • Hans Stattkus

    „Es geht darum, die freie Entscheidung zu haben“ Diese Aussage ist wie ein Schlag ins Gesicht für jeden Behinderten. Wenn ich in Dortmund mit dem Linienbus von A nach B fahren möchte, dann darf ich selber nicht Entscheiden wann und wo ich aus dem Bus steigen darf, das darf nur die DSW21. Denn ich bin schon mittlerweile 106mal an Haltestellen entweder stehen gelassen worden oder der Busfahrer lässt mich nicht an meiner Haltestelle Aussteigen.
    Und es kümmert keinen, denn ich habe eine Anzeige wegen Nötigung am Hals, da ich vor Verzweiflung und Wut einen Bus blockiert habe. Der Bus hatte eine Rampe, nur der Busfahrer behauptet ich mit meinem Rollstuhl sei zu schwer für die Rampe. Mein Rollstuhl mit mir hat ein höchst Gewicht von 200 kg, auf den Rampen steht ein max. Gewicht von 350-550 kg. Jetzt sagt mir jemand was da zu schwer sein soll.
    Aber das Interessiert keinen Menschen auch nicht der
    Guildo-hat-die-Behinderten-lieb.
    Da kann ich nur lachen. Wenn er in Zeitung gut dasteht dann ist er der größte pfui Teufel.
    Hans

    20. August 2013 at 21:20

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