Wenn Krebskranke verzweifelt sind, und ihnen Heilpraktiker viel versprechen

Die Angst vor dem Tod: Wie das Klaus-Ross-Zentrum mit aggressiver Werbung und einem nicht zugelassenen Wirkstoff Patienten lockte.

Die Internetseite bewirbt immer noch die „Klaus-Ross-Methode“ und richtet sich vor allem an niederländische Patienten, die hoffen, in Deutschland durch alternative Medizin geheilt zu werden. Der Screenshot zeigt den Heilpraktiker. (Screenshot)

Die Internetseite bewirbt immer noch die „Klaus-Ross-Methode“ und richtet sich vor allem an niederländische Patienten, die hoffen, in Deutschland durch alternative Medizin geheilt zu werden. Der Screenshot zeigt den Heilpraktiker. (Screenshot)

Es gibt keinen Namen mehr an Klingel oder Briefkasten. Links neben dem Eingang muss mal ein Schild gehangen haben. Jemand hat es abmontiert. Es sind nur noch Bohrlöcher an dem hübschen Backsteinhaus. Für Krebskranke wird es in den vergangenen beiden Jahren wohl ein Haus der Hoffnung gewesen sein.

Nun sind drei Patienten tot, zwei Frauen und ein Mann aus den Niederlanden und Belgien. Zwei Patientinnen aus den Niederlanden liegen im Krankenhaus. Als die Beschwerden auftraten, soll der Heilpraktiker nicht den Notarzt alarmiert, sondern die Patienten mit Vitaminen versorgt haben, wie der Kreis Viersen am Freitag mitteilte. Die Behörde erstattete demnach Strafanzeige gegen den Mann. Der wollte sich am Freitag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erst einmal nicht zu den Vorwürfen äußern.

Todesursache noch nicht bekannt

Belgische, niederländische und deutsche Ermittler gaben am Freitag eine Warnmeldung an weitere mögliche Patienten heraus (ROLLINGPLANET berichtete). Die Polizei weiß inzwischen, dass sich viele Niederländer in der Praxis behandeln ließen. Das Klaus-Ross-Zentrum für alternative Krebstherapie richtet sich auf seiner Internetseite vor allem an Patienten aus den Niederlanden. Denn dort werde die alternative Heilkunde strenger reguliert, und die „Heilmeister“ der Klinik dürften dort nicht arbeiten, heißt es unter anderem.

Sind die gestorbenen Patienten Opfer der Behandlung? Oder starben sie an ihrer schweren Krankheit? Die Staatsanwaltschaft war am Freitag dabei, das zu klären. „Krebspatienten sind schwer kranke Menschen. Es kann auch sein, dass sie an ihrer Grundkrankheit gestorben sind“, gab die Leiterin des Krebsinformationsdienstes Heidelberg, Susanne Weg-Remers, zu bedenken.

Der Heilpraktiker warb wie in einem Heilsversprechen für die Therapie mit einem Wirkstoff, der nicht als Medikament zugelassen ist: 3-Bromopyruvat sei das aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung, heißt es auf der Homepage – viel effektiver als Chemotherapeutika: die Tumorzelle sterbe ohne drastische Nebenwirkungen wie bei Strahlen- und Chemotherapie, so das Versprechen.

Hoffnung auf alternative Methoden

Weg-Remers weiß aus vielen Gesprächen mit Krebskranken, dass alternative Heilmethoden immer wieder ein Thema sind: „Wenn man das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, wenn die Schulmedizin keine Heilungschance mehr verspricht, dann sind Menschen bereit, etwas auszuprobieren.“ Chemotherapie, Bestrahlung, Operation – viele Patienten hätten auch einfach Angst vor dem, was die Schulmedizin biete und suchten deshalb nach alternativen Methoden.

In der Werbung des Klaus-Ross-Zentrums für alternative Krebstherapie in Brüggen-Bracht am Niederrhein ist keine Rede davon, dass 3-Bromopyruvat noch in der Grundlagenforschung ist und an Zellkulturen und an Tieren getestet wird. Bis zur Zulassung als Medikament wäre es noch ein sehr langer Weg. Krebspatienten bezahlten für das Therapie-Komplettpaket des alternativen Krebs-Zentrums laut der Homepage knapp 10.000 Euro. Die Substanzen für die Therapie ließ der Heilpraktiker nach Angaben des Kreises Viersen in einer hessischen Apotheke herstellen.

Patienten müssten die Freiheit haben, ihre Therapie zu wählen, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Aber das Gesundheitsamt des Kreises Viersen sei zuständig für die Erfassung und Überwachung der Berufe im Gesundheitswesen, damit es keine Scharlatanerie gebe. «Es kann nicht sein, dass ein Klempner oder eine Pommesbude stärker unter Aufsicht der Behörden steht, als ein medizinischer Dienstleister», sagte Brysch. Eine Pommesbude werde schließlich auch einmal im Jahr kontrolliert.

Regionales Berufsverbot für Heilpraktiker

Das Gesundheitsamt des Kreises Viersen sah nach eigenen Angaben keinen Anlass, sich vor Ort in der Praxis umzusehen. Es habe auch keine Beschwerden von Patienten gegeben. Der Heilpraktiker betreibe seine Praxis seit 2014. Seine Zulassung habe er nach entsprechenden Prüfungen von der Stadt Krefeld bekommen. Bei der Praxisdurchsuchung durch die Staatsanwaltschaft waren Amtsapotheker und Amtsärztin demnach dabei. Patientenakten und Medikamente seien sichergestellt worden.

Nach dem zuerst bekannt gewordenen Todesfall hatte das Zentrum am Mittwoch Stellung genommen und darin von dem „unbegründeten Verdacht“ gesprochen, dass die Klinik dafür verantwortlich sein könnte

Der Kreis Viersen am Niederrhein hat dem Heilpraktiker inzwischen die Berufsausübung untersagt. Die Behörde verbot ihm laut einer Mitteilung an diesem Freitag die Tätigkeit mindestens bis zum Abschluss des Ermittlungsverfahrens wegen der Todesfälle. Diese Anordnung gilt indes nur für den Kreis Viersen. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium informierte deshalb alle Gesundheitsämter des Landes, „da es Hinweise gibt, dass der Heilpraktiker auch in anderen Kreisen oder Städten tätig ist bzw. war“. Den Gesundheitsämtern obliegt die Aufsicht über Heilpraktiker.

(RP/Elke Silberer/Lena Klimkeitdpa)

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