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Wenn Herr Grube anruft

Der Bahnchef will nicht immer die „A-Karte“. Keine Sorge, die haben immer noch Menschen mit Behinderung und andere Kunden.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube

Mit gefrusteten Bahnkunden kennt sich Rüdiger Grube aus – auch mit solchen, die eine Behinderung haben. Einen davon hat der Bahnchef gestern höchstpersönlich angerufen: Wheelmap-Gründer und Vielfach-Aktivist Raul Krauthausen. Der Rollstuhlfahrer lässt sich auch von ROLLINGPLANET-Berichten (siehe Links ganz unten) nicht davon abhalten, ziemlich oft das Transportunternehmen zu nutzen – so oft, „dass sich für mich eine BahnCard 100 rechnet“. Die kostet jährlich 4.090 Euro, und damit darf man dann mit so vielen Zügen herumfahren, wie man will. „Im Grunde bin ich mit dem Service der Bahn auch relativ zufrieden,“ so Krauthausen.

Neulich ist aber auch dem A-Kunden Krauthausen aufgefallen, dass bei der Bahn nicht alles klappt. Um eine lange Reise kurz zu machen: Mit anderthalb Stunden Verspätung kam der Bundesverdienstkreuzträger zu einem Workshop, weil ihn der sogenannte Mobilitätsservice der DB vergessen hatte: „Nichts tat sich. Niemand von der Bahn erschien und tauchte auf. Die Türen schlossen sich, und der Zug fuhr einfach weiter. Die Notbremse wollten wir dann doch nicht ziehen…“

Herr Grube sucht den Dialog

Es gibt Deutsche Bahn-Opfer, die noch länger gewartet haben oder noch abenteuerlichere Dinge erlebten (siehe wieder unsere Links unten), aber Krauthausen hat die ganze Sache getwittert, und das war dem Deutschen Bahn-Chef dann wohl doch peinlich: Am Dienstag „um 8:30 klingelte mein Handy“, berichtet Krauthausen.

„Eine Frankfurter Telefonnummer. Zum Glück war ich schon wach und unterwegs. Am anderen Ende der Leitung: Die Bahn. Ich staunte nicht schlecht, als es Herr Grube persönlich war. Das scheint er häufiger zu machen, wie ich beim Googeln herausfand. Er entschuldigte sich bei mir für die Unannehmlichkeiten und sprach von einer unglücklichen Verkettung von Umständen, die so eigentlich nicht vorkommen sollten. Ich habe ihm gesagt, dass für mich die Sache damit erledigt sei. Von nun an wollen wir im Dialog stehen.“

Im Dialog befand sich Grube auch mit der Berliner Rollstuhlfahrerin Ursula Lehmann – wenngleich nicht ganz so wie geplant. Das war im September. Damals stellte sich Grube auf Einladung des Deutschen Bahnkunden-Verbands in Berlin direkt den Fragen seiner empörten Kundschaft. „Wir wollen nicht immer die A-Karte“, betonte der Chef. Da kann ihn ROLLINGPLANET beruhigen – die haben immer noch oft Menschen mit Behinderung (Sie wissen schon: siehe Links unten).

Auftritt von Ursula Lehmann

Ursula Lehmann (Foto: Jasenka Villbrandt)

Ursula Lehmann (Foto: Jasenka Villbrandt)

Anfangs verlief die Veranstaltung für Grube ebenso harmlos wie harmonisch: 1939, so warf ihm ein älterer Herr mit Hosenträgern vor, da hätten die Fernverkehrszüge noch in Berlin-Charlottenburg gehalten. Und am Zoo, Friedrichstraße, Alexanderplatz. „Und damals war das Verkehrsaufkommen genauso hoch wie heute“, behauptet der Bahnfahrer. Grube widersprach gelassen. Das war eine der schärfsten Attacken, denen er zu widerstehen hatte.

Rund 50 Leute waren gekommen – meist Männer jenseits der 50 Jahre, die allerdings nicht ganz dem Bild vom typischen Reisenden entsprachen. Da saßen Fans historischer S-Bahnen, Männer, die sich den Netzplan in die Wohnung hängen, ehemalige Verkehrsplaner und heimliche Bahnchefs.

Und Ursula Lehmann. Für ihren Auftritt bekam die Rollstuhlfahrerin Szenenapplaus: Sie zählte Grube detailliert auf, dass 23 Aufzüge der Berliner S-Bahn defekt sind. „Bei der Bahn läuft was Rolle rückwärts“, sagte Lehmann, die sich selbst als „Vollzeit-Aktivistin in der Behindertenszene“ beschreibt. Als Grube ihr von mehr als 5000 Bahnhöfen in Deutschland erzählte, unterbrach sie ihn ungehalten: „Ich will doch nur durch Berlin.“ Das saß.

Es müssen ja nicht immer Behinderte sein

Es wäre schön, wenn Grube tatsächlich, wie Krauthausen gegoogelt hat, öfter mal persönlich anruft. Noch schöner wäre es, wenn er gar nicht anrufen müsste. Aber weil das nicht der Fall zu sein scheint, wäre heute für Dialog-Arbeit schon mal gesorgt:

Aktuell hatte die „A-Karte“ nicht ein Mensch mit Behinderung, sondern eine ganze Schulklasse, die von einer gnadenlosen Schaffnerin rausgeworfen wurde. Die Lehrerin war damit beschäftigt gewesen, in dem Gewusel nachzuzählen, ob alle Kinder da sind und hatte das Gruppenticket nicht entwertet. Alle Erklärungen halfen nichts – die Schaffnerin wollten ihrem Chef offensichtlich keine Dialoge wegnehmen.

20 Siebtklässler waren betroffen. Herr Grube, wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Anrufen.

(RP)

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1 Kommentar

  • Perrinha

    Klar, Krauthausen ist prominent, den Hans Müller, der sich zehn Zehen abfriert ruft niemand an. Es gibt eben doch Behinderte erster und zweiter Klasse. Ich habe bis heute weder einen Anruf noch eine Entschädigung erhalten.

    27. November 2013 at 10:37

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