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Wenn Fernsehen Menschen mit Behinderung behindert

Gehörlose und blinde Menschen am meisten betroffen: Eine Studie zur Barrierefreiheit offenbart Mängel insbesondere bei privaten Sendern.

Studie zeigt: Menschen mit Behinderungen fühlen sich bei der Fernsehnutzung häufig ausgeschlossen. (Foto: fotolia)

Studie zeigt: Menschen mit Behinderungen fühlen sich bei der Fernsehnutzung häufig ausgeschlossen. (Foto: fotolia)

Menschen mit Behinderungen fühlen sich bei der Fernsehnutzung häufig ausgeschlossen. Das zeigt eine Studie der Technischen Universität Dortmund und des Hans-Bredow-Instituts an der Universität Hamburg zum Thema Barrierefreiheit, die am Montag veröffentlicht wurde. Das gilt nicht etwa nur für Seh-, sondern sogar noch mehr für Hörbeeinträchtigte und für private Sender mehr als für öffentlich-rechtliche. So gaben beispielsweise 69 Prozent der gehörlosen Befragten an, sie seien mit den Angeboten für Barrierefreiheit dort unzufrieden. Bei den öffentlich-rechtlichen sind es 22 Prozent, 61 Prozent der Gehörlosen wünschen sich insgesamt mehr Sendungen mit Untertiteln.

Barrierefreiheit ist laut der von den Medienanstalten und der Aktion Mensch geförderten Studie für Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen ein wichtiges Kriterium, nach dem sie entscheiden, was sie im Fernsehen anschauen. Für sie sei von immenser Bedeutung, wie gut sich entsprechende barrierefreie Angebote finden lassen. So sei es zum Beispiel nicht immer leicht zu überschauen, welche Sendungen mit Gebärdensprache untertitelt sind.

Wie Menschen mit Behinderung Medien nutzen

Die große Mehrheit der Befragten nutzt das Fernsehen regelmäßig, hier zeigen sich recht geringe Unterschiede zur Gesamtbevölkerung, dies gilt auch für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen. In fast allen Teilgruppen sind es im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sogar mehr Befragte, die regelmäßig fernsehen.

Für das Internet lassen sich hingegen erhebliche Unterschiede zur Gesamtbevölkerung konstatieren. Nach Teilgruppen betrachtet sind besonders viele Personen mit Hörbeeinträchtigungen regelmäßig im Internet. Die Experten betonten, dass das Internet die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten enorm erweitert hat. Deutlich weniger Menschen mit Lernschwierigkeiten sind regelmäßig im Internet, sowohl im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als auch im Vergleich zu den anderen Teilgruppen. Ein Grund liegt in der Ausstattung mit Geräten. Weniger als die Hälfte der Befragten hat Zugang zu einem Computer oder Laptop mit Internetzugang im Haushalt, nur ein gutes Drittel besitzt ein Smartphone und nur jeder Zehnte hat Zugang zu einem Tablet-PC. Bei den blinden Befragten beträgt der Anteil der Menschen, die nicht ins Internet gehen, der Studie zufolge sogar 43 Prozent.

Wenn das Sehvermögen ausreicht, Bilder zu erkennen, entscheiden sich die TV-Nutzer/innen nicht unbedingt für Audiodeskription – wenn sie denn überhaupt zur Verfügung steht. Sehbeeinträchtigte haben je nach Sehvermögen und Art der Sehschädigung andere Strategien beim Fernsehen. Sie nutzen sehr große Bildschirme und gehen bei Bedarf nah vor den Bildschirm, um zum Beispiel Schrift lesen zu können. Oder sie nutzen kleine Bildschirme sehr nah vor dem Gesicht. Blinde Nutzer sind auf die Beschreibung der Bildinhalte angewiesen, sei es durch Audiodeskription oder durch andere Personen, die mit ihnen zusammen fernsehen. Ein knappes Drittel der Teilgruppe hat oft oder manchmal Probleme, Sendungen zu folgen, die nicht barrierefrei sind. Das betrifft vor allem Blinde, von ihnen gibt sogar die Hälfte an, sehr oft/oft (24 Prozent) oder manchmal (24 Prozent) Schwierigkeiten zu haben. Damit sind sie nach den ertaubten und gehörlosen Befragten die Gruppe, die durch fehlende Barrierefreiheit am stärksten in ihrer Fernsehnutzung behindert wird.

Erste Ergebnisse der Studie wurden bereits im Oktober im Rahmen eines Panels auf den Medientagen München diskutiert. Für die Hauptuntersuchung befragte das Marktforschungsinstitut IPSOS in der Zeit vom 7. Juni bis zum 12. Juli vergangenen Jahres 610 Menschen mit Seh-, Hör-, mit körperlich-motorischen Beeinträchtigungen und mit Lernschwierigkeiten.

Studie:
Zusammenfassung
Langfassung

(RP/PM/mit Materialien von dpa)

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1 Kommentar

  • André Rabe

    Irgendwie fragt man sich schon, was die Studie nun wirklich neues bringt und was mit den Ergebnissen bezweckt wird? Ich glaube kaum, dass die privattsender deswegen nun anfangen werden Audiodeskription in ihr Angebot aufnehmen werden.
    Und oft ist es auch nicht die fehlende Audiodsekription, die eine Sendung (Show) schwierig macht, sondern Moderatoren, die zwar viel reden, aber die wichtigen Dinge nicht verbalisieren. Z. B. eingeblendete Kontaktwege usw. Gelegentlich wird sogar darauf hingewiesen, das Kontaktdaten eingeblendet werden, was ja der sehende sicher sieht, also warum nicht gleich die Info aussprechen als nur darauf hinweisen?
    Oder Beim Wetterbericht wird gesagt das hier und da, dabei wird wahrscheinlich auf die Stellen auf einer Karte gezeigt, dabei könnte man genau so gut auch gleich echte Information damit transportieren.

    16. Januar 2017 at 07:40

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